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Ist die Schweizer Diskussionskultur verroht?
Aus Kultur-Talk vom 29.12.2021.
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Schweizer Diskussionsunkultur? «Das Polarisierende hat sich hochgeschaukelt»

Von einer «absoluten Verrohung der Sitten» sprach Bundesrätin Karin Keller-Sutter angesichts der Härte des Abstimmungskampfs zum Covid-Gesetz Ende November. Statt Argumente wurden nicht selten Drohungen und Beleidigungen geäussert.

Ein Gespräch mit dem Politik-Analysten Mark Balsiger über werkelnde Wutbürger und die Diskussionswaffe Internet.

Mark Balsiger

Mark Balsiger

Politik-Analyst

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Mark Balsiger ist Politik-Analyst und seit 19 Jahren Inhaber einer Kommunikationsfirma, die Unternehmungen, Institutionen und Einzelpersonen berät. Er studierte Journalistik in Cardiff und Politikwissenschaft und Geschichte in Bern. Während zwölf Jahren war er Redaktor bei verschiedenen Schweizer Medien.

2018 initiierte er die Bewegung Courage Civil und ist seither Geschäftsführer der zivilgesellschaftlichen Organisation. Er ist Autor dreier Bücher über politische Kommunikation.

SRF: Eine «Absolute Verrohung der Sitten», teilen Sie diese Einschätzung?

Mark Balsiger: Der Diskurs, insbesondere in den sozialen Medien, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Da sind viele Wutbürger am Werk. Früher sassen sie im «Bären», fluchten und liessen ihre Fäuste auf den Tisch krachen. Heute sitzen sie allein in ihren Wohnungen, vor ihren Computern. Sie sind frustriert und lassen Dampf ab.

Oft wird ein Gegner als inkompetent dargestellt und persönlich angegriffen, Wissenschaftler werden herabgesetzt. Was passiert da?

Stetig werden Grenzen verschoben und Tabus gebrochen. Das Muster ist immer dasselbe: Es geht um Schwarz oder Weiss, Freund oder Feind, richtig oder falsch. Das Polarisierende hat sich hochgeschaukelt.

Wir sind misstrauischer geworden. Viele glauben nicht mehr, was die Behörden sagen.
Autor:

Das Internet, ursprünglich als Demokratisierungsinstrument gedacht, ist eine mächtige Schleuder von Hass und Wut geworden. Leider wird es auch genutzt, unversöhnliche Äusserungen und Falschinformationen zu verbreiten.

Dabei existieren viele Möglichkeiten, sich bei seriösen Quellen zu informieren.

Ja, aber das ist aufwendig. Auch die journalistische Arbeit, alle Informationen sorgfältig zu prüfen, ist aufwendig. Aufgrund des Produktionsdrucks kommt es immer wieder zu Fehlern. Deswegen sind die Medien speziell am Pranger. Besonders bei den Leuten, die den Autoritäten, den Medien, den Parteien und anderen etablierten Akteuren nicht mehr glauben.

Woher rührt dieses Misstrauen?

Die lange Phase der Pandemie hat viele Gewissheiten über Bord geworfen, sie hat uns erschüttert, bis in unsere kleinste Zelle, die Familie. Wir fürchten um unsere Gesundheit. Viele Leute haben ein Problem, mit diesen Ungewissheiten umzugehen. Sie lasten schwer auf uns und zwar dauerhaft.

Es gibt zu fast jedem Thema mehr Gemeinsames als Trennendes.
Autor:

Wir sind misstrauischer geworden. Das alles hat mit uns etwas gemacht. Ventile sind aufgegangen. Viele glauben nicht mehr, was die Behörden sagen.

Sie beraten Politiker und Organisationen in Sachen Kommunikation. Was raten Sie Ihren Klienten in diesem aufgeheizten Diskussionsklima?

Sich im Ton zu mässigen. Das gilt nicht nur für jetzt. Mässigung ist dauerhaft nicht nur ein Gebot des Anstandes, sondern der schweizerischen Kultur. Es ist zentral, auf die Sache zu fokussieren und daran zu arbeiten. Lärm und Aufgeregtheit bringen nichts, der Inhalt verpufft so innerhalb von 48 Stunden.

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Müssen wir wieder lernen zu diskutieren?
aus Input vom 16.02.2020.
abspielen. Laufzeit 45 Minuten 48 Sekunden.

Man muss sich auch bewusst sein: Der Nationalrat ist eine Theaterbühne. Die Meinungen sind längst gemacht. Auf der Bühne wird gestritten, danach trinken die Streithähne zusammen ein Bier. Das muss man auch vermitteln.

Was können wir alle tun, damit politische Diskussionen wieder fruchtbarer werden – und weniger gehässig?

Jeder Staatsbürger, jede Staatsbürgerin in unserem Land und Organisationen, die sich dem Dialog verschrieben haben, müssen ihre Stimme erheben. Und zwar versöhnend, denn es gibt zu fast jedem Thema mehr Gemeinsames als Trennendes. Da sind auch die Medien stark in der Verpflichtung. Die meisten davon bilden lieber den Konflikt ab. Konstruktiver Journalismus wäre ein Ausweg.

Wichtig ist auch, dass Debatten nah bei den Leuten stattfinden. Die Menschen in diesem Land sind empfänglich für vernünftige Botschaften. Wir alle müssen das Gespräch suchen, einander zuhören und respektvoll miteinander umgehen.

Das Gespräch führte Raphael Zehnder.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Talk, 29.12.2021, 09:03 Uhr;

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77 Kommentare

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  • Kommentar von SRF Kultur (SRF)
    Guten Abend liebe Community. Wir schliessen die Kommentarspalte an dieser Stelle. Danke für die rege Beteiligung, SRF Kultur
  • Kommentar von Leni Liza  (leniliza)
    Eine der größten Baustellen in dieser Problematik sind Echo-Kammern. Auf social Media bilden sich diese durch die Algorithmen, in anderen Foren durch (über-) Moderation. Menschen/Gruppen werden so nur noch mit anderen "gepaart", die ohnehin das selbe Weltbild vertreten.
    Dass dies zu einer Art "Realitäts-Schock" führt, sobald man mit jemandem ausserhalb der eigenen "Bubble" konfrontiert wird, ist klar!
    Wichtig wäre, diese Bubbles zu durchbrechen - oder gar nicht erst entstehen zu lassen.
  • Kommentar von Adrian Kim  (Lösungsorientiert)
    @ SRF und Medien,
    Leider seit Ihr ein grosses Problem eben dieser Problematik.

    Ihr gebt uns die Möglichkeit hier zu "diskutieren" und dadurch kann jeder lauthals loswerden was ihm gerade auf der Seele liegt. Jedoch ist das eben keine Diskussion, sondern ein loswerden von Standpunkten/Meinungen.

    Anonymität fördert diese Problematik. Ich nenne mich Adrian Kim und habe meine Daten angegeben. Jedoch nun die Frage; stimmen meine Angaben oder Stimmen diese nicht? Eine E-ID wäre hilfreich.
    1. Antwort von SRF Kultur (SRF)
      @Adrian Kim Wir versuchen ja gerade hier, Ideen und Vorschläge abzuholen, wie wieder ein echter Diskurs unter den Nutzer:innen stattfinden könnte.
    2. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Adrian Kim: Solange Sie "lösungsorientiert" (was immer auch Ihre Lösung ist) argumentieren und nicht persönliche Beleidigungen kundtun, sehe ich kein Problem auch in einer kontroversen Diskussion. Diskussionen in denen nur eine Meinung richtig ist, sind für mich verdächtig nahe an totalitären Systemen. Haben die Wissenschafter "gute Argumente", werden diese sich schon zu helfen wissen, wie man diese an die Frau und den Mann bringt.
    3. Antwort von Adrian Geiger  (agei)
      Herr Kim, dass Sie dazu nach einer E-ID verlangen finde ich höchste bedenklich. Überwachung des Bürgers bis hin zum Kommentieren in den Medien? Das kann doch nicht die Lösung sein! Dass SRF die persönliche Identifizierung bei Registrierung verlangt ist m.E. gut genug. Vgl. nau & Co.

      Anstand lernen wir nicht durch staatliche Kontrolle sondern an guten Beispielen!
    4. Antwort von Lena Müller  (lena7)
      Auf der anderen Seite ist Anonymität fast zur letzten Möglichkeit geworden,dass sich auch Leute aus der gemässigteren, "schweigenden" Mitte noch zu Wort melden.
      Das ist tatsächl. etwas,was ich schon zuvor aber v.a in der C-Debatte erschreckend feststelle:Man hört fast nur noch die Extreme beider Seiten, und die gemässigte Mitte schweigt (verständlicherweise) - weil sie nicht in eins der Extreme schubladisiert, beschimpft, entfreundet…werden möchte. "Bist du nicht für uns, bist du gegen uns"
    5. Antwort von Michael Fuchs  (mfuchs)
      @Lena Müller. Ich fühle mich ziemlich mittig, und habe keines der Probleme, wie Sie das darstellen.