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«Project Circleg» stellt sich vor
Aus Kultur Webvideos vom 13.12.2021.
abspielen. Laufzeit 1 Minute 58 Sekunden.

Recycelte Prothesen «Project Circleg»: Mit Plastik wieder gehen können

Mitten in Zürich-Altstetten, im Innenhof einer ehemaligen Garage, entsteht Bewegendes: «Project Circleg» hat hier sein Atelier eingemietet, wo Designer Simon Oschwald und sein Team Beinprothesen für Ostafrika entwickeln.

Oschwald erklärt, warum sie sich als «Swiss-East African social enterprise» verstehen und wie ihr Produkt bezahlbar und nachhaltig sein soll.

Simon Oschwald

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Am Anfang des «Project Circleg» stand Simon Oschwalds und Fabian Engels Bachelorarbeit an der ZHdK. Drei Jahre später ist ein achtköpfiges Team daraus gewachsen. «Project Circleg» ist als Verein organisiert und wird von Stiftungen finanziert.

Für ihre nachhaltigen Prothesen haben sie dieses Jahr den Designpreis Schweiz in der Kategorie «Going Circular Economy» erhalten.

SRF: Sie entwickeln Prothesen für Menschen in Ostafrika. Warum Ostafrika?

Simon Oschwald: In Ostafrika gibt es viel Verkehr und deshalb auch viele Verkehrsunfälle. Das ist die Hauptursache für eine Amputation. Dazu kommt, dass die medizinische Versorgung nicht auf dem gleichen Standard wie hier in der Schweiz ist.

Eine Amputation wird schnell einmal durchgeführt, auch etwa bei einem Knochenbruch. Das führt zu einer grossen Zahl an Menschen, die eine Beinprothese brauchen.

Wieso wollt ihr als Zürcher Unternehmen nun in Ostafrika Prothesen anbieten?

In Ostafrika – und das ist beispielhaft für viele Teile der Welt – herrscht ein Problem in der prothetischen Versorgung. Einerseits hat es viel zu wenig Material, andererseits ist das verfügbare Material, entweder zu teuer oder zu schlecht. Es gibt keine gute Infrastruktur.

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Problem: Teure Prothesen - Lösungsidee: Prothesen aus Plastikmüll
Aus Nouvo SRF vom 29.08.2019.
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Das heisst: Es gibt viele Punkte, die verbessert werden müssen. Mit «Project Circleg» wollen wir einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen, um grundsätzlich eine bessere prothetische Versorgung zu entwickeln.

Inwiefern ist euer Produkt nachhaltig?
Wir arbeiten mit recyceltem Material, konkret mit Polypropylen, das häufig in Verpackungsmaterialien verwendet wird. Es wird geschreddert, sortiert und gewaschen. Wir fügen Glasfasern dazu, woraus ein Regranulat entsteht. Das brauchen wir für die Komponenten des Circlegs.

Den Kreislaufgedanken zu implementieren, macht alles wahnsinnig viel komplexer.

Wenn ein Prothesen-Teil abgenutzt ist, kann es wieder in den Kreislauf zurückgebracht werden. Wir können es dann für andere Teile unseres Systems brauchen, die weniger strukturelle Ansprüche haben.

Zum Beispiel haben wir ein Knie-Teil, das relativ stark belastet wird. Andererseits stellen wir auch Covers her, also quasi die Kosmetik des Beins, die weniger belastet wird, und deshalb auch weniger Ansprüche ans Material stellt.

Belastbare Knie aus recyceltem Material herzustellen klingt nach einer Herausforderung.

Absolut. Den Kreislaufgedanken zu implementieren, macht alles wahnsinnig viel komplexer. Bei allen Materialien, die wir brauchen, müssen wir uns überlegen: Ist das recyclebar? Wie lange halten diesen Materialien? Sind sie austauschbar?

Es sind Aspekte, die in jeden Faktor des Produkts einfliessen. Das macht alles viel komplizierter, aber eben auch viel besser.

Wie lange halten eure Prothesen?

Für Prothesen gibt es Standards der WHO. Demnach muss eine Prothese mindestens drei bis fünf Jahre halten. Natürlich kommt es darauf an, was die Trägerin oder der Träger damit im Alltag macht. Jemand, der immer auf dem Bürostuhl sitzt, hat natürlich eine andere Belastung als jemand, der auf dem Feld arbeitet.

Momentan sind wir dran, diesen Zertifizierungsprozess durchzumachen, um zu sehen, wie lange unsere Materialien effektiv halten.

Die ganze Wertschöpfungskette soll lokal passieren.

Das Design der Prothesen entsteht in Zürich. Wie gelangt das Endprodukt zu den Menschen in Ostafrika?

Die Grundidee von «Project Circleg» ist, dass die ganze Wertschöpfungskette lokal passiert. In unserem Fall ist das Nairobi in Kenia.

Dort werden wir die Prothesen herstellen und dann lokal verkaufen – aber auch in die Nachbarländer, um den Wert möglichst in kleinem Radius zu behalten und so auch den Kreislauf schliessen zu können.

Noch seid ihr in der Aufbauphase. Wie geht es weiter?

Wir planen, unsere Produktion 2023 zu starten. Nächstes Jahr sind aber Wahlen in Kenia. Je nach Ausgang dieser Wahlen hat das einen Einfluss auf unsere Arbeit und wie stabil die Lage ist. Wir müssen stets in Betracht ziehen, unter welchen Bedingungen wir vor Ort arbeiten können.

Das Gespräch führte Flurin Michel.

SRF 1, Einstein, 09.12.2021, 21:05 ; 

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