«Sie hängen dich, weil du schwarz bist!» (Malcolm X)

Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ist der schwarze Bürgerrechtler Malcolm X zum Mythos geworden. Er ist ein Symbol des militanten schwarzen Widerstandes. Er ist auch eine Popikone. Sein Zeichen findet man überall: auf Konzerten schwarzer Rapmusiker, auf Kartoffelchips und Raumsprays.

Malcom X sitzt auf einem Sofa. Er legt den Arm auf die Lehne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Er war radikal und kompromisslos: Malcom X. Getty Images

Sein aussergewöhnliches rhetorisches Talent, sein bedingungsloser Einsatz für die Rechte der schwarzen US-Bevölkerung machten Malcolm X zum Idol seiner Zeit. Auf Kundgebungen und in den Medien artikulierte er, was viele Schwarze nur zu flüstern wagten: dass sie dieselben Rechte besitzen sollten wie die Weissen, dass sie unterdrückt werden und sich wehren müssen. «Egal ob du Christ bist, Muslim oder Nationalist, wir haben alle das gleiche Problem», so Malcolm X 1963: «Sie hängen dich, weil du schwarz bist!»

Für die US-Gesellschaft der 1960er-Jahre waren das ungeheure Worte. Schwarze durften damals nicht dieselben Schulen, Universitäten und Restaurants wie die Weissen besuchen, nicht dieselben Kirchen und Hotels. «Was sich für die Weissen als amerikanischer Traum darstellt, das ist für die Schwarzen längst zum Alptraum geworden», sagte Malcolm X 1962.

Zusatzinhalt überspringen

Sendehinweis

Aus Anlass des Todes von Malcom X vor 50 Jahren sendet «Lost&Found» politische Soul- und Funkperlen und widmet sich der Geschichte der Afroamerikaner in den USA. Am 22.2.2015, um 11:00 Uhr auf SRF Virus.

Vom einfachen Landjungen zum «Friedenskämpfer»

Malcolm X alias Malcolm Little wurde am 19. Mai 1925 in Omaha, Nebraska, geboren. Aus dem einfachen Landjungen wurde rasch ein abgebrühter Klein-Ganove. Malcolm geriet ins kriminelle Zuhältermilieu und landete im Gefängnis. Dort lernte er lesen und schreiben, wurde Mitglied der «Nation of Islam» (NOI), einer religiös-politischen Organisation schwarzer US-Amerikaner, die von der Überlegenheit der schwarzen Rasse überzeugt war. Fortan nannte er sich Malcolm X - das «X», um zu demonstrieren, dass er den Namen seiner von Sklavenhändlern nach Amerika verschleppten Vorfahren nicht kannte.

Malcolm X bezeichnete sich selbst als «Friedenskämpfer» und «schwarzen Nationalisten». Er plädierte nicht wie Martin Luther King für Gewaltfreiheit. Dessen Traum von der Integration der Schwarzen in die US-Ge­sellschaft verspottete Malcolm X öffentlich. Und er forderte die ökonomische Unabhängigkeit der Schwarzen und rief zur Selbstverteidigung gegen die herrschende Rassendiskriminierung auf.

Auf Kartoffelchips und Raumsprays

Seine radikale Kompromisslosigkeit macht Malcolm X noch immer zum Idol der Schwarzen. Schwarze haben im Durchschnitt noch immer ein geringeres Einkommen als Weisse, eine kürzere Lebenserwartung und eine schlechtere Ausbildung. Sie sind in den USA sowohl häufiger Opfer als auch Täter in einem Tötungsdelikt und werden häufiger zum Tode verurteilt. Knapp ein Viertel der schwarzen Jugendlichen sass schon einmal im Gefängnis.

Für schwarze Jugendliche in den Vereinigten Staaten gilt Malcolm X als Märtyrer. Sein Zeichen ist überall zu finden: auf Konzerten schwarzer Rapmusiker und Kartoffelchips, auf Armbanduhren und Raumsprays. Malcolm X mutierte zum Symbol des militanten schwarzen Widerstandes, zum beliebig verfügbaren Label und zur Popikone.

Ein Heldendenkmal

Selbst der ehemalige US-Präsident Bill Clinton joggte einst im Wahlkampf mit einer Baseballmütze, auf der das mysteriöse «X» stand. Auch der schwarze Filmregisseur Spike Lee interessierte sich in seinem Kinoepos «Malcolm X» von 1992 mehr für die Lichtgestalt als für die Schattenseiten.

In den 1950er-Jahren predigte Malcolm X Antisemitismus, Frauenhass und Rassismus gegen Weisse. Nach einem polemischen Kommentar zum Tode John F. Kennedys kam es zum Streit mit dem Führer der NOI. Malcolm X trennte sich von der Organisation, blieb jedoch Muslim, pilgerte nach Mekka und nannte sich fortan Hadschi Malik El-Shabazz. Schliesslich revidierte er seine politischen Ziele und diktierte seinem Biographen Alex Haley kurz vor seiner Ermordung: «Meine Freunde sind heute schwarz, braun, rot, gelb und weiss.» Am 21. Februar 1965 wurde Malcolm X von drei Mitgliedern der NOI ermordet.

Eine tödliche Verschwörung?

Noch immer glauben viele Afroamerikaner an eine Verschwörung: Malcolm X soll im Auftrag des FBI ermordet worden sein. 2011 hatte der verstorbene US-Historiker Manning Marable schwere Vorwürfe gegen US-Behörden erhoben. Danach wussten FBI und die New Yorker Polizeibehörden im Vorfeld von dem geplanten Attentat auf Malcolm X. Trotz der Informationen über die bevorstehende Bluttat hätten die Behörden nichts unternommen, um diese zu verhindern, so der Pulitzer Preisträger Marable. Die New Yorker Polizeibehörde dementierte diese Darstellung umgehend.

Sendung zu diesem Artikel