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Taschen nähen für eine Zukunft nach der Zwangsprostitution
Aus Kontext vom 30.06.2023. Bild: Tili Sharon Livnay
abspielen. Laufzeit 28 Minuten 41 Sekunden.

Schweizerin hilft in Israel Sie bietet einen Ausweg aus der Zwangsprostitution

Rucksäcke aus alten Segeln: Die Schweizerin Tabea Oppliger ermöglicht ehemaligen Zwangsprostituierten den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. In Tel Aviv fand sie den Nährboden für ihr Sozialunternehmen. Doch nun gefährdet die Bürokratie ihr Vorhaben.

Es war eine Begegnung mit Folgen: Tabea Oppliger war mit ihrer sechs Wochen alten Tochter im Zürcher Rotlichtmilieu unterwegs, es regnete heftig, und plötzlich näherte sich ihr eine Frau. «Es war klar zu erkennen, dass sie eine Prostituierte war», erzählt sie. Die Unbekannte fragte in gebrochenem Deutsch: «Darf ich Tochter küssen?»

Tabea Oppliger bejahte. «Dieser Kuss mit dem Lippenstift auf das Köpfchen meines Babys hat zugleich mein Herz gebrandmarkt.»

Frau steht lachend vor aufgestapelten Segel.
Legende: «Dafür lebe ich»: Tabea Oppliger schafft in Tel Aviv Arbeitsplätze für Zwangsprostituierte, die aussteigen wollen. Tili Sharon Livnay

Daraufhin hat die Frau erzählt, wie sie mit falschen Versprechungen aus Südamerika in die Schweiz gelockt und zur Prostitution gezwungen wurde. «Wenn man von etwas hört, schaut man entweder weg und geht weiter oder man wird aktiv», sagt Tabea Oppliger.

Sie wurde aktiv. Die heute 45-Jährige, die eine Weiterbildung als Sportmasseurin absolviert hatte, bot den Sexarbeiterinnen an, sie zu massieren. Sie hat gesehen, wie körperlich und psychisch belastend die Arbeit der Frauen war.

Arbeit statt Mitleid

Bei ihren Begegnungen hörte Oppliger immer wieder denselben Satz: «Ich brauche kein Mitleid, ich brauche einen Job.» Denn erfolgreich aus der Zwangsprostitution aussteigen könne nur, wer mit einer anderen Tätigkeit eine Perspektive habe. Für Tabea Oppliger war deshalb klar: Sie wollte die Lücke zwischen Ausstieg und Reintegration in den Arbeitsmarkt schliessen.

Auf Regalen stapeln sich aufgerollte, farbige alte Segel.
Legende: Materiallager von KitePride: Aus alten Segeln werden Taschen, Rucksäcke und Accessoires. Tili Sharon Livnay

Das war vor gut zehn Jahren. Heute führt die Schweizerin zusammen mit ihrem Mann Matthias ihr Sozialunternehmen «KitePride» in Israel, das zugleich ein Upcycling-Projekt ist.

Materiallager mit Aussicht

Die Produktionsstätte befindet sich in einem Industriegebäude im Süden Tel Avivs, einer eher ärmeren Gegend, in der viele Migrantinnen und Migranten leben. Auf zwei Stockwerken nähen Mitarbeitende Taschen, Rucksäcke und Accessoires aus alten Segeln und Fallschirmen.

Es gibt so viele ehemalige Opfer von Menschenhandel, die eine Arbeitsstelle brauchen.
Autor: Tabea Oppliger Gründerin KitePride

Zum Unternehmen gehört auch das Dach des Gebäudes, von wo aus man über ganz Tel Aviv blickt. Hier ist das Materiallager von KitePride. «Und auf dem Dach haben wir eine grosse Arbeitsfläche», sagt Oppliger.

Eine Frau breitet ein Segel auf einer Dachterrasse aus.
Legende: Das Dach ist zugleich eine grosse Arbeitsfläche: Tabea Oppliger breitet ein altes Segel aus. Teile davon werden später zu Taschen verarbeitet. Tili Sharon Livnay

Die Unternehmerin ist braungebrannt und sportlich. Man sieht ihr an, dass sie leidenschaftlich surft. Dass sie gerne zupackt, wird klar, als sie ein Segel aus einem Regal hervorzieht und auf dem Boden der grossen Terrasse ausbreitet.

Jede Etikette sagt «Danke»

In den beiden Stockwerken darunter nähen Mitarbeiterinnen an Industrienähmaschinen Labels an die Taschen. «Danke» steht darauf. «Sie haben soeben der Person einen sicheren Rehabilitations-Arbeitsplatz verschafft, die diese Tasche genäht hat – alles Überlebende von Menschenhandel und Prostitution.»

Entweder rette ich mich oder ich bringe mich um.
Autor: Tommy Köchin bei KitePride

Bei KitePride arbeiten Menschen, die den Ausstieg aus der Zwangsprostitution bereits geschafft haben: Sie kommen über Organisationen, die Schutzhäuser betreiben, oder über Tagesklinikbetriebe, die Beschäftigungsprogramme haben, zu Tabea Oppliger.

Oft sind sie bereits in Therapie und bereit für den nächsten Schritt: die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. «Momentan arbeiten 13 Leute mit diesem Hintergrund bei uns in der Produktion in der Fabrik», sagt Tabea Oppliger.

Hohe Erfolgsquote

Die meisten Mitarbeitenden kommen aus Osteuropa, mehrheitlich aus der Ukraine und aus Russland. Einige stammen aus Israel. Angestellt sind vor allem Frauen, dazu etwa 30 Prozent Transgender und 10 Prozent Männer.

Frau mit gestreiftem T-Shirt hinter einer Nähmaschine.
Legende: Die meisten Mitarbeitenden von KitePride kommen aus Osteuropa – und sie wollen unerkannt bleiben. Tili Sharon Livnay

2018 hat Tabea Oppliger KitePride mit ihrem Mann gegründet. «Seither sind etwas mehr als 35 Leute bei uns ausgebildet worden zu Näherinnen, zu Produktionsmitarbeiterinnen, zu Designern – im kleinen Bereich natürlich.»

Ganz zu Beginn seien zwei oder drei Menschen wieder in die Prostitution zurückgekehrt. «Aber sonst sind alle geblieben», sagt Oppliger. «Wir haben eigentlich hundertprozentigen Erfolg.»

Spenden sind nötig

Tabea Oppliger realisierte bald, dass das Angebot von KitePride nicht ausreicht. «Es gibt so viele ehemalige Opfer von Menschenhandel, die eine Arbeitsstelle brauchen», sagt sie. «Es ist eine Riesennot.» Und weil die Angestellten bei KitePride von Anfang an ein Gehalt erhalten, um finanziell möglichst rasch auf eigenen Beinen zu stehen, sei ihre Kapazität begrenzt.

«Die Einnahmen bei KiteProde decken gerade mal die Produktionskosten», sagt Oppliger. Das Unternehmen ist zu einem grossen Teil auf Spendengelder von jüdischen und mehrheitlich kirchlichen Stiftungen angewiesen.

Der schwierige Weg aus der Zwangsprostitution

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Legende: Doro Winkler ist Expertin für Menschenhandel. Detlev Bruggmann

Wie können Opfer von Zwangsprostitution geschützt werden? Und wie gelingt ein Ausstieg? Antworten hat Doro Winkler. Sie ist Geschäftsleitungsmitglied von der FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration und Expertin im Europarat für Menschenhandel.

SRF: In Israel gilt für Prostitution das Nordische Modell: Freier machen sich strafbar, die Prostituierten nicht. In der Schweiz wiederum ist Prostitution legal. Was heisst das?

Doro Winkler: Dass sie ein legaler Wirtschaftszweig ist. Doch auch in der Schweiz ist Menschenhandel strafbar und die Polizei führt Kontrollen durch und entdeckt Opfer von Menschenhandel.

Und wie schützt Israel Opfer von Zwangsprostitution?

Israel hat vor kurzem die Europaratskonvention gegen Menschenhandel unterzeichnet. Aus der Perspektive des Europarats freut uns das, weil sich das Land damit verpflichtet, auf den Schutz und die Rechte der Opfer zu fokussieren. Die Schweiz hat die Konvention schon 2012 ratifiziert.

Wie können Zwangsprostituierte in der Schweiz aussteigen?

Dazu braucht es Menschen, die erkennen, dass Zwangsprostituierte in einer Ausbeutungssituation sind – und die Opfer an Hilfsangebote weiterleiten. Die Betroffenen sind selten in der Lage, selber aus der Situation auszubrechen. Hier ist die FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration aktiv. Wir haben Schutzwohnungen an geheimen Standorten, in denen die Betroffenen unterstützt und begleitet werden und eine Alltagsstruktur vorfinden.

Der erste Schritt führt also weg von ihren Peinigern.

Als zweiten Schritt müssen Betroffene von Menschenhandel entscheiden, ob sie die Täter anzeigen möchten. 50 bis 70 Prozent der Personen, die wir unterstützen, wollen mit den Behörden kooperieren. Dann erhalten sie eine Aufenthaltsbewilligung für die Dauer des Verfahrens, bei dem wir sie begleiten.

Kann man auch aussteigen, ohne sich mit den Tätern befassen zu müssen?

Ja, wir unterstützen sie, auch wenn sie es nicht wagen, zu kooperieren. Das Problem ist, dass sie dann womöglich in ihr Land zurückkehren müssen, ohne dort geschützt zu werden. Viele aber wollen zurück in ihr Land, zu ihren Kindern.

Welche Möglichkeiten haben ehemalige Zwangsprostituierte zur Reintegration in den Arbeitsmarkt?

Meist steigen sie in bereits bestehende Arbeits-Integrationsprojekte ein, die sich auch an andere Personen richten. Das anonymisiert ehemalige Opfer von Menschenhandel zusätzlich.

Das Gespräch führte Noëmi Gradwohl.

Um noch mehr ehemaligen Opfern von Zwangsprostitution zu helfen, hat Oppliger ein Sozialprojekt lanciert. In Kursen lernen die Teilnehmenden Alltägliches: wie Rechnungen zu bezahlen, wie man sich bewirbt, wie das Sozial- und Gesundheitssystem funktioniert, aber auch welche Rechte sie haben. Das Ziel ist, dass sie im Leben wieder Fuss fassen. Für dieses Projekt erhält Tabea Oppliger unter anderem Geld von der israelischen Regierung.

Rettung, bevor es zu spät ist

Tommy ist eine der Frauen, die bei diesem zweiten Projekt mitgemacht hat. Die 29-jährige Israelin arbeitet heute als Köchin, unter anderem für den Mittagstisch von KitePride. Sie ist bereit, ihre Geschichte zu erzählen, im Gegensatz zu den Angestellten, die lieber in der Anonymität bleiben wollen.

Frau mit Tätowierungen schneidet mit einem grossen Messer Gemüse.
Legende: Tommy hat den Ausweg aus der Zwangsprostitution geschafft und arbeitet heute als Köchin unter anderem für KitePride. Tili Sharon Livnay

«Ich habe mehrmals versucht, auszusteigen», erzählt Tommy. Letztlich sei es immer an finanziellen Problemen gescheitert. «Bis ich vor vier Jahren zum Schluss kam: Entweder rette ich mich oder ich bringe mich um.»

Sie habe nie das Gefühl gehabt, dass jemand sie auffangen werde, wenn sie diesen Schritt wagen würde. Erst mit den Menschen bei Tabea Oppliger sei sie dazu bereit gewesen. «Und als es passiert ist, war ich nicht allein.»

Mit 14 Jahren das erste Mal verkauft

Ihre Mutter hat die Familie verlassen, als Tommy zwei Jahre alt war. Als ihr Vater starb, kam sie elfjährig in ein Internat. Mit 14 Jahren ist sie ausgebüxt. «Da wurde ich das erste Mal verkauft», sagt sie. Etwas habe sich dabei in ihrem Kopf verändert: Ihre Selbstwahrnehmung sei danach eine andere gewesen.

Mit 17 Jahren hatte sie keine andere Wahl, als sich zu prostituieren. Ein paar Jahre habe sie in Stripclubs gearbeitet sowie in der BDSM-Szene und als Prostituierte. «Es war wirklich nicht schön. Aber es war für eine ganze Weile meine einzige Option.»

Die Schweiz ist nicht der Ort, wo man Innovation willkommen heisst.
Autor: Tabea Oppliger

Vor wenigen Jahren hat Tommy nun den Ausstieg geschafft. Sie habe via Facebook vom Angebot von Tabea Oppliger erfahren. Nach einem Zoom-Gespräch sass sie kurz darauf jeden Morgen um acht Uhr im Kurs.

Tommy war beeindruckt von der Hilfe, die sie erhielt. «Die Sozialarbeiterinnen sind rund um die Uhr erreichbar. Ich kann nachts eine Nachricht schreiben und erhalte eine Stunde später eine Antwort.» Das gibt Tommy die nötige Sicherheit.

Nächstenliebe aus Überzeugung

Dass Tabea Oppliger sich für Menschen wie Tommy einsetzt, liegt auch an ihrem Glauben. Sie ist wie ihr Mann in einer freikirchlichen Familie in Papua-Neuguinea aufgewachsen. Dort waren ihre Eltern missionarisch tätig.

Nähmaschine in einer Nahaufnahme.
Legende: In Handarbeit entstehen Taschen, Rucksäcke oder Accessoires. Tili Sharon Livnay

Zurück in der Schweiz machte sie in Zürich eine Lehre als Luftfahrtangestellte. Die freikirchliche Prägung ist für Tabea Oppliger zentral, ihr Glaube «ein Anker». «Ich bin damit aufgewachsen, dass man Nächstenliebe aus Überzeugung lebt», sagt sie.

Sie lebe in einer Beziehung zu Gott. «Das ist meine Quelle und für mich etwas Persönliches, aber wenn mich jemand danach fragt, spreche ich darüber.» Bekehren wolle sie niemanden. «In Israel ist Missionieren sowieso verboten, da müsste ich gleich das Land verlassen.»

Start-up-Paradies Israel

Dass die Schweizerin Tabea Oppliger ihr soziales Unternehmen in Israel realisiert hat, begründet sie mit ihrer Kritik an der Unternehmenskultur in der Schweiz: «Die Schweiz ist nicht der Ort, wo man Innovation willkommen heisst. Ich glaube, ich wäre noch heute am Warten auf alle Zertifikate, die nötig sind, um ernst genommen zu werden.»

Tabea Oppliger hat ein Umfeld gesucht, das ihr ermöglichte, loszulegen, auch wenn das Projekt noch in der Planungsphase war. Dieses Umfeld hat sie in Israel gefunden.

Verlassene Arbeitsplätze mit Nähmaschinen.
Legende: In Israel konnte Tabea Oppliger ihr Sozialunternehmen schneller gründen als in der Schweiz – nun wartet sie auf eine permanente Aufenthaltsbewilligung. Tili Sharon Livnay

Dass ihre Wahl ausgerechnet auf Israel fiel, war letztlich Zufall. Ihr Mann war zum Surfurlaub dort und vom Land begeistert. Kurz darauf verbrachten sie gemeinsam mit den drei Kindern dort Ferien und merkten: «In Israel gibt es eine Start-up-Kultur, einen Nährboden für Pioniergedanken.»

Als nichtjüdische Leute beantragten sie Visa und legten los. Das war 2014. Dass auch in Israel nicht alles nur rund läuft, hat Tabea Oppliger im Lauf der Jahre gemerkt. «Die ganze Bürokratie ist uns über den Kopf gewachsen.» Obwohl sie unterdessen fliessend Hebräisch spricht, sei es dennoch schwierig, das System zu verstehen. «Es ist interessant: Je länger wir da sind, desto mehr merke ich, wie fremd wir sind.»

Die Zukunft ist noch offen

Unterdessen ist das Visum der Familie abgelaufen. Die Oppligers haben eine permanente Aufenthaltserlaubnis beantragt. Seit Monaten warten sie auf den Entscheid. Eine unangenehme Situation, die sich noch verschärft, weil mit KitePride und dem Sozialprojekt weitere Schicksale vom Entscheid abhängen.

Taschen und Rucksäcke an einer Holzwand.
Legende: In Tel Aviv hat Tabea Oppliger eine Start-up-Kultur vorgefunden für ihr Unternehmen – in der Schweiz vermisst sie Innovation. Tili Sharon Livnay

Doch Tabea Oppliger hat vorgesorgt: «Wir haben eine Leiterin für das Unternehmen eingestellt, eine Israelin, die das Ganze vor Ort führen wird.»

Sollte der Entscheid des Innenministeriums negativ ausfallen, will Tabea Oppliger zwischen der Schweiz und Israel pendeln. Denn für sie ist klar, dass ihr Unternehmen weiterbestehen soll: «Es gibt einem Flügel zu sehen, wie die Leute ihre Geschichten verändern können. Das ist gewaltig, dafür lebe ich.»

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 30.06.2023, 09:03 Uhr

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