So beklemmend war das Leben im jüdischen Ghetto von Rom

Bis 1870 existierte in Rom eins der ersten jüdischen Ghettos in Europa. 6000 Menschen lebten da unter unzumutbaren Bedingungen. Erst als königliche Truppen Rom eroberten wurden die Mauern des Ghettos komplett aberissen. Eine virtuelle 3D-Animation im jüdischen Museum Rom lässt es nun auferstehen.

Bis 1870 existierte in Rom ein jüdisches Ghetto. Mit der italienischen Staatseinigung wurden seine Mauern eingerissen und das Viertel von Grund auf restauriert und umgebaut. Damit verschwand ein Viertel der ewigen Stadt, in dem auf etwa zwei Hektar rund 6000 Menschen unter zumeist unzumutbaren Bedingungen zusammenlebten.

Mit Hilfe der Rockefellerstiftung wurde dieses Viertel als 3D-Animation nun komplett rekonstruiert und kann im jüdischen Museum in Rom «begangen» werden. Es handelt sich um die weltweit erste 3D-Rekonstruktion eines jüdischen Ghettos.

Europas älteste jüdische Gemeinde

Die ersten Juden kamen wahrscheinlich im 2. Jahrhundert v. Chr. nach Rom. Mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 Jahrhundert n. Chr. wuchs die jüdische Gemeinde Roms, die erste im gesamten Europa, sprunghaft an.

Zunächst unter den Kaisern und dann unter den Päpsten lebten die Juden relativ unbehelligt am Tiber. Pogrome und andere Formen sozialer Ausgrenzung wie im übrigen Europa gab es im Staat des Papstes nie.

Erst Papst Paul IV. ordnete mit einer Bulle, «Cum nimis absurdum», 1555 die Schaffung eines Ghetto an, m Gebiet zwischen Kapitolshügel und Tiber. Mit der Eroberung Roms 1870 durch die königlichen Truppen und dem Ende des Papstsstaates endete auch das Ghetto. In den folgenden Jahrzehnten wurde es grösstenteils umgebaut. Die, wie man in der 3D-Animation im jüdischen Museum sehr gut sehen kann, engen und dunklen Gassen des übervölkerten Viertels verschwanden und machten breiteren Strassen Platz.

Fünf Tempel unter nur einem Synagogendach

Per Touchscreen kann der Museumsbesucher jeden Winkel des Ghettos «abgehen», auf einem etwa vier Quadratmeter grossen Tischbildschirm. Mit Hilfe von Kupferstichen, Ölgemälden und Daguerrotypen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, viele davon im Besitz des jüdischen Museums, wurden Gassen, Strassen, Plätze und stille Winkel haargenau rekonstruiert.

Neben dem Bildschirms werden, je nachdem wo man sich im virtuellen Ghetto gerade befindet, die Namen der einzelnen Orte genannt, und es wird erklärt, worum es sich bei bestimmten Bauwerken handelt.

So erfährt man von der Geschichte einzelner Gebäude, die für das Leben der damals in Rom wohnenden Juden wichtig waren.

Zum Beispiel das kuriose Synagogengebäude, unter dessen Dach fünf verschiedene jüdische Tempel untergebracht waren. Papst Paul IV. hatte den Juden vorgeschrieben, nicht mehr als ein Synagogendach zu haben. Auf diese Weise wollte der Papst, dass es in seiner Stadt nur einen einzigen Tempel gibt. Doch die Juden legten diese päpstliche Vorschrift pfiffig aus und steckten fünf Synagogen unter ein einziges Dach.

Menschenleerer Rundgang

Bewohnern begegnet der Besucher bei seinem virtuellen Rundgang durch das Ghetto Roms nicht. Zu sehen gibt es lediglich Gebäude und Strassen und einen azurblauen Himmel dazu.

Bewusst verzichteten die Macher der Animation auf die Darstellung von Personen und Tieren. Auch ohne virtuelle Bewohner begreift der Betrachter, wie beklemmend die Lebensbedingungen in der Enge des jüdischen Viertels gewesen sein müssen.