Sie leben wie wir – einfach nur auf Rädern

Rund 35'000 Jenische leben in der Schweiz. Wie lebt es sich auf Rädern? Das wollte die Autorin Michèle Minelli genau wissen. Mit der Fotografin Anne Bürgisser hat sie Jenische besucht und berichtet über diese Begegnungen in ihrem Reportage-Fotobuch «Kleine Freiheit – Jenische in der Schweiz».

Vier Männer beim Musizieren mit Handörgeli Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Handörgeli, Musik und eine Verkleidung Anne Bürgisser

Die Jenischen gehören fest zur schweizerischen Kultur und sind als Minderheit anerkannt. Und doch wissen wir wenig über sie. Wenn überhaupt – dann oft nur aus den Nachrichten: Wenn es wieder um Konflikte um Stand- und Durchgangsplätze geht.

Rund 35'000 Jenische leben in der Schweiz – bis zu 5000 pflegen weiterhin ihren traditionellen Lebensstil und reisen von Standplatz zu Standplatz, von Arbeitsstelle zu Arbeitstelle. Wie lebt es sich auf Rädern? Das wollte die Autorin Michèle Minelli genau wissen.

Kleines Kind mit Puppe Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Es ist so einfach oder kompliziert wie unser Leben auch.» Anne Bürgisser

Sie erinnert sich genau: Als sie noch ein Kind war, da seien sie regelmässig vor der Haustüre gestanden. Jenische, die Messer und Scheren schleifen wollten: «Seit einigen Jahrzehnten ist das nicht mehr vorgekommen und ich wollte wissen: Wo sind sie? Wie leben sie heute? Was stimmt noch mit unseren alten Bildern überein?»

Das Dokument spontaner Begegnungen

Michèle Minelli ist eine erfahrene Romanautorin und ehemalige Produzentin von Dokumentar- und Werbefilmen. Bei diesen Projekten gibt es eigentlich eine klassische Journalisten-Regel. Bevor man überhaupt mit dem Projekt loslegt, wird recherchiert. In der Bibliothek, im Internet.

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Buchhinweis

Michèle Minelli (Text), Anne Bürgisser (Foto): «Kleine Freiheit. Jenische in der Schweiz». Hier+Jetzt Verlag 2015

Beim Projekt über die Schweizer Jenischen warf die 47-jährige ihre Prinzipien über Bord. Keine Recherche, keine Voranmeldung. Nichts. Sie wollte die spontane Begegnung. Und genau darüber berichten: «Das war zum Teil schon etwas naiv. Man weckt die Leute auf, klopft an die Wohnwagen und sagt: ‹Hallo, wir sind eine Fotografin und eine Autorin. Wir möchten ein Buch über Sie machen. Hätten Sie Lust rauszukommen?› Manche sind rausgekommen, andere haben abgewunken.»

Die grosse Stärke des Buches

Über diese Begegnungen, also über das «Wie-macht-man-eigentlich-ein-Buch-über-Jenische?», berichtet Michèle Minelli direkt und unverblümt. Das ist die grosse Stärke dieses Werks. Die Texte haben keinen wissenschaftlichen Anspruch – im Gegenteil. Die Autorin berichtet offen über ihre Gefühle bei den Begegnungen und Interviews, über Fettnäpfchen und falsche Fragen, über Unsicherheiten. Damit übernimmt sie als Autorin eine Art Brückenfunktion zwischen den Lesern und den Jenischen.

Zu Wort kommen jenische Frauen und Männer. Sie sind Aktivisten, Handwerker, Hausfrauen und berichten über ihr traditionelles Leben auf Rädern. Ein Leben, an dem sie stolz festhalten, das aber nicht einfach ist. Dem Ärger über die Behörden im fernen Bern, diesem Thema gibt Michèle Minelli viel Platz. Es sei nicht schwierig gewesen, das Vertrauen der Jenischen zu gewinnen, berichtet sie – im Gegenteil: «Das hat man uns auch immer wieder gesagt: ‹Endlich kommt jemand.›

Es gab auch welche, die waren skeptisch, die hatten Angst, ob man sie in die Pfanne haut. Wir haben ihnen versichert, dass sie die Texte und Bilder vorher sehen und absegnen können. Das war dann eine logistische Herausforderung, nach dem Schreiben der Texte, die Plätze wieder abzufahren und die Leute ausfindig zu machen, bis wir dann endlich alles unter Dach und Fach hatten.»

Weihnachtsbäume mit LED-Lämpchen

Tausende Kilometer sind Autorin Michèle Minelli und Fotografin Anne Bürgisser durch die Schweiz gefahren, um das Leben der Jenischen heute zu dokumentieren. Entstanden ist ein Buch mit über 200 Seiten, mit viel Text und überzeugenden Bildstrecken.

Die Bilder zeigen, dass das Leben im Campingwagen nichts mit Romantik zu tun hat. Die Standplätze befinden sich irgendwo am Rande der Kommunen, eingepfercht zwischen Mülldeponien, Autobahn und manchmal sogar einer Kadaversammelstelle.

Die Fotos dokumentieren den schmalen Grat, den die Jenischen im 21. Jahrhundert zwischen Tradition und Moderne gehen. Sie flechten zwar immer noch Körbe und schleifen Messer, aber in der Hand halten sie ein Smartphone und ihre Weihnachtsbäume sind mit LED-Lämpchen geschmückt.

Letztlich führten die Jenischen in der Schweiz, das gleiche Leben wie Sesshafte, meint Michèle Minelli: «Es ist genauso häuslich und bünzlig und einfach oder kompliziert wie unser Leben. Einfach dass es auf Rädern stattfindet und die Arbeitsstelle immer wieder geändert wird.» Zweieinhalb Jahre haben Michèle Minelli und Anne Bürgisser am Buch gearbeitet. Es gibt den Jenischen in der Schweiz eine Stimme.

Vor wenigen Tagen haben sie das fertige Buch einigen Jenischen präsentiert und gemerkt: Zwischen der ersten naiven Begegnung damals und dem vertrauensvollen Umgang heute, liegen Welten: «Jetzt ist es fast schon eine Begegnung unter Freunden.»