Service Public: Australiens «linkslastige Tante» verliert an Biss

Die Debatte um den Service Public beschäftigt die Schweiz. Bewegen die öffentlich-rechtliche Medien auch anderswo die Gemüter – etwa in Australien? Dort ist die ABC ein Garant für kritischen Journalismus. Genau das macht den Sender zum Angriffsziel der konservativen Regierung.

Zwei Männer schauen fern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Billigfernsehen soll es geben, kritischen Journalismus jedoch nicht: Die Regierung Australiens kürzt bei der ABC. Getty Images

Viele Australier nennen sie liebevoll «Aunty» – Tante: die ABC ist schon 85 Jahre alt. Keine Institution, ausser vielleicht die Politik, hat früher die Meinung der Bevölkerung so stark geprägt wie die ABC.

Bis zur Ankunft von Privatsendern war die öffentlich-rechtliche Station für Hunderttausende, ja Millionen Menschen im geografisch isolierten Australien die einzige Verbindung zur Welt. Damals, als am Sonntagabend die ganze Familie gemütlich vor dem Radio sass und einen Bericht hörte aus einem Teil der Welt, den man bestenfalls aus dem Lexikon kannte.

ABC in Kürze

1:18 min, aus Kultur kompakt vom 24.08.2015

Rupert Murdoch kontrolliert

Heute, in Zeiten von Billigfernsehen und Boulevardradio, ist die ABC ein seltener Garant für Qualität und Ausgewogenheit – und das auf vielen Kanälen: Die ABC macht Fernsehen auf drei Sendern, sowohl nationales als auch lokales Radio und ist natürlich online vertreten. Der Sender ist die vielleicht letzte Bastion von echtem, nämlich kritischem Journalismus in Australien. Denn die Programme fast aller privaten Sender sind im besten Fall Trägermasse für Werbung. Wirklich kritische Analysen gibt es kaum, Boulevard dominiert die meisten Sendekanäle.

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Service Public weltweit

Noch schlechter für den Journalismus sieht es bei den Druckmedien aus. Rund 80 Prozent der Zeitungen in Australien werden vom neokonservativen, amerikanischen Medienmogul Rupert Murdoch kontrolliert, der sich nicht scheut, direkt in den politischen Prozess einzugreifen. Kritiker beschreiben Murdoch-Postillen wie die Tageszeitung «The Australian» heute als «Propaganda-Organ» des konservativen Premierministers Tony Abbott.

Regierung dreht den Geldhahn zu

Die kritische Haltung der ABC passt der konservativen Regierung gar nicht. «Linkslastig», sei sie, die alte Tante, tönt es täglich von Seiten rechter Kommentatoren und Politiker. Der Druck, konform zu sein, wächst: Im Juli verbot Tony Abbott seinen Ministern, in der Talkshow Q&A aufzutreten, nachdem die Produzenten der Sendung einen islamistischen Agitator zu Wort kommen liessen.

Die Regierung lässt keine Gelegenheit aus, den Journalisten der ABC zu zeigen, wer das Sagen hat. Finanziert wird die ABC direkt von der Regierung, nicht über Gebühren. Im letzten Haushaltsplan kürzte Abbott das Budget für den Sender dramatisch – trotz seines Versprechens vor den Wahlen, dies werde nicht geschehen. Der Verlust von hoch qualifizierten Journalisten war eine Folge.

Service Public in Australien

4:13 min, aus Kultur kompakt vom 24.08.2015

Gefälligkeitsjournalismus

Vielleicht noch bedenklicher ist der Trend hin zu Gefälligkeitsjournalismus. Die ABC hat in den letzten Jahren deutlich an «Biss» verloren. Interviews mit Politikern sind oftmals weniger kritisch, als dies früher der Fall war.

Auf dem Papier ist die ABC zwar politisch unabhängig – aber die fatale Kombination einer äusserst konservativen Regierung und einer Mehrheit von privaten Medien, die ihr mehrheitlich wohl gesinnt sind, macht der alten Tante das Leben schwer.

Die «Wunschliste» der Ultrakonservativen

Das Leben schwer machen – genau das sei auch das Ziel, wenn man den Kritikern und Freunden der ABC glauben will. Die ultrakonservative Denkfabrik Institute of Public Affairs, die der Regierungspartei und dem Premierminister nahe steht, hat vor den Wahlen 2013 ein «Wunschliste» mit über 50 Zielen veröffentlicht, die eine künftige konservative Regierung erreichen müsse. Darunter ist auch die Auflösung der ABC und die Privatisierung der einzelnen Programme. Der Name eines der wichtigsten Geldgeber des Instituts: Rupert Murdoch.