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Rollen teilen Arbeit und Familie aufteilen: eine Belastungsprobe

Christian und Elena arbeiten Teilzeit und kümmern sich gemeinsam um ihr Kind. 50/50, ein Familienmodell, das herausfordert.

Mann und Frau am Tisch mit Baby
Legende: Christian und Elena geniessen beide die Zeit zuhause. SRF / Gina Folly

Ein Wimmern aus dem Kinderzimmer, zuerst leise, dann lauter. Dann schreit Edna. «Gehst du oder soll ich?» Elena schielt über den Tisch zu Christian.

Dieser steht auf und hat mit drei Schritten das Nebenzimmer erreicht. Er hebt die neun Monate alte Edna aus dem Bettchen, nimmt sie auf den Arm und flüstert ihr leise zu.

Auch Elena steht auf und verschwindet in der Küche. Sie kocht Brokkoli weich, Brei für den nächsten Tag. Es bleiben zurück: halbvolle Weingläser, Reste des Abendessens, die Kerze brennt noch. Zeugnisse einer kostbaren Rarität: die Zeit zu Zweit.

Zerreissprobe Familie

Seit gut einem Jahr sind Christian und Elena eine kleine Familie. Im Mai kam Tochter Edna auf die Welt – alles veränderte sich. Eine Krise bahnte sich an.

«Uns hat einfach die Zeit und Kraft gefehlt, um uns einen Abend lang hinzusetzen und über unser Leben zu reden», sagt Christian, das Kind im Arm, blaue Knopfaugen blinzeln ihn an.

Christian ist 36 Jahre alt und arbeitet als Autor und Kommunikationsberater in einem Unternehmen. Nach der Geburt blieb er zwei Wochen zu Hause. Dann begann er wieder mit Arbeiten – im Home-Office.

Ein Mann sitzt am Klavier mit Baby
Legende: Autor und Kommunikationsberater Christian geniesst die Zeit für Kreativität und Kind. SRF / Gina Folly

«Mich brauchte es nicht»

Doch daheim kam er sich vor wie das fünfte Rad am Wagen. Seine Frau stillte das Kind und er sass daneben. «Ich hätte auch arbeiten gehen können. Mich brauchte es nicht wirklich.» Eifersüchtig war er, ja. «Ich fand mich in einer Rolle wieder, in der ich eigentlich nicht sein wollte.»

Das habe für Reibungen gesorgt. Die Nächte waren lang und anstrengend. Im Stundenrhythmus wollte die kleine Edna gestillt werden. «Das blieb an mir hängen», sagt die 27-jährige Mutter und schiebt nach: «Daran hatte ich zu beissen.»

Beide machen alles

Das Stillen ist eine Aufgabe von vielen. Christian kümmerte sich um die anderen Dinge im Haushalt. «Du hast eingekauft, die Wäsche gemacht, gekocht. All das, wofür ich keine Energie mehr hatte», erinnert sich Elena.

Schon vor der Geburt war für das Paar klar, dass sie nach dem partnerschaftlichen Modell leben werden, auch genannt: 50/50. Ein Modell, für das sich laut Bundesamt für Statistik schweizweit nur 6,5 Prozent der Eltern mit einem Kleinkind entscheiden.

Ein Mann kocht in der Küche, die Frau sitz mit Baby am Tisch
Legende: Christian übernimmt nach der Geburt vieles im Haushalt. SRF / Gina Folly

Gleichberechtigung auch mit Kind

«Das Modell entspricht unserer Lebensart, unserem Verständnis einer gleichberechtigten Beziehung», so Elena. «Wir probieren gerne Neues aus, verändern Dinge, nehmen sie aber rückblickend auch wieder kritisch auseinander.» Ihr Ziel sei, im Leben vorwärts zu kommen. Dazu gehöre auch das 50/50-Modell.

«Zwischen Kind und Karriere»: SRF Dok porträtiert drei Paare, die sich für unterschiedliche Familienmodelle entschieden haben: Hausfrau und Karrieremann, Teilzeit oder 100-Prozent-Job.

Nach drei Monaten Mutterschaftsurlaub nahm Elena ihre Arbeit als Kommunikationsverantwortliche in einem Theaterbetrieb wieder auf. Trotz langen Nächten und wenig Schlaf, war es die richtige Entscheidung – auch für die Beziehung.

«Die Arbeit gab mir so viel Energie», sagt Elena. Sie wusste: «Das Kind ist gut versorgt und ich kann mich der Arbeit widmen.»

Eine Frau hält ihr Baby auf dem Arm und ein Handy
Legende: Elena geniesst die Abwechslung: 60 Prozent Arbeit und Zeit mit dem Kind. SRF / Gina Folly

Beide arbeiten Teilzeit, sie 60 Prozent und er 80 Prozent. Edna geht drei Tage in die Krippe, der Donnerstag ist ihr gemeinsamer Familientag.

Viel Organisation

Wer sich für das partnerschaftliche Modell entscheidet, braucht Organisationstalent und Flexibilität. In Stein gemeisselt ist nichts. «Man muss jeden Tag neu besprechen: Wer kocht, wer bringt das Kind zur Kita, wer geht es abholen, wer bleibt daheim, wenn es krank ist», erklärt Elena.

Trotz allem: Die Rahmenbedingungen, damit das partnerschaftliche Modell gelingt, müssen gegeben sein – etwa die Arbeitssituation.

«Wir können die Arbeitszeiten flexibel einteilen und auch mal von Zuhause arbeiten.» Das sei nicht in jedem Job möglich. Umso mehr müsste sich gesellschaftlich, aber auch politisch dringend etwas ändern.

Mann spielt mit Kind und Frau redet mit jemandem
Legende: Beide haben Zeit für das Kind: Elena und Christian ist eine gleichberechtigte Beziehung wichtig. SRF / Gina Folly

Gesellschaftliche Akzeptanz

Nach einer Geburt sei die Mutter in einer sensiblen Situation. Sie habe das Bedürfnis nach Schutz und Unterstützung. Elena wird ernst. Und wer bietet das? Der Partner. «Ich verstehe nicht, warum dieser nicht daheim sein kann oder Ferien nehmen muss.» Die Geburt sei eine Ausnahmesituation, die vom Staat als solche aber nicht anerkannt würde.

Edna hat sich inzwischen beruhigt und schläft. Elena und Christian gönnen sich den letzten Schluck Wein, bevor sie müde ins Bett fallen. Sie sind wieder zu einem Team zusammengewachsen – nun zu dritt.

Aufteilung Mann und Frau

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Richard Meier (meierschweiz)
    Wir leben seit 30 Jahren das ach so verpönte klassische Familienmodell. Vater Mutter und 3 Kinder konnten und können sich darin sehr gut entfalten. Es bleibt viel Zeit für Gemeinsamkeit und ehrenamtliche Tätigkeiten. Die Rollen sind verteilt und entsprechen den Begabungen. Was will man mehr? - Wir waren und sind sher zufrieden damit. Kein Hick-Hack kostet uns Zeit und Nerven.
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  • Kommentar von jean-claude albert heusser (jeani)
    Alles unter einen Hut zu bringen, heisst vorallem "Organisation und Planung und Prioritäten setzen"! Viele sind aber nicht bereit oder in der Lage dies "tun zu wollen"! Es braucht nicht immer den Staat oder die Politik sondern auch den "Willen und die Verantwortung der Familien"!
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  • Kommentar von Laura Lüscher (LaLü)
    Mein Partner und ich möchten zukünftig dasselbe Modelll leben. Ich kann nicht verstehen, warum der Staat, die Politik bis heute vor allem ein Modell unterstützt: der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau arbeitet Zuhause. Beschämend ist der Entscheid des Bundesrates, der nicht auf den Vorschlag für vier Wochen Vaterschaftsurlaub eingetreten ist. Ich als zukünftige Mutter fühle mich alleingelassen. Zudem kann die Unterstützung und die Präsenz des Vates als nichtig empfunden werden. Einfach traurig.
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    1. Antwort von Daniel Bucher (DE)
      Anscheinend haben viele Familien sich für ein anderes Modell entschieden als sie. Vermutlich bietet es grosse Vorteile, wenn sich ein Partner grossmehrheitlich um die Kinder kümmert und der Andere sich um das finanzielle kümmert. Eine solche 'Spezialisierung' gibt es überall - sie ist deutlich effizienter als ein 50-50 Modell und kommt den biologischen Gegebenheiten erst noch besser entgegen. Deshalb fristet das von ihnen bevorzugte Modell ein Nischendasein.
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