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Corona: Verschwörungsmythen und andere Seuchen
Aus Sternstunde Religion vom 19.04.2020.
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Religiöse Deutung von Seuchen Mit Frömmigkeit gegen das Übel

Warum hat es uns getroffen? In Zeiten von Seuchen und Pandemien steigt auch der Erklärungsbedarf. Das spiegelt sich in der Religionsgeschichte.

Sie ist wahrlich kein Beispiel für die Solidaritäts- und Integrationskraft von Seuchen: die Pest von 1348. Die Zeit des «Schwarzen Todes» ist die Zeit erschütternder Judenpogrome. Jüdische Gemeinden in Deutschland, Frankreich und der Schweiz wurden fast gänzlich vernichtet.

Vom heute bekannten Floh-Erreger wusste man nichts, also suchte man andere Erklärungen für die Krankheit, die einem Drittel der damaligen Bevölkerung – ca. 25 Millionen Europäern – das Leben kostete.

Schon vor dem Pestausbruch war das Verhältnis zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung angespannt. Vorwürfe wie jener der Brunnenvergiftung fanden neuen Auftrieb – die angeblichen Verursacher für die Epidemie waren gefunden.

Mit Frömmigkeit gegen die Seuche

Die Pestpogrome von 1348-1351 gelten als das furchtbarste Blutbad vor dem Holocaust. Viel weniger bekannt ist, wie sich die Menschen in den darauffolgenden europäischen Pestwellen im 15. und 16. Jahrhundert verhielten.

Diese Zeit war unter anderem geprägt von einem Gesinnungswandel, wie die Medizinhistorikerin Martina King erklärt: «Seit den 1370er-Jahren wird die organisierte Frömmigkeit zu einem festen Bestandteil der Seuchenbekämpfung. Es gibt dazu viele Beispiele aus Italien, aber auch aus der Schweiz und Deutschland.»

Martina King

Martina King

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Martina King ist in Germanistik und Medizingeschichte habilitiert und arbeitet als ordentliche Professorin für Medical Humanities an der Universität Fribourg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt Seuchengeschichte sowie die Kulturgeschichte der Bakteriologie.

Weil man den angeblichen Zorn Gottes besänftigen musste, gab es kollektive Litaneien, kollektives Fasten und tagelange Massenprozessionen. «Man findet das vom ausgehenden 14. bis zum 17. Jahrhundert. Es betrifft ganze Städte, die gemeinsam quasi gegen die Epidemie marschieren.»

Zwei Menschen in einem Bett. Sie haben Pestbeulen. Nebenan steht ein Geistlicher. Er scheint zu beten.
Legende: Die Pest als Gottes Strafe? Illustration aus der Toggenburger Bibel aus dem Jahr 1411. Getty Images / Fine Art

Daher rühren auch bekannte Votiv-Bauwerke wie die Kirchen «Il Redentore» oder «Santa Maria della Salute» in Venedig oder die Pestsäule am Wiener Graben. «Als Dankesgaben zum Verschwinden der Pest sind sie Zeugnisse für die tiefe Frömmigkeit der damaligen Bevölkerung», erklärt die Medizinhistorikerin.

Eine Strafe Gottes

Ende des 15. Jahrhunderts brach eine neue Erkrankung, die Syphilis, über die europäische Bevölkerung ein. Analog zur Pest wurde sie als «Strafe Gottes» verstanden.

«Die Syphilis ist eine interessante Krankheit, weil sie durch ihren Übertragungsweg – nämlich durch Sexualakte – klar mit ‹Sündhaftigkeit› verbunden werden konnte. Die Bedrohung der Krankheit, war man sich sicher, lag im Sittenverfall der Zeit.»

Eine Krankheit in diesem Ausmass konnte man sich offenbar nicht anders als mit Gott erklären, so King. Damit einher ging massive Kritik an den Sitten des Volkes von autoritativer Seite, die in sogenannten Syphilistraktaten und Edikten formuliert wurden. Die Menschen, hiess es, hätten «einem gottlosen, verderbten Leben stattgegeben», so King.

Eine Plakat, die eine schöne Frau zeigt. Sie wird als sündhaft illustriert.
Legende: Gefährliche Versuchung: Auch später wurde die Siphylis als Krankheit der Sündigen dargestellt. (Plakat aus den USA, 1940) Getty Images / Universal History Archive

Seuchen und Sterne

Vermischt wurde diese Überzeugung mit einem astrologischen Deutungsmuster, was am deutlichsten in Dürers Flugblatt «Darstellung eines Syphilitikers» von 1496 zu Tragen kommt. «Man glaubte, dass die seltene Konjunktion der Planeten Saturn und Jupiter im Zeichen des Skorpions und Hause des Mars die Ursache der Epidemie gewesen sei.»

Durch das theologisch überformte Weltbild beeinflussten Epidemien bis in die späte Neuzeit die christliche Religionspraxis. «Dieser Deutungsbedarf verschob sich durch die Aufklärung und den Säkularisierungsschub hin zu einer dissidenten Frömmigkeit, die sich eben nicht mehr an Lehren grosser Weltreligionen hält.»

Ausschnitt aus Albrecht Dürers «Darstellung eines Syphilitikers».
Legende: Ausschnitt aus Albrecht Dürers «Darstellung eines Syphilitikers». Imago / KHARBINE-TAPABOR

Alte Muster, neue Interpretationen

Doch noch heute liest man etwa vom russisch-orthodoxen Erzbischof von Berlin, der das Coronavirus als Strafe Gottes für Transsexualität und Sterbehilfe versteht. Daneben tummeln sich esoterische Erklärungsmuster und Bewältigungsstrategien, die sich durch weltweite Meditation die Desinfizierung des Planeten erhoffen.

Klar ist: Seuchenzeiten bringen immer wieder hohen Deutungsbedarf mit sich.

SRF 1, Sternstunde Religion, 18.4.2020, 10.00 Uhr

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Baumann  (Christian Baumann)
    "She may be..."
    Dieses Plakat ist total frauenfeindlich, liebe SRF!
    Müsst ihr diesen Unsinn von vor 80 Jahren unbedingt verwenden, um den Inhalt des Artikels zu illustrieren? Geht's nicht auch anders?
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von SRF Kultur (SRF)
      @Christian Baumann Wir haben uns dazu entschieden, dieses Plakat zu zeigen, weil es sehr deutlich illustriert, dass diese mittelalterliche Argumentation noch sehr lange Bestand hat - bis in die 1940er-Jahre, und sogar bis heute. Im Kontext dieses Artikels halten wir das für angebracht - auch wenn das Plakat natürlich anstössig ist.
    2. Antwort von Christian Baumann  (Christian Baumann)
      @SRF Kultur: Ich akzeptiere dieses Argument unter Vorbehalt.
      Wieso ist auf dem Plakat eine Anspielung auf weibliche Prostitution zu sehen? Wieso verwendet ihr keine Illustration, die sich auf beide Geschlechter bezieht? Zur Uebertragung von Geschlechtskrankheiten braucht es bekanntlich mindestens ZWEI Personen (und das muss nicht unbedingt die Frau sein, so wie es das Plakat suggeriert).
    3. Antwort von SRF Kultur editor
      @Christian Baumann Es ist so, dass in dieser Kampagne meistens Frauen als "sündig" dargestellt werden. Diese Plakate geben nicht unsere Ansichten wieder, sondern spiegeln einen (natürlich durchaus sexistischen) Zeitgeist.
  • Kommentar von Yannic Fivaz  (YFivaz)
    Verschwörungstheorien haben nichts mit Mythen oder Religion zu tun. Man muss nichts glauben, sondern es wird immer mit dem Anspruch angetreten, alles beweisen zu können. Komplexreduktion ist genauso verfehlt. Bei Verschwörngstheorien handelt es sich oft um sehr komplexe Hypertexte.
    Was hier gemacht wird, ist lediglich krude Religionskritik. Von einem Religionswissenschaftler würde ich mir wünschen, dass er seine Begriffe reflektiert verwendet und seine Untersuchungsobjekt ernst nimmt.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Olivia Röllin  (Olivia Röllin)
      Sehr geehrter Herr Fivaz,
      krude Religionskritik? Können Sie diesen Eindruck mit konkreten Inhalten fundieren und haben Sie die Sendung bis zum Ende geschaut? Ich kann nichts dergleichen feststellen. Herrn Blume vorzuwerfen, dass er sein Untersuchungsobjekt nicht ernst nehme, ist irritierend. Der Mann beschäftigt sich seit Jahren damit und hat einen eigenen Podcast dazu (https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/author/blume/) was sein Leben in der Tat auch gefährdet!
  • Kommentar von Kelsang Gyaltsen  (Kelsang Gyaltsen)
    Leider finden wir nie gültige Antworten auf Ereignisse in unserem Leben, ausser wir beschäftigen uns mit dem Gesetz von Karma https://kadampa.org/de/reference/karma1 . Buddhas Anleitungen führen nicht nur dazu, dass wir verstehen, was vor sich geht, sondern sie bringen uns durch Geistes-Schulung auch dazu, immer einen ruhigen und friedvollen Geist zu bewahren, was auch immer geschieht. Immer mehr Menschen erfahren, dass Buddha Antworten auf Fragen hat, die wir sonst nirgends finden. Viel Glück!
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    1. Antwort von Katharina Regli  (Kathareina)
      Das alte und neue Testament ist voll von Hinweisen auf die Wiedergeburt und Karma. "Irret euch nicht! Gott lässt seiner nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er auch ernten" (Gal. 6.7). Aber wenn diese Zitate, mit allen logischen Konsequenzen, die daraus hervorgehen, der Wahrheit entsprechen, warum sollte man den falschen Glaubensverkündern das Vertrauen schenken. Die karmischen Gesetze sind gerecht, denn sie leiten den Erlebnisinhalt (die Wirkung) unserer Taten zurück zu uns.