«Herrlich!» Bernd Brunner hat sich ins Wasser des Sommerbads in Berlin-Kreuzberg fallen lassen. Der Sachbuchautor schwimmt kurz auf dem Rücken. Dann versucht er sich an einem historischen, heute seltsam wirkenden Schwimmstil.
Das «Sichdrehen im tiefen Wasser» beschrieb der englische Autor J. Frost in seiner Schwimmkunde von 1816 so: «[...] die Brust muss gut gefüllt sein, und die Haltung kann die eines Sitzenden mit gekreuzten Füssen sein. Dies wird erreicht, indem man das Wasser abwechselnd mit jeder Hand auf derselben Seite umarmt.»
Tatsächlich gelingt es Brunner, sich zu drehen. Allerdings haben seine Füsse mehr Auftrieb als in der alten Schwimmkunde vorgesehen. Dort werden noch weitere heute vergessene Stile beschrieben. Seitdem, sagt Brunner, während er sich mit den Händen am Beckenrand festhält, habe wohl eine «Uniformierung der Schwimmstile» stattgefunden.
Das erste Schwimmbuch stammt von einem Schweizer
Es ist eine Freude, «Abtauchen und Treibenlassen» zu lesen, Brunners unterhaltsame und erhellende Kulturgeschichte des Badens und Schwimmens. Der Schweizer Humanist und Lehrer Nikolaus Wynmann, der mit Erasmus von Rotterdam in Briefkontakt stand, veröffentlichte 1538 das allererste Buch über das Schwimmen. Das war brisant.
«Wynmann hatte den Frosch eigentlich als Vorbild für den Bewegungsablauf beim Schwimmen propagiert und in gewisser Weise den Menschen damit vom Primat der Krone der Schöpfung enthoben», erzählt Brunner auf der Liegewiese des Freibads. «Das lief den obersten Katholiken total gegen den Strich und führte dann dazu, dass das Buch verboten wurde.»
Schwimmen mit Propeller
Das Schwimmen, lernen wir Leser, war im 16. und 17. Jahrhundert sogar teils verboten und vielen nicht geheuer. Im 19. Jahrhundert stellten englische Seebäder sogenannte «Dipper» an, um den Badegästen die Angst zu nehmen: «Die ‹Dipper› haben sie auch mit einer gewissen Emphase ins Wasser gestossen, offenbar auch unter Schreien der Gäste, wenn man da den Aufzeichnungen glauben darf», erzählt Bernd Brunner.
Wenn es den Badenden zu viel des Guten gewesen sei, hätten die «Dipper» sie dann wieder aus dem Wasser gezogen und manchmal auch vor dem Ertrinken bewahrt. Brunners Kulturgeschichte lebt auch von den vielen Abbildungen, etwa von kuriosen patentierten Schwimmhilfsmitteln aus dem 19. Jahrhundert.
«Es gab eine Art Schwimmhaut, die zwischen Körper und Arm befestigt war», erzählt Brunner, während sich das Freibad füllt. «Auch gab es Schwimmapparate mit Propellern, die mal von den Händen, mal von den Füssen angetrieben wurden.» All das habe sich aber nicht durchgesetzt.
Von der Wiese aus sieht man, wie aus einem Becken Ellbogen in die Höhe schnellen. Dort wird gekrault. Der österreichische Schriftsteller Robert Musil schrieb einen ganzen Essay über das heute so normale Kraulen. «Musil hat dazu beigetragen, das Kraulen überhaupt populär zu machen», sagt Brunner. «Das Kraulen hatte nämlich immer noch mit Widerständen zu kämpfen, weil man es mit dem Hundepaddeln in Verbindung brachte.»
Auch Goethe, erzählt Brunner, war ein Schwimmpionier. Er genoss schon das Schwimmen in Flüssen, als es in seinen Kreisen noch als Beschäftigung des gemeinen Volkes verpönt war. Goethe verglich das Ins-Wasser-Steigen gar mit dem Beginn einer Liebesaffäre.
Sittenwächter und Trockenschwimmer
Lange gab es Widerstände gegen das Frauenschwimmen, weil Männer ernsthaft glaubten, Frauen seien für diese sportliche Betätigung ungeeignet. In Brunners Buch ist ein heute verstörendes Foto von 1964 abgedruckt. Es zeigt, wie ein uniformierter Sittenwächter an einem kalifornischen Strand mit Massband am Oberschenkel einer Frau überprüft, ob ihr Badeanzug nicht zu weit über dem Knie endet.
Man staunt auch im Kapitel «Trockenschwimmen». «Es gab tatsächlich diese Theorie, dass man nicht ins Wasser gehen sollte, bevor man schwimmen kann», erzählt Brunner und lacht leise.
«Und zwar hat man das Schwimmen im Trockenen gelehrt, indem man die Lernenden zum Beispiel auf einem kleinen Tisch positioniert und sie dann dazu gebracht hat, die typischen Arm- und Beinbewegungen zu machen.»
Wenn die Grenzen des Körpers verschwimmen
Der Autor ist auf eine erstaunliche Illustration zum Thema gestossen: «Es gab beim französischen Militär eine Vorrichtung, da waren tatsächlich acht Soldaten liegend wie auf einem Karussell eingespannt.»
Trockenschwimmen? Bernd Brunner steigt lieber noch mal ins Wasser. «Die Grenzen des Körpers verschwimmen», sagt er, während er sich auf dem Rücken treiben lässt. «Man hat ein anderes Gefühl des Seins in der Welt. Das ist eine Faszination, die für mich eigentlich nie nachlässt. Und ich glaube, das geht auch vielen anderen so.»
Brunners Kulturgeschichte des Badens und Schwimmens erweitert unseren Horizont und macht Lust auf den nächsten Freibadbesuch.