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Reformierte Kirche bestätigt Übergriffe von Ex-Präsident Locher
Aus Tagesschau vom 04.08.2021.
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Reformierte Kirche Untersuchungsbericht bestätigt Übergriffe von Gottfried Locher

Der Bericht der reformierten Kirche stellt Locher kein gutes Zeugnis aus: Er soll seine Macht missbraucht und eine ehemalige Mitarbeiterin in ihrer Persönlichkeit verletzt haben.

Der ehemalige Präsident der Reformierten Kirche Schweiz, Gottfried Locher, hat eine ehemalige Mitarbeitende in ihrer sexuellen, psychischen und spirituellen Integrität verletzt. Zu diesem Schluss kommt ein Untersuchungsbericht.

Verfasst hat den Bericht eine von der Kirche eingesetzte Untersuchungskommission. Diese wiederum hatte eine externe Anwaltskanzlei mit der Aufarbeitung betraut. Die Aufarbeitung des Falls kostete die Kirche bisher rund 400'000 Franken, wie Roland Stach, Mitglied der Untersuchungskommission, am Mittwoch vor den Medien in Bern ausführte.

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Aus dem Archiv: Die Hintergründe des Locher-Rücktritts
Aus Rundschau vom 10.06.2020.
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Der Bericht stellt Locher kein gutes Zeugnis aus: Er habe seine Macht als Kirchenpräsident missbraucht und eine ehemalige Mitarbeitende in ihrer Persönlichkeit verletzt. Der damals oberste Reformierte hat nach Ansicht der Kommission «nicht rechtschaffen gehandelt und gegenüber der ehemaligen Angestellten kein vorbildliches Verhalten gezeigt», steht im Bericht.

Locher habe Berufliches und Privates nicht genügend getrennt, lautet ein weiterer Vorwurf. Statt die Beziehung zur Beschwerdeführerin auf das Berufliche zu reduzieren habe er stets neue Versuche unternommen, die Beziehung wieder ins Persönliche zu verlegen. Die Mitarbeitende sei damit «unerwünschten Avancen» Lochers ausgesetzt gewesen. Der Vorwurf, Berufliches und Privates nicht zu trennen, dürfte auch auf eine weitere Liebesbeziehung Lochers mit einem Mitglied des Kirchenrats gemünzt sein.

«Es handelt sich klar um sexuelle Belästigung»

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Einschätzung von Religionsredaktorin Nicole Freudiger zum Untersuchungsbericht.

Was genau wird im Bericht festgehalten?
Der Bericht sagt klar: Gottfried Locher habe eine ehemalige Mitarbeiterin sexuell belästigt und ihre psychische und spirituelle Integrität verletzt. Das wird zum ersten Mal so klar benannt. Bis jetzt war immer schwammig von «Grenzverletzungen» die Rede.
Die Frau war beim Kirchenbund, der Vorgängerorganisation der Evangelisch-Reformierten Kirche Schweiz, angestellt. Gottfried Locher war ihr Vorgesetzter. Deshalb trage auch die Kirche eine Mitverantwortung. Die Untersuchungskommission rät, der Frau eine «faire Wiedergutmachung» zu bezahlen.

Als die Vorwürfe bekannt wurden und Gottfried Locher zurücktrat, war die Rede von sechs weiteren Frauen – steht dazu auch etwas im Bericht?
Nein. Die EKS hat zwar extra eine Meldestelle für betroffene Frauen eingerichtet. Dort haben sich auch sechs Frauen gemeldet. Drei wollten aber nicht weiter Auskunft geben und drei betrafen weder die EKS noch Gottfried Locher.

Vieles davon war schon bekannt. Was bewirkt denn nun dieser Bericht noch?
Er wirkt vor allem gegen innen. Der Bericht enthält 17 Empfehlungen für die Evangelisch-Reformierte Kirche Schweiz. Dabei geht es vor allem darum, Strukturen für den Krisenfall zu schaffen. Und klare Handlungsanweisungen festzulegen bei Mobbing und sexuellen Übergriffen. Da hat die EKS also noch einige Hausaufgaben zu erledigen. Andererseits soll er auch ein Zeichen sein, dass die EKS es ernst meint mit der Aufarbeitung der Affäre Locher. Präsidentin Rita Famos war es heute wichtig zu betonen, dass die reformierte Kirche keinen Missbrauch duldet.

Braucht es organisatorische Änderungen?

Locher selber habe sich bei der Aufarbeitung des Falls nicht kooperativ gezeigt, bilanzierte Marie-Claude Ischer, Präsidentin der Untersuchungskommission, vor den Medien. Die mit der Untersuchungsarbeit betraute Anwaltskanzlei habe zu Locher Kontakt gesucht, dieser sei darauf aber nicht eingetreten.

Die Kommission hat zuhanden der Kirchenleitung verschiedene Empfehlungen abgegeben. Die Reformierte Kirche unterstützt bis auf einen sämtliche Vorschläge, sagte Präsidentin Rita Famos. Anderer Meinung sei die Kirchenleitung in Bezug auf vorgeschlagene organisatorische Änderungen. Das Kirchenparlament habe erst vor kurzem eine neue Verfassung in Kraft gesetzt, führte Famos aus. Sie brauche nicht bereits revidiert zu werden. Doch letztlich entscheide dies das Kirchenparlament im kommenden Herbst.

Die Kommission schlägt der Kirchenleitung vor, eine von der ehemaligen Mitarbeiterin gestellte Forderung auf Wiedergutmachung zu prüfen.

Mitarbeiterin wirft «Grenzüberschreitungen» vor

Als Gottfried Locher 2011 Präsident der Evangelisch Reformierten Kirche Schweiz wurde, galt er vielen als Hoffnungsträger. Später erhob aber eine ehemalige Angestellte Vorwürfe wegen «Grenzüberschreitungen». Auch weitere Frauen erhoben ähnliche Vorwürfe.

2020 verliess Pfarrerin Sabine Brändlin das Leitungsgremium der Reformierten Kirchen. Sie hatte offengelegt, mit Locher ein Verhältnis gehabt zu haben. Locher sah hinter den Vorwürfen eine orchestrierte Kampagne gegen ihn. Mit PR-Beratern und Anwälten versuchte er lange, die Deutungshoheit des Geschehens zu behalten.

Ende Mai 2020 trat Locher schliesslich zurück. Neue oberste Protestantin wurde im November 2020 Pfarrerin Rita Famos. Sie hatte bereits 2018 erfolglos gegen Locher kandidiert.

SRF 4 News, 04.08.2021, 15:00 Uhr;

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55 Kommentare

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  • Kommentar von Niklaus Kunz  (Niklaus Kunz)
    Was ist eine Grenzüberschreitung ? Welche Grenz... hat Locher begangen ? Wer der hier Kommandierenden war dabei ? Warum wissen hier alle, um was es KONKRET geht ?
    Kann mich jemand aufklären ?
  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Ich bin selbst reformiert und kann sagen dass Herr Locher bei der Basis sehr umstritten war. Nicht nur wegen dem was er mit der reformierten Kirche plante sondern auch wie er allgemein auf uns wirkte.
    1. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Alex Volkart: ganz Ihrer Meinung - Meinung von ganz vielen, ganz unterschiedlichen Leuten!
  • Kommentar von Nicole Meier  (Oliv)
    Zudem besteht ein Abhängigkeitsverhältnis das der Arbeitgeber schamlos ausgenutzt hat. Und er verletzt die Sorgfaltspflicht.