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Gesellschaft & Religion Seelsorge im Spital: Kulturelle Bedürfnisse sind verschieden

Ob krank oder gesund, Ärztin oder Krankenpfleger, Muslima oder Jude – als Seelsorgerin ist Karin Klemm Ansprechperson für alle, die im Kantonsspital Baden eine religiöse Begleitung wünschen. Unterschiedliche Bedürfnisse beeinflussen ihre Arbeit und verlangen Offenheit und Reflexion.

Ein Mann steht neben einer im Spitalbett liegenden Person.
Legende: «Seelsorge ist so ein Begriff. Manche brauchen das Kirchliche daran, aber viele einfach einen Menschen, der Zeit hat.» Getty Images

Karin Klemm ist seit über 17 Jahren katholische Seelsorgerin im Kantonsspital Baden (KSB). Eine wichtige Voraussetzung für ihren Job ist Neugierde: «Wenn es mich nicht mehr interessiert, wie ein Mensch es schafft, seine schwere Situation zu bewältigen, muss ich mit meinem Job aufhören», sagt sie. Diese Neugierde beziehe sich aber nicht nur auf Patientinnen und Patienten. Ebenso ist Klemm für die Begleitung von Angehörigen und fürs Spitalpersonal verantwortlich. «In meinem Pflichtenheft steht: Seelsorge ist Einladung zur Begegnung – für alle in diesem Haus, unabhängig von ihrer religiösen oder kulturellen Prägung.»

Zwischen kultureller Toleranz und Regelwerk

Ein besonderes Merkmal der Seelsorge im Spital gegenüber anderen seelsorgerischen Bereichen ist für Klemm der Aspekt des Existentiellen. Deshalb sei wichtig, auch sich selbst gegenüber neugierig zu sein. Da die eigene Person das einzige Werkzeug der Spitalseelsorge sei, erachtet Klemm die Selbstreflexion als eminent. «Ich komme zum Beispiel ins Schleudern, wenn jemand rassistisch ist. Diese eigene Grenze muss ich kennen, damit ich auch einer solchen Person eine gute Seelsorgerin sein kann.»

Seelsorgerin Karin Klemm
Legende: «Ah, Sie sind die Seelsorgerin?!» Karin Klemm ist Ansprechperson für alle, die eine religiöse Begleitung wünschen. Katonsspital Baden

Fragen der Offenheit und Reflexion sind auch im Umgang mit Angehörigen wichtig. Beispielsweise wird von diesen verlangt, dass eine muslimische Frau nur von einer Ärztin und nicht von einem Arzt untersucht werden soll. «Ehrlich gesagt war ich auch froh, dass mich im Gebärsaal nur Frauen betreut haben, als ich meinen Sohn zur Welt brachte. Aber wenn ich damals als Katholikin darauf bestanden hätte, wäre die Reaktion des Personals gewesen: Was hat die denn? Bei einer verschleierten Frau hingegen ist es heute normal, dass solche Bedürfnisse geäussert und ihnen möglichst nachgekommen werden. Eine solche Ungleichbehandlung zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Frauen wäre nach meinem Empfinden aber nicht gerecht.»

«Die Formen der Unterstützung sind kulturell bedingt»

Aufgrund solcher Herausforderungen arbeitet das Ethikforum des KSB derzeit an entsprechenden Fallsituationen. Um dabei möglichst viele Perspektiven zu berücksichtigen, wurden eine ehemalige Patientin mit palästinensischen Wurzeln und eine muslimische Pflegerin aus Serbien sowie ein jüdischer Rabbiner aus der Schweiz eingeladen. Im Gespräch mit ihnen wurde schnell klar, dass nicht religiöse, sondern kulturelle Bedürfnisse zur Diskussion stehen.

Klemm kann dies aus ihrem Alltag bestätigen. «Ich erinnere mich an eine Muslima, die mich ich am Totenbett ihres Sohnes in den Arm genommen habe. So etwas würde mit jemandem aus Sri Lanka, der oder die katholisch aufgewachsen ist und mir darum – konfessionell gesehen – näher steht, niemals geschehen. Dort werden persönliche Dinge in der Familie und nicht mit fremden Menschen geteilt. Es ist also kulturell bedingt, welche Formen der Unterstützung verlangt und in Anspruch wird.»

«Zufällig» zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Begegnungen mit Angehörigen ergeben sich oft zufällig. «Beispielsweise stehe ich mit jemandem im Lift und diese Person sieht meinen Badge. Dann kommen Reaktionen wie: «Ah, Sie sind die Seelsorgerin?! Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt. Eher schwarz und alt oder rundlich, aber nicht mit spitzen Schuhen!» Klemm, eine grosse schlanke Frau mit Kurzhaarfrisur, lacht über solche Bemerkungen und freut sich, wenn durch direkte Begegnungen Vorurteile abgebaut werden können. Es sei ihr wichtig, dass die Leute auf sie zukommen und nicht umgekehrt. «Das lässt gewisse Spielräume offen und ist weniger zielgerichtet.»

Deshalb erschiene sie oft «rein zufällig» auf dem Gang, wenn jemand notfallmässig operiert werden müsse oder im Sterben liege. Durch Gespräche mit Kranken und Angehörigen entlaste sie nicht zuletzt das Personal, das trotz seelsorgerischen Kompetenzen oft keine Zeit für derartige Begegnungen habe. «Seelsorge ist so ein Begriff. Manche brauchen das Kirchliche daran, aber viele einfach einen Menschen, der Zeit hat.» Und solange Karin Klemm neugierig bleibt, will sie sich diese Zeit gerne nehmen.

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