Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Sommerserie «Besser Leben» Mit Handy haben wir eine unterhaltsame, aber keine erfüllte Zeit

Wie würde sich ein Leben ohne ständige Erreichbarkeit anfühlen? Ein Treffen mit einem Mann, der konsequent auf ein Handy verzichtet.

Knapp die Hälfte der Schweizer Bevölkerung ist süchtig nach ihrem Smartphone. Ich auch. Ich lese News, höre Musik, kommuniziere auf Whatsapp, orientiere mich mit Google Maps, schaue auf die Wetter-App statt in den Himmel, mache Fotos und löse meine ÖV-Tickets – alles auf dem Smartphone. Studien zeigen: Durchschnittlich hängen wir bis zu fünf Stunden pro Tag an diesem Gerät. Aber jetzt ist Schluss damit.

Zumindest für einen Tag. Ich treffe mich in Aarau mit jemandem, der noch nie ein Handy besessen hat: Maurus Kaufmann, 35, Elektroingenieur und Politiker für die Grünen im Grossen Rat des Kantons Aargau. Auch ich lasse für diese Begegnung mein Smartphone zuhause.

Wie geht das – ein Leben ohne Handy? Ganz einfach, meint Kaufmann, als wir uns treffen. Früher ging es ja auch. Maurus Kaufmann hat nicht nur kein Smartphone, er hat kein Handy. Er ist komplett unerreichbar, wenn er unterwegs ist. Ausser er trägt seinen Laptop mit sich und setzt sich in ein Kaffee mit Wlan. Politik ohne Push-Nachrichten, kein Problem. Kaufmann liest Zeitung und kommuniziert via E-Mail. Das funktioniere.

Genügsam zum Glück

Kaufmann erlebt die Unverfügbarkeit als grosse Freiheit. Alles, was wir besitzen, das besitzt auch uns, meint er. Eine Idee, die ich von der stoischen Philosophie der Antike kenne: Glücklich ist nicht derjenige, der viel hat, sondern der, der wenig braucht. Zufriedenheit, Genügsamkeit, das sei der Schlüssel, meint Kaufmann. Er überlegt sich bei jeder Anschaffung, ob er das Neue wirklich braucht – was es ihm bringt und was er dadurch verliert. Denn Fakt ist: Wir gewöhnen uns schnell an neue Bequemlichkeiten und werden schleichend abhängig. Der Weg zurück wird immer schwieriger. Also gewöhnt er sich gar nicht erst daran.

Besser leben: Der Sommerguide der «Sternstunde Philosophie»

Box aufklappen Box zuklappen

Das Leben, ein Abenteuer! Abwechslungsreich, aufregend – und manchmal auch ganz schön anstrengend. Cool bleiben? Nicht immer leicht. Der Guide der Sternstunde Philosophie zeigt, wie man besser leben kann – oder vielleicht leichter durchs Leben kommt.

  • 21. Juli: Wie wird mein Leben analoger?
  • 22. Juli: Wie lebt man spielerischer?
  • 23. Juli. Warum macht Handwerken glücklich?
  • 24. Juli: Warum machen Tiere glücklich?
  • 25. Juli: Warum hilft es, anderen zu helfen?

Auch ich spüre: Der Verzicht aufs Smartphone schenkt mir mehr Fokus, mehr Präsenz im Hier und Jetzt. Denn genau aus diesem Hier und Jetzt reisst uns das Smartphone weg. Unser Geist ist immer woanders. Zudem verlernen wir, Langeweile auszuhalten. Manchmal auch eine innere Leere. Beides ist unangenehm, aber wichtig.

Smartphone aus, Leben an

Wer sich ständig ablenkt, dem entgeht das, was der Soziologe Hartmut Rosa «Resonanz» nennt. In Beziehung treten mit etwas, sich ganz auf etwas einlassen, berührt werden, verzaubert werden. Um diese Resonanz zu erleben, müssen wir offen sein für das «Unverfügbare», meint der Soziologe, für zufällige Begegnungen, für Ereignisse, die unser Leben verändern. Das aber ist mit dem Smartphone schwierig. Wir müssen also öfter unverfügbar sein, damit uns die Welt wieder erreichen kann.

Einsam sei ein Leben ohne Handy nicht, findet Kaufmann. Er ist vernetzt, ohne permanent erreichbar zu sein. Aber er hat Glück: Seine Freunde nehmen Rücksicht auf ihn, indem sie ihm zusätzlich zum Whatsapp-Chat noch eine E-Mail schreiben.

Kaufmann findet: Das Handy nimmt ihm mehr weg, als es ihm gibt. Das gilt auch für die Zeit. Mit dem Smartphone verlieren wir uns oft in kurzen Momenten. Ein ständiger Dopaminkick. Im Rückblick aber, am Ende des Tages, fühlen wir uns oft leer und müde. Es war eine unterhaltsame Zeit, aber keine erfüllte Zeit.

Wie also können wir Smartphone-Süchtigen uns entwöhnen, um wieder mehr Zeit, Resonanz und Freiheit zu gewinnen? Vielleicht bieten die Sommerferien die ideale Gelegenheit, um zu üben, wie das war, damals, ohne Smartphone. Ich probiere es aus und lasse das Ding öfter mal zuhause. Oder schalte zumindest in Flugmodus.

SRF 1, 10 vor 10, 22.7.2026, 21:50 Uhr.

Meistgelesene Artikel