Werner Ammeter ist Armeeseelsorger und an diesem Morgen ganz in seinem Element. Er spricht laut und leidenschaftlich zu seinen Schäfchen. Die tragen Camouflage und beginnen die Rekrutenschule auf dem Waffenplatz in Thun.
Der Stein in der Brusttasche
Werner Ammeter erzählt von seiner eigenen Armeezeit. Von seinem Job als reformierter Pfarrer. Von den Höhen und Tiefen des Lebens. Und vom Angebot der Armeeseelsorge. Er gibt den Rekruten seine Handynummer. Es ist die Nummer gegen Kummer, die auch mitten in der Nacht gewählt werden darf.
In der Armee lernen die Rekruten zu gehorchen, zu kämpfen und zu schiessen. Drill gehört dazu, manchmal sogar mehr als den Vorgesetzten lieb ist.
Ein Rekrut, dessen Tenue nicht perfekt war, muss zur Strafe einen «Tenue-Stein» in der Brusttasche tragen. Der Vorgesetzte bekommt später davon Wind und greift er ein. Schikane hat in der Armee nichts zu suchen, so die offizielle Botschaft.
Auch der Pfarrer trägt Uniform
Trotz des Gleichheitsgedankens in der Armee soll das Individuum in der Uniform nicht ganz verschwinden. Auch deswegen ist Werner Ammeter vor Ort. Der Armeeseelsorger ist Hauptmann, trägt selbst Uniform und ist damit Teil der Armee. Die Lieblingsfrage der Rekruten: «Wie komme ich weg von der Armee?»
Oft kämen Rekruten aber mit privaten Problemen: Stress mit den Eltern oder im Beruf. Verschuldung, Zukunftsangst, Liebeskummer. Oder die Krebsdiagnose der Mutter.
«Zu mir kann jeder kommen», sagt Ammeter. Egal, welche Religion das Gegenüber hat. Ob Christ, Atheist, Jude, Muslim oder Angehöriger einer anderen Religion.
Militär-Imam ist noch Zukunftsmusik
Der Job des Armeeseelsorgers oder der Armeeseelsorgerin ist bislang nur den Landeskirchen vorbehalten: der römisch-katholischen, der reformierten und der christkatholischen Kirche. Doch im April sorgte der neue Armeechef Philippe Rebord mit dem Satz für Schlagzeilen : «Ich hätte nichts gegen einen Militär-Imam einzuwenden.»
Das sei aber noch Zukunftsmusik, sagt Stefan Junger, Chef der Schweizer Armeeseelsorge. Er betont: «Wir brauchen Seelsorgende, die in offener, ökumenischer und interreligiöser Art und Weise auf die Leute zuzugehen.»
Will heissen: Die Schweizer Armee bleibe beim «Einer für alle»-Prinzip. So wie ein reformierter Seelsorger schon jetzt auch muslimischen Soldaten Gehör schenkt, so solle irgendwann auch ein muslimischer Seelsorger für alle da sein.
Vegetarisches Essen statt Schweinefleisch
Eine streng praktizierte Religion könnte in der Armee zu einem Störfaktor werden. Es gibt gar eine eigene «Dokumentation zum Thema Religion, Urlaub, Essen für Angehörige der Armee».
Doch Stefan Junger betont den Konjunktiv «könnte». Im Armee-Alltag sei Religion kein Störfaktor. Nur selten gebe es Probleme, die würden dann auf dem kurzen Dienstweg pragmatisch gelöst.
Wer koscher oder halal essen möchte, könne etwa Essensgeld beantragen und sich selbst um die Mahlzeiten kümmern. Die meisten würden statt Schweinefleisch aber einfach das vegetarische Gericht essen, meint Stefan Junger.
«Mensch ist Mensch»
Auch die Rekruten in Thun nehmen die Religionsvielfalt nicht als Störfaktor wahr. Wichtiger als der religiöse Teamgeist sei die Kameradschaft, so ein Stimmungsbild vor Ort.
Die Rekrutin Andrea Sutter sagt: «Es tut nichts zur Sache, ob jemand Christ, Muslim oder Jude ist.» Tobias Sanz pflichtet ihr bei: «Mensch ist Mensch.»
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Blickpunkt-Religion, 6.8.2017, 8:08 Uhr