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Französische Schlösser als YouTube-Phänomen
Aus Kultur-Aktualität vom 04.08.2021.
abspielen. Laufzeit 03:44 Minuten.
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Schlossrenovierung auf YouTube Ein Schloss wird zum Gasthaus – und zum YouTube-Hit

Aus dem Château «Le Fleur» sollte ein Gasthaus werden – wegen Corona wurde es stattdessen zuerst zum YouTube-Hit. Schlossrenovierungen sind im Netz und im TV gerade sehr beliebt.

Philipp und Anna Mayrhofer wünschten sich nach 20 Jahren Stadtleben in Paris einen Neuanfang. Da kam die Erkenntnis gerade recht, dass man für den Preis einer Pariser Studiowohnung auch ein Schloss auf dem Land kaufen kann.

«Wir waren von den schönen Stuckaturen und Täfelungen angetan, besonders in Chateaus aus dem 18. Jahrhundert», erklärt Philipp Mayrhofer. So ein Schloss haben er und seine Frau sich dann auch gekauft – das Château Gonneville sur Honfleur, kurz «Le Fleur».

2019 zogen der Dokumentarfilmer und die Textildesignerin mit ihren zwei kleinen Töchtern in die Normandie. Sie fingen an, das Schloss zu einem Gasthaus umzuwandeln. Doch als die ersten Gästezimmer bereit standen, kam Corona.

«Wie renoviert man ein Schloss?»

Wegen der Pandemie war das Château nur für kurze Zeit im August 2020 geöffnet. Als die Mayrhofers die folgenden Herbst- und Wintermonaten in Isolation verbrachten, kam ihnen die Idee, sich bei den andauernden Renovierungsprojekten zu filmen und die Videos auf YouTube zu stellen.

«Ursprünglich wollten wir unsere Arbeit nur für Familie und Freunde dokumentieren», sagt der Schlossbesitzer. Allerdings hat der YouTube Kanal «How to Renovate a Chateau (Without Killing Your Partner)» schnell ein breites Publikum gefunden. Inzwischen ist die Anzahl der Abonnenten und Abonnentinnen auf über 80'000 gestiegen.

Das zeigt der YouTube-Kanal der Mayrhofers

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Der YouTube-Kanal von Anna und Philipp Mayrhofer heisst «How to Renovate a Chateau (Without Killing Your Partner)» – Wie renoviert man ein Schloss (ohne den Partner oder die Partnerin umzubringen).

Auf humorvolle Weise zeigt die Familie jede Woche, an welchen DIY-Projekten sie gerade dran ist: Auf die Anleitung, wie man eine Tapete selber bedruckt, folgt ein witziger Sketch. Dramatische Drohnenaufnahmen à la James Bond unterbrechen ein Polsterungstutorial. Gartentipps werden mit einem Verführungskurs auf Französisch aufgepeppt.

Wie es im Château Le Fleur weitergeht, kann man jeden Sonntag um 20:30 Uhr auf YouTube mitverfolgen.

«Unser Leben hat sich dadurch radikal verändert», betont Mayrhofer. «Mittlerweile ist unser YouTube-Kanal zur Einkommensquelle geworden.» Besonders im Lockdown hat er ihnen finanziell geholfen, so der Schlossbesitzer. Den Erlös investieren die beiden in ihr Château.

Im YouTube-Rhythmus

Hinter ihrem Erfolg steckt viel Arbeit: Seit mehr als einem halben Jahr laden die Mayrhofer jede Woche ein Video hoch. Sie leben also in einem «YouTube-Rhythmus», wie sie sagen. «Zwei Tage in der Woche arbeite ich nicht mehr am Schloss, sondern schneide das Video», erklärt Philipp Mayrhofer.

Mit dem wachsenden Publikum spüren sie bei der Renovierung immer mehr Druck: «Wenn wir alleine wären, würden wir einfach irgendwo beginnen und vielleicht in einem Jahr weitermachen. Aber jetzt erzählen wir eine Geschichte. Wenn wir nur den Anfang liefern, ist es für unsere Community frustrierend.»

Beliebte Heimwerker im Schloss

Heimwerker, die Schlösser ohne schwere Maschinerie oder professionelle Hilfe renovieren – den Appeal dieser Herausforderung hat auch die britische Reality-Show «Flucht ins Schloss» erkannt. Seit mehreren Staffeln verfolgt sie das Schicksal von Familien, die in Frankreich Châteaus restaurieren.

Auch die Mayrhofers nehmen teil: «Unser YouTube-Kanal steht nicht in Konkurrenz zur Sendung. Im Gegenteil: Wir ergänzen uns.» Wo das TV-Format nicht ins Detail gehen kann, hat die Eigenproduktion mehr Raum für Hintergründe und Persönliches.

Letzteres ist für die Vermarktung des Châteaus enorm wichtig: Diesen Sommer kamen 80 Prozent der Gäste nach Le Fleur, weil sie die Gastgeber bereits von YouTube kannten.

Viele träumen von einem Lebenswandel

Nicht nur die Mayrhofers sind beliebt auf YouTube, auch andere Kanäle sind mit Schlossrenovierungen erfolgreich. Dahinter steht ein Kulturwandel, der durch Corona noch beschleunigt wird, vermutet Mayrhofer: «Viele Leute träumen von einem solchen Lebenswandel. Sie wollen raus aus den Städten.»

Der DIY-Aspekt ist besonders in der Pandemie gefragt: «Hier ist zu sehen, wie sich Sachen verwandeln, wenn alles stillsteht. Das hat dazu beigetragen, dass wir viele Zuschauer bekommen haben.»

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 4.8.2021, 07:06 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Die Fassade ist nicht alles...
    "Wer will verderben und weiss nicht wie, kaufe alte Häuser und baue sie..." von einem mir nicht bekannten historischen Gutsverwalter.
    1. Antwort von Kevin Müller  (dezentral)
      Ob Sie's glauben oder nicht, manchmal tun Leute einfach Dinge, weil es ihnen Spass macht. Aufwand ist nicht für alle gleich Verderben.