Jerusalem, jeden Tag dasselbe Ritual: Der 75‑jährige Wahjeed Nuseibeh öffnet am Morgen das schwere Tor der Grabeskirche, mahnt Besuchende, Hüte abzusetzen, Kleider zu ordnen und Getränke draussen zu lassen. Zudem vermittelt er zwischen den sechs christlichen Konfessionen, die sich die Kirche in der Altstadt teilen. Am Abend schliesst er das Tor wieder.
Eine Verantwortung, die seine muslimische Familie bereits seit der Eroberung Jerusalems durch Saladin im 12. Jahrhundert trägt. Der muslimische Herrscher entschied damals, dass die Grabeskirche ein christlicher Ort bleiben müsse.
Ein Friedenszeichen
Weil die christlichen Konfessionen schon damals um die Vorherrschaft über diese für die Christenheit zentrale Kirche stritten, sollte eine muslimische Familie das Tor öffnen und den Zutritt bewachen – als Zeichen des Friedens zwischen den Religionen. Eine zweite muslimische Familie sollte den Schlüssel aufbewahren.
Es ist eine unglaubliche Geschichte, die schon oft erzählt wurde, aber für Florian Höllerl war sie neu: «Ich war für ein anderes Filmprojekt in Jerusalem und habe durch Zufall von dieser Geschichte erfahren. Und als man mir dann noch sagte, dass den Job nun keiner mehr machen will, dachte ich, über diese Familie müsste man einen Film machen.»
Ein prägender Filmdreh
Den Film über die Grabeskirche hat Höllerl nun gedreht. Und dabei viel gelernt. Denn die Kirche liegt im christlichen Viertel der Jerusalemer Altstadt, die 1967 mit dem Rest Ostjerusalems von Israel erobert und 1980 mit Westjerusalem vereinigt wurde. Die internationale Gemeinschaft erkennt diesen Status jedoch nicht an, sondern sieht Ostjerusalem als künftige Hauptstadt eines palästinensischen Staates.
Nach internationaler Lesart hat Höllerl also nicht in Israel, sondern im besetzten Palästina gedreht. Und dies hat ihn geprägt. «Über die palästinensische Perspektive wird bei uns in Österreich viel zu wenig berichtet. Zum Beispiel, dass Palästinenser, die in Jerusalem leben, oft keine Staatsbürger sind und ihr Aufenthaltsstatus nicht gegeben ist.»
Der Filmemacher war im November 2025 in Jerusalem, als es gerade eine brüchige Waffenruhe mit dem Iran gab, den Israel zuvor angegriffen hatte. «Es lag eine unglaubliche Anspannung in der Luft», so Höllerl, doch sein Team – ein palästinensischer Christ als Kameramann und ein säkularer jüdischer Israeli als Stringer – hätte alle Situationen gut managen können.
«Es gab immer wieder Diskussionen mit Arabern oder Polizisten oder mit orthodoxen Juden an der Klagemauer. Aber die beiden wussten einfach, mit wem man auf welche Weise sprechen muss. Das hat mir enorm geholfen.»
Ein besonderer Ort
Höllerl hat auch über Jesus von Nazareth nachgedacht, diesen «besonderen Menschen, der einfach seinen Weg gegangen ist.» So gesehen, sei Jerusalem schon ein besonderer Ort, das spüre man. Und er hätte auch das Glück gehabt, mit gemässigten Menschen drehen zu können, die aber leider – so wie es aussehe – von radikalen Kräften an einem friedlichen Zusammenleben gehindert würden.
«Letztlich haben wir alle denselben Gott, Muslime, Juden und Christen», sagt Türöffner Wahjeed Nuseibeh. Seine Nachfolge ist übrigens noch offen. Und so öffnet er noch immer jeden Morgen die Kirche und schliesst sie abends wieder.