Zum Inhalt springen
Video
Black Lives Matter: Die Proteste in den USA und ihre Ursprünge
Aus Kulturplatz vom 10.06.2020.
abspielen. Laufzeit 6 Minuten 22 Sekunden.

«Schwarz» im Deutschen «Sprache allein kann Diskriminierung nicht beseitigen»

Schwarzsehen, schwarzfahren, schwarzarbeiten: Im Zuge der Black-Lives-Matter-Demonstrationen fordern Aktivisten wie Gloria Boateng einen Wandel in der deutschen Sprache. Denn «schwarz» sei meist negativ konnotiert. Doch ist der sprachliche Umgang mit «schwarz» das Problem? Und was kann Sprache ausrichten?

Martin Reisigl

Martin Reisigl

Linguist

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Prof. Dr. Martin Reisigl ist Assistenzprofessor am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien. Sprache in der Gesellschaft gehört zu seinen Forschungsschwerpunkten. Er hat sich unter anderem auch mit dem Thema Sprache und Diskriminierung beschäftigt.

SRF: Hat das Deutsche ein Problem mit dem Wort «schwarz»?

Martin Reisigl: Rassistische Diskriminierung von Menschengruppen mit dunklerer Hautfärbung ist kein Problem, das sich ursächlich auf das Wort «schwarz» zurückführen lässt.

Farbmetaphern wie «schwarz» und «weiss» sind nur sprachliche Aufhänger, um vermeintliche Menschenrassen zu konstruieren. In der Natur gibt es ja weder weisse noch schwarze Menschen.

Als «schwarz» meines Wissens zum ersten Mal im Deutschen auftauchte, bedeutet es nur: Abwesenheit von Helligkeit. Wann kam Schwarz in Verruf?

Die genaue Herkunft des Farbadjektivs ist nicht geklärt. Man vermutet, dass seine Wortgeschichte mit dem lateinischen Adjektiv sordidus für «schmutzig» zu tun hat. Demnach wäre das Adjektiv früh verwendet worden, um etwas negativ Konnotiertes zu bezeichnen.

Das Adjektiv wird aber so vielfältig gebraucht, dass es nicht per se als negatives Wort angesehen werden kann. Schwarzbrot ist oft viel positiver konnotiert als Weissbrot.

Salopp gesagt: Das Deutsche hat nichts gegen «schwarz»?

Die Bedeutung von Farben ist stark kulturell geprägt. Und innerhalb einer bestimmten Kultur wird ein und dieselbe Farbe von unterschiedlichen Gruppen oft ganz unterschiedlich bewertet.

Ich kenne Menschen, die sich immer schwarz kleiden, weil sie das cool finden und sie mit dieser Farbgebung einen bestimmten sozialen Stil ausdrücken – ohne Mitglieder einer okkulten Bewegung zu sein.

«Das kleine Schwarze», «schwarze Zahlen»: beides top! Da denkt niemand an Diskriminierung. Geht man zu weit, wenn man Ausdrücke wie «schwarzsehen» als rassistisch auslegt?

Damit ginge man in der Tat viel zu weit. Schwarz ist zwar oft mit Dunkelheit und in der Folge mit schlechter Sichtbarkeit und Heimlichkeit und häufig mit Trauer verbunden.

Der Schwarzwald, die Schwarzwurzel, das Schwarzwild, der Schwarz-Weiss-Film oder schwarze Augen und schwarze Haare sind aber nichts Negatives.

Trotzdem: Schwarz / weiss wird als Gegensatz gebraucht. Kann Sprache den Konflikt fördern?

Durch sprachliches Handeln werden Gegensätze zwischen Menschen bewusst zugespitzt. Mit Sprache werden auch Abwertungen zu begründen versucht und wird gegen Menschengruppen aufgehetzt.

Ein Beispiel: Mithilfe von Tiermetaphern wie Parasiten und Schmarotzer werden sogar Genozide mit vorbereitet.

Eine schwarze Faust. Im Hintergrund ist der Himmel.
Legende: Kraftvolles Instrument: Sprache kann im Kampf gegen den Rassismus helfen, sagt der Sprachwissenschaftler Martin Reisigl. Getty Images / Steffi Loos

Ist es überhaupt sinnvoll, Debatten über Diskriminierung an einzelnen Wörtern aufzuhängen?

Nur begrenzt. Als Grundsatz gilt, dass ich die Mitglieder einer Minderheit nicht mit einer Personenbezeichnung benenne, die von der Minderheit als verletzend empfunden wird, wie etwa das N-Wort.

Diskriminierung ist vielschichtig. Wenn ich mich ihr von der sprachlichen Seite nähere, muss ich die ganze Vielfalt des sprachlichen Handelns in den Blick nehmen und sollte ich mich nicht nur auf einzelne Wörter fixieren. Das Problem muss ganzheitlicher angegangen werden.

Sollten wir trotzdem unseren Umgang mit dem Wort «Schwarz» überdenken?

Wenn «schwarz» zur Bezeichnung von Menschengruppen mit dunklerer Hautfarbe gebraucht wird, ist es gut, die konkreten Verwendungen von Fall zu Fall kritisch zu reflektieren. Aber nicht das Wort «schwarz» als solches.

Zudem muss die lange Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung von Menschengruppen mit dunklerer Hautfarbe durch Menschengruppen mit hellerer Hautfarbe gründlich aufgearbeitet werden. Diese Geschichte wirkt bis heute negativ fort. Das soll aufgezeigt und bekämpft werden.

Sprachliches Handeln ist dabei zentral, weil es der Aufklärung und Bewusstmachung dient. Eine von oben verordnete Sprachregelung allein kann rassistische Diskriminierung aber nicht beseitigen. Ihre vielfältigen Ursachen müssen beseitigt werden.

Das Gespräch führte Danja Nüesch.

Radio SRF 2 Kultur, Medientalk, 27.6.2020, 10.33 Uhr.

Meistgelesene Artikel