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Wie Schweizer Clubkultur die Zeit spiegelt
Aus Kontext vom 28.09.2021.
abspielen. Laufzeit 25:35 Minuten.
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Schweizer Clubkultur Seine illegalen Partys machten Zürich zur Techno-Stadt

Ab 1984 organisiert der DJ-Pionier Oliver Stumm mit Freunden illegale Partys in Zürich. Sie sind finanziell meist ein Desaster, doch Oliver Stumm will mit ihnen die Welt verändern.

«Wenn du im Club tanzt, das ist ein Gefühl, als stünden alle Sterne am richtigen Ort. Du bist vereint mit dem Weltall und zufrieden mit allem.» In den 1980er-Jahren sind Discos für Oliver Stumm ein Ventil.

Denn in der Schweiz, «diesem Zwingli-Staat, war ja alles verboten. Und was nicht verboten war, war obligatorisch.»

«Zusammen können wir Welten verändern»

Oliver Stumm wächst in Boston als Sohn eines Zürcher Harvard-Professors auf. Als Teenager kommt er mit seiner Familie in die Schweiz.

Die Stimmung in Zürich erlebt der damals Anfang 20-jährige Mathestudent als bedrückend. Doch er hat einen Freundeskreis, der ihn auffängt: «Ich wusste: Zusammen können wir Welten verändern.»

Legende: Auf den Partys von Oliver Stumm und seinen Freunden wurde die Freiheit gefeiert. ZVG Oliver Stumm

In den USA ist die Partykultur schon weiter: Ähnlich wie im Hip-Hop gibt es dort Blockpartys, illegale Partys in verlassenen Kasernen, Bunkern oder auf Fabrikgeländen.

So etwas will Oliver Stumm mit seinen Freunden in der Schweiz aufziehen: «In Zürich gab es nur fünf Clubs, die nicht um 12 Uhr schliessen mussten. Da wollten wir aber nicht rein, das war alles ein Abriss.»

Gesammelte Schweizer Clubkultur

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Legende: Peter MacTaggart & Katie Grossenbacher

Die Website www.clubculture.ch arbeitet die Geschichte der Schweizer Clubkultur auf.

Zusammen mit Journalisten, Wissenschaftlerinnen und Kulturschaffenden dokumentiert und archiviert der Musikjournalist Bjørn Schaeffner das Schweizer Nachtleben, beleuchtet die aktuelle Szene der Clubkultur und elektronischen Musik, lässt aber auch eintauchen in längst vergangene Zeiten.

Die umfangreiche Sammlung enthält Fotos, Flyer, Plakate, Videos und vieles mehr und soll laufend ausgebaut werden.

Haben Sie noch eine alte, verstaubte Kiste auf dem Dachboden stehen mit Schätzen von damals? Das Clubculture-Team freut sich über Schenkungen aller Art, nimmt Material aber auch leihweise in Empfang, um es zu digitalisieren.

Schickimickis und Links-Aktivisten

Ihre erste illegale «Vollmondparty» findet am 17. März 1984 im Sex-Kino Walche statt: «Wir wussten nicht, was wir da machen. Es war alles sehr improvisiert», erzählt Oliver Stumm.

Zu ihrem Erstaunen rennt ihnen halb Zürich die Türen ein: «Wir haben 50 Eintrittskärtli verteilt und es kamen 500 Leute. Wir hatten keine Chance, das Fest unter Kontrolle zu halten. Es kamen einfach alle: von den Schickimickis aus dem Roxy bis zu den Links-Aktivisten aus dem Umfeld der Roten Fabrik.»

Legende: Die legendären Tanzfeten (legale und illegale) ziehen ein gemischtes Partyvolk an. ZVG Oliver Stumm

Impulse für eine weltoffene Gesellschaft

In erster Linie geht es ihnen um Spass, ums Tanzen und einen Rückzugsort. Aber auch um eine Provokation der konservativen Gesellschaft, um «die absolute Rebellion.» Sie feiern weltoffene Werte wie Freiheit, Gleichheit, Respekt und Liebe.

Auch musikalisch und kulturell geht es ihnen um mehr: «Es ging nicht darum Geld zu verdienen oder einen Club zu eröffnen. Wir wollten etwas auf die Beine stellen, das sich kulturell mit London oder New York vergleichen lässt.»

Partys werden zum Zirkus

Stumm legt die aktuellen House-Platten aus den USA auf. Finanziell sind die «Feschter» meist ein Desaster. Doch was als schräge Kostümfeste und Happenings beginnt, wächst zu Massenveranstaltungen – wie der Street Parade 1992.

Legende: Oliver Stumm legt an an einer Party in der Berner Dampfzentrale auf (1989). clubculture.ch: Peter MacTaggart, Katie Grossenbacher

Erstmals tanzt die Keller-Kultur mitten am Tag in der Öffentlichkeit und wird 2017 sogar auf die Liste der lebendigen UNESCO-Traditionen der Schweiz übernommen.

Die «Zürcher Technokultur» wird in den Adelsstand gehoben, kommt aber auch endgültig im Kommerz an: «Das wurde eine Art Zirkus. Wenn ein DJ in ein Gummiboot springt, ist das ja lustig und theatralisch. Aber es hat mit der Musik nicht mehr viel zu tun», sagt Oliver Stumm. All das ist nicht mehr seine Welt. Auch mit dem Schubladendenken innerhalb der Musik mit zahlreichen aufkommenden Subgenres kann er nichts anfangen.

Neustart in New York

Anfang der 90er-Jahre muss sich der einstige DJ-Pionier neu erfinden. Nach Abschluss seines Studiums wandert er nach New York aus und fängt von vorne an: «In Zürich war ich ein bunter Hund, in New York nur eine kleine Fliege wie jeder andere auch.»

Video
Oliver Stumm: DJ-Pionier in New York
Aus SRF WISSEN vom 20.05.1998.
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Der Sprung über den Teich lohnt sich. Bald ist er als Musikproduzent international erfolgreich, arbeitet für George Michael oder die «Scissor Sisters». Inzwischen betreibt er in New York mehrere Restaurants und Lokale. Das Gesellige ist offenbar noch immer sein Ding.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 28.9.2021, 9:03 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Matt Reimann  (Matts)
    Gratulation an Herr Stumm - toll gemacht.

    "Denn in der Schweiz, 'diesem Zwingli-Staat, war ja alles verboten. Und was nicht verboten war, war obligatorisch'."

    Dieses Zitat könnte den Zustand der Schweiz z.B. am 29. September 2021 nicht präziser beschreiben.
    1. Antwort von doris keller  (die zweite)
      sorry kein vergleich zu den 80er...damals gabs schlicht und einfach nichts für junge plus tanzverbot an feiertagen...heute nicht mehr vorzustellen wie stier das war...es gab nur klassische konzerte und dancings mit anzug und krawatten pflicht...demos wurden gnadenlos niedergeknüppelt...ledigen müttern die kinder wegenommen oder auffällige versorgt ect.
      jugendzentren, open airs, streetfestivals, clubs ect. gäbe es alles heute nicht ohne die bewegten der 80er!
  • Kommentar von Martin Gebauer  (Mäde)
    Schöne Erinnerungen an illegale Acid Hous Partys. Als mit der Street Parade die Kommerzialisierung begann, war die Luft leider draussen.
    1. Antwort von Franz Steiner  (Master Splinter)
      So draussen, dass die Street Parade Jahr um Jahr mehr Menschen aus ganz Europa angezogen hat.

      Kommerzialisierung stimmt sicher. Aber die Szene hat sich doch sehr stark entwickelt, auch in die Breite und kleine feine Parties gabs und gibts noch immer. Ich bin jedenfalls mit solchen aufgewachsen, aktiv und passiv beteiligt.