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Misswirtschaft, Betrug, fremde Flaggen: das Aus der Flotte?
Aus Kontext vom 04.07.2021.
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Schweizer Hochseeflotte Die Schweizer Flagge verschwindet langsam von den Weltmeeren

Hunderte Millionen kostete die Hochseeschifffahrt den Bund. Trotzdem soll die Schweiz als Seefahrtnation weiterbestehen.

Einst war sie der Stolz der Nation: Die Schweizer Hochseeflotte. Zur Blütezeit in den 1980er- und 1990er-Jahren kreuzten etwa 50 Hochseeschiffe unter Schweizer Flagge über die Weltmeere. Heute sind noch 17 Schiffe übrig. Bald könnte die Flotte ganz untergehen.

«Die Schweizer Flotte steht an einem Wendepunkt», sagt Andriu Bonnevie-Svendsen. Er ist CEO der Reederei Zürich AG. Die zweitgrösste Schweizer Reederei hisst noch bei einer Handvoll Handelsschiffen die Schweizer Flagge. Damit das so bleibt, muss die Schweizer wieder attraktiver werden für die Reedereien, betont Bonnevie-Svendsen.

Schifffahrtsstandort Schweiz

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In der Schweiz sind 60 Schifffahrtsunternehmen registriert. Zusammen betreiben sie über 900 Hochseeschiffe. Doch fast alle fahren unter fremden Flaggen von Offshore-Registern wie Bahamas, Marshall Islands, Liberia oder Panama.

Es braucht eine eigene Flotte

Dasselbe Ziel verfolgt Holger Schatz. Als Nationalsekretär der Gewerkschaft «Nautilus international» vertritt er die Interessen der Schiffscrews. Deren Wohl ist unter einer seriösen Flagge wie dem Schweizer Kreuz am besten gewahrt, ist Holger Schatz überzeugt.

Der Reeder Andriu Bonnevie-Svendsen wie auch der Gewerkschafter Holger Schatz sind überzeugt, die Schweiz als Seefahrtnation braucht eine eigene Flotte.

Teure Bürgschaften des Bundes

Diese Ansicht vertrat auch der Bundesrat während des Zweiten Weltkriegs. Er baute damals eine eigene Hochseeflotte auf. Sie sollte die Landesversorgung auf den Weltmeeren garantieren. Nach dem Krieg überliess der Bund die Schiffe privaten Reedereien.

Doch der Bund behielt sich das Recht vor, in Krisenzeiten auf die Schiffe zurückzugreifen, sie im Notfall auch zu enteignen. Im Gegenzug bürgte der Bund für die Schiffe, falls eine Reederei in Schwierigkeiten geraten sollten.

Legende: Zum ersten Mal ein Meerdampfer unter der Flagge der Schweizer Flotte. Am 5. Mai 1941 fuhr die «Calanda» in den Hafen von Lissabon ein, Wikimedia / Nationalbibliothek / Annemarie Schwarzenbach

Das geschah vor wenigen Jahren. Eine Berner Reederei ging Konkurs und musste ein Dutzend Schiffe abstossen. Für die offenen Kredite musste der Bund mit über 200 Millionen Franken geradestehen. Einer Reederei aus Genf droht bald dasselbe. Dafür hat der Bundesrat bereits über 130 Millionen Franken zurückgestellt.

Schweizer Flagge als Schutz

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«Passiert einem Schiff unter einer fremden Flagge etwas, dann ist das Zusammenspiel mit Gewerkschaften, der staatlichen Kontrollbehörde und den Reedern nicht gegeben» sagt Gewerkschafter Holger Schatz. Ganz anders, wenn die Schweizer Flagge auf dem Schiff weht.

Ende Mai 2021 wurde der Tanker «San Padre Pio» von Nigeria nach jahrelangen Verhandlungen freigegeben. Drei Jahre zuvor war das Schiff im Golf von Guinea festgehalten worden wegen angeblichem illegalem Ölschmuggel.

Zu Unrecht, wie sich nun zeigte. Die Freigabe des unter Schweizer Flagge fahrenden Tankers gelang dank diplomatischen Verhandlungen auf Bundesebene.

Bei einem Fall von Piraterie gelang vor drei Jahren die Freilassung von zwölf Seeleuten dank dem Einschreiten von Gewerkschaft und Bundesbehörden.

Kein Bedarf mehr für die Landesversorgung

Im Zuge dieser Fälle liess der Bund die gesamte Schweizer Hochseeflotte und deren Bedeutung für die Landesversorgung überprüfen. Er kam zum Schluss: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Bund in Krisenzeiten auf die Flotte zurückgreifen muss, ist minim.

Aus diesem Grund beschloss der Bundesrat 2016, keine neuen Bürgschaften für die Schweizer Hochseeflotte zu gewähren.

Damit verlor der Reedereistandort Schweiz einen grossen Anreiz. Wie soll nun die Schweizer Flagge für Reedereien wieder attraktiv werden? Der Reeder Andriu Bonnevie-Svendsen wie auch der Gewerkschafter Holger Schatz sehen die Lösung in der Tonnagesteuer.

Legende: Die «Charmey» im Hafen von Casablanca. Sie ist eines der 17 verbliebenen Schiffe, die unter Schweizer Flagge fährt. Wikimedia / Farid mernissi

Eine neue Steuer als Rettungsanker?

Bei der Tonnagesteuer gilt die Ladekapazität eines Schiffes als Grundlage für die Steuerberechnung. Gewinn und Verlust spielen bei dieser Pauschalsteuer keine Rolle.

Der Bundesrat unterstützt die Tonnagesteuer. Die Vernehmlassung der entsprechenden Vorlage ist im Februar abgeschlossen worden. Das Parlament soll noch dieses Jahr darüber entscheiden.

Im Parlament dürfte es die neue Steuer aber schwer haben. Auch in der Bevölkerung sind Pauschalsteuern nicht beliebt. Die Zukunft der Schweizer Hochseeschifffahrt bleibt weiterhin im Ungewissen.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 5.7.2021, 9:03 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Adrian Müller  (Andymüller)
    Das finde ich voll in Ordnung. Die Schweiz hatt schon den Fehler gemacht bei der SWISSAIR. Das jammern wird gross, wenn man wirklich Güter braucht vom Ausland und keiner liefert. Ich bin zwar nur ein Freizeit Segler und wohne auf einem Segelboot seit 5 Jahren. Aber mit Schweizer Flagge. Ich hätte auch andere und billigere Beflaggung haben können, aber ich habe lieber immer die Schweizer Flagge am Heck vom Schiff.
  • Kommentar von Urs Schärer  (Schärer)
    Es ist sehr bedenklich, dass die Schweiz in vielen Belangen keine guten Führungskräfte in bedeutenden Segmenten wie zum Beispiel in der Landesversorgung hervorbringen kann! Die massgebenden Leute, die die Führung inne haben, müssten auch am Erfolg eines staatlich Beteiligten Unternehmens entlöhnt werden, aber es scheint immer wieder mal, dass man sich hier als Chefs keinem Druck ausgesetzt fühlen muss! Man hat ja bei der laufenden Pandemie gesehen wohin Lethargie führen kann.
  • Kommentar von Norbert Zeiner  (ZeN)
    Traurig modernes Kapitel unserer progressiven Politik. Wie hat doch Corona vor Augen geführt, wie jegliche Krisenvorsorge völlig ignorant vernachlässigt wurde. Ins gleiche Thema geht auch das "Verhökern" des Nationalbank Goldes vor 20 Jahren ohne jede Not, das wäre heute bitter nötig zur Absicherung der enormen Währungsrisiken von heute 500 Mia Fr an USD und Euro, mit Kurszerfall einer Krise kann das "über Nacht" nur noch die Hälfte wert sein. Dieses Gold wäre heute das über 3-fache wert.