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Die Restitution von Kulturgütern
Aus Kultur-Aktualität vom 20.12.2021.
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Restitution von Raubgut Streit um NS-Raubkunst-Geige lässt tief blicken

Nicht nur Bilder bergen oft eine dunkle Vergangenheit. Die Nationalsozialisten beschlagnahmten auch anderes Kulturgut.

Gerade macht eine Guarneri-Geige Schlagzeilen, die 1938 dem jüdischen Händler Felix Hildesheimer weggenommen wurde. Die Nazis hatten Hildesheimers Wohnhaus inklusive Hab und Gut beschlagnahmt. Hildesheimer beging daraufhin Selbstmord.

Die geraubte Geige gelangte 1974 in den Besitz der Geigerin Sophie Hagemann, später gehört sie der gleichnamigen Stiftung. Nach jahrelangem Streit zahlte die Stiftung nun eine Entschädigung von 285'000 Euro an Hildesheimer Erben.

Eine Entschädigung für ein Musikinstrument sei selten, sagt Benjamin Lahusen von der beratenden Kommission NS-Raubgut. Bis heute steht die bildende Kunst bei Entschädigungszahlungen im Rampenlicht. Doch das könnte sich ändern.

Benjamin Lahusen

Benjamin Lahusen

Rechtsprofessor

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Benjamin Lahusen leitet seit 2020 die Geschäftsstelle der Beratenden Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere Kulturguts aus jüdischem Besitz.

Er ist Professor für Bürgerliches Recht und Neuere Rechtsgeschichte an der Europa-Universität Viadrina und forscht zu Rechtsgeschichte und Rechtstheorie der Neuzeit.

SRF: Werden Sie oft mit der Restitution von Musikinstrumenten konfrontiert?

Benjamin Lahusen: Bei uns hier bei der beratenden Kommission war es der erste Fall. Wir hatten bislang ausschliesslich mit Werken der bildenden Kunst zu tun.

Die Geigen von Guarneri

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Giuseppe Guarneri (1698 bis 1744) war Geigenbauer der dritten Generation. Zwischen 150 und 200 seiner Violinen sind noch erhalten.

Wie der Geigenbauer Antonio Stradivari lebte er in der italienischen Stadt Cremona – und wie auch die Geigen von Stradivari, zählen seine Violinen zu den teuersten der Welt.

So wird eine Guarneri-Geige im Besitz der Österreichischen Nationalbank auf rund fünf Millionen Euro geschätzt. Ein anderes Exemplar (die «Vieuxtemps») wurde 2010 gar für 18 Millionen Dollar verkauft.

Beim Thema Restitution ist in der Regel von Raubkunst die Rede. Eigentlich müsste man von geraubten Kulturgütern sprechen, da die Nationalsozialisten nicht nur Gemälde oder Skulpturen raubten. Wie definieren Sie den Begriff Kulturgut?

Kulturgut meint alles, was im kulturellen Leben eine Bedeutung haben kann. Das können Musikinstrumente, aber auch Kulturgüter aus dem technischen Bereich sein. Also Oldtimer, alte Radios oder sonstige alte Maschinen. Kulturgut ist dann restitutionspflichtig, wenn es jemandem unter widrigen Umständen entzogen wurde.

Wie oft werden solche Kulturgüter restituiert?

Ein Grossteil von Kulturgütern wird restituiert, ohne dass sie jemals zur beratenden Kommission für NS-Raubgut kommen würden. Darüber habe ich keinen Überblick, weil das quantitativ immer schwer zu fassen ist.

Dass noch viele andere Bereiche des Kulturgutes gemeint sein können, dringt erst allmählich in die Öffentlichkeit.

Quantitativ ist aber auch nicht unbedingt aussagekräftig. Wenn Sie eine Sammlung von Büchern restituieren, haben Sie gleich ein paar Hundert Stück. Das sind aber vergleichsweise weniger bedeutende Kulturgüter als etwa ein grosses, zentrales Werk einer städtischen Sammlung.

Was wir zu Gesicht bekommen, ist ein ganz kleiner Ausschnitt. Tatsächlich werden jedes Jahr Hunderte von Kulturgütern restituiert.

Entsteht in Deutschland ein neues Bewusstsein für die Restitution von geraubten Kulturgütern?

Das kann man sagen. Das Bewusstsein, dass hier noch viel zu tun ist, ist allmählich in die Öffentlichkeit gekommen.

1998, im Nachgang der Washingtoner Konferenz, hat man mit der Restitutionspraxis angefangen. Die 44 Unterzeichnerstaaten haben sich dazu verpflichtet, sich dem Problem des geraubten Kulturgutes noch einmal zu stellen.

Was darunter fällt und wie viele Fälle es sind, hat man sich 1998 nicht deutlich gemacht. Dabei geht es nicht nur um eine grosse Zahl von Bildern, Kulturgut geht auch darüber hinaus. Dass man andere Sektoren und Bereiche des Kulturgutes mitmeinen kann, dringt erst allmählich in die Öffentlichkeit.

Allerdings dringt es mit einer Sensibilität in die Öffentlichkeit, die es fast unmöglich macht, sich dem Problem noch zu entziehen. In Deutschland haben alle grossen und mittleren Institutionen eigene Stellen für Provenienzforschung geschaffen, weil man diesem Problem nicht mehr ausweichen kann.

Das Gespräch führte Igor Basic.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 20.12.2021, 07:06;

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