Als Kinder machen wir aus fast allem ein Spiel. Aus dem Essen, dem Nachhauseweg, selbst eine Pfütze sorgt für kindliche Unterhaltung. Für Erwachsene ist das reine Zeitverschwendung – statt zu spielen, gehen wir ins Pilates. Scrollen. Machen Karriere.
Klingt öde? Ist es auch! Zeit, etwas Pfeffer in die Sache zu bringen. Kürzlich habe ich jemanden kennengelernt, der genau das tut.
Haltung mit Ansage
Ich sitze, zusammen mit zig anderen Personen, auf Festbänken im Kanzleiareal im Zürcher Kreis 4. Vor mir ein Schachbrett, mir gegenüber ein Mann mit reichlich Brustbehaarung und einem ebenso üppigen Fingerring: «Life Your Life» steht darauf. Es ist Ozan Polat. Er macht sich aus Grammatik genauso wenig wie aus anderen Konventionen.
Für jeden Fetischisten eines linearen Lebenslaufs ist dieser Mann denn auch ein Albtraum: Er hat an der HSG studiert, Glacé produziert, eine Modelinie entwickelt, einen Verlag gegründet, in Kunst- und Blockchainprojekte investiert und – diesen Schachclub hier gegründet.
Ja zum Chaos
«Ich mag die Phase, in der noch nichts sicher ist», sagt er. «Von null auf eins. Dort, wo es chaotisch ist.» In seinem Leben gibt es einen einzigen roten Faden und das ist die Leidenschaft. Diese spült ihn wellenartig mal da, mal dort hin. «Wenn die Lernkurve abflacht, ist das Projekt in einer Phase, in der es jemand anderes übernehmen kann.»
Ozan stapelt Spielfelder, während andere feinsäuberlich am ersten Businessplan feilen. Statt Risiken sieht er Möglichkeiten: «Es lohnt sich gar nicht, Angst zu haben.» Einen nächsten Zug gäbe es ja immer.
Das klingt zwar nach Kalenderspruch, wirkt aber weniger kitschig, wenn man Ozans Lebensweg betrachtet. Als Kurde floh er mit seiner Familie in die Schweiz und erarbeitete sich hier Sicherheit. Ihn interessiert, was passiert, wenn man diese gelegentlich verlässt.
Spielen als Existenzansage
Wagemutig und unvernünftig, werden sich einige denken. Hier hat sich jemand das Kindsein erhalten, denke ich mir. Spielen scheint bei Ozan eine Existenzansage zu sein. Nicht im Sinne von verantwortungslosem «leben wie auf dem Pausenplatz», sondern als Haltung zum Alltag.
Den Ernst des Lebens etwas spielerischer zu nehmen, das empfiehlt auch die Forschung. Es sei gut für die Gesundheit, mache resilienter, könne sogar Depressionen lindern. Man wiederholt Dinge. Übertreibt. Erfindet Regeln. Verliert sich. Denkt nicht ans Ergebnis, sondern ist ganz im Tun.
Neue Geisteszustände
Der Spielforscher Stuart Brown nennt Spielen deshalb einen Geisteszustand. Eine Haltung, mit der man den Alltag neugierig und experimentell angeht, sich ausprobiert, Formalitäten ablegt. Und stressige Situationen für sich umdeutet, sodass sie unterhaltsam werden können.
Statt das Leben als lückenlosen Lebenslauf zu planen, betrachtet Ozan es als Partie mit täglich offenem Ausgang. Philosophisch ist das durchaus anschlussfähig. Platon sah im kindlichen Spiel eine Vorbereitung aufs spätere Leben, Friedrich Schiller behauptete gar, der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Spielerische Selbstentwicklung
Damit meint er, dass der Mensch erst dann ganz er selbst ist, wenn im freien Spiel die widerstreitenden Kräfte «Gefühl» und «Verstand» endlich zusammenfinden. Hier kann sich der Mensch ganzheitlich entfalten. Spielerische Selbstentwicklung sozusagen.
Man könnte sagen: Ozan Polat hat aus diesen Gedanken – weit über das Schachbrett hinaus – ein Lebensmodell gemacht.