«Schwere Zeiten» – die anglikanische Kirche und der Brexit

Englands Kirche war gegen den Brexit. Aber sie mischte sich erst spät und sehr verhalten in den Abstimmungskampf ein. Das bedauern jetzt viele Kirchenmitglieder. Der ehemalige Primas der anglikanischen Weltkirche sagt: Die Kirche hätte mehr Klartext reden müssen.

Menschen sitzen in einem Park und halten eine EU-Flagge. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: EU-Befürworter in London: Der Schock des Brexit sitze tief, sagt der Erzbischof von Canterbury. Reuters

Als sich die Geistlichen der Kirche Englands in York zu ihrer General-Synode trafen, war die Stimmung war geknickt. Der Schock des Brexit sitze tief, sagte der amtierende Erzbischof von Canterbury Justin Welby im Vorfeld.

Kirche in Schockstarre

Welby und seine Bischofskollegen hatten stets argumentiert, dass sich die grossen wirtschaftlichen und sozialen Probleme Grossbritanniens nur gemeinsam mit Europa würden lösen lassen. Doch das wurde nicht verstanden, bedauert auch sein Amtsvorgänger Rowan Williams.

Dabei sitzen Williams und andere Bischöfe ja im House of Lords und hätten dort doch Einfluss nehmen können auf die Politik? Williams relativiert: Die Kirche hätte zwar noch direkten Zugang zur hohen Politik. Aber nicht mehr den Einfluss wie noch vor 20 Jahren.

Er empfinde eine starke Ambivalenz: Einerseits wäre die anglikanische Kirche Teil des Establishments, andererseits sind ihre politischen Mittel doch sehr beschränkt.

Grosse Not

An der lokalen Basis erreiche die Kirche mehr, führt Williams aus. An seiner Wirkungsstätte in Cambridge etwa kämen mittlerweile über tausend Menschen täglich zum kirchlichen Gratis-Mittagstisch. Die soziale Not sei gross in Grossbritannien.

Und was die anglikanische Orts-Kirche an Sozialarbeit leiste, würde auch von Kirchenfernen anerkannt und unterstützt. Nur hätte man es eben versäumt, den Menschen klar zu machen, dass in Zeiten globaler Wirtschaft Britannien nur innerhalb der Europäischen Union eine Chance habe. Der Brexit sei schlicht eine Katastrophe.

«Europa nicht verlassen»

Am meisten kritisiert der angesehene Theologe und Cambridge-Professor Williams, dass sich das Vereinigte Königreich auch moralisch verantwortungslos verhalte, wenn es sich aus der EU verabschiedet. Dort mit zu gestalten, wäre nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch ethisch geboten gewesen.

Erzbischof Justin Welby beteuert, dass die Kirche von England mit ihren europäischen Geschwisterkirchen selbstverständlich im Bunde bleibt. Der ökumenischen Zusammenarbeit könne der Brexit nichts anhaben.

Viel Applaus erhielt er so auch von seiner Synode für den Satz: «Auch wenn wir die Europäische Gemeinschaft verlassen werden, werden wir nicht Europa verlassen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 12.07.2016, 17:15 Uhr