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Wozu nützt eigentlich Religion, Hartmut Rosa?
Aus Sternstunde Religion vom 05.01.2020.
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Soziologe Hartmut Rosa «Religion lässt uns ein antwortendes Universum erfahren»

Wie sieht ein gelingendes Leben in der Beschleunigungslust der Moderne aus? Der Soziologe Hartmut Rosa hat Antworten darauf. Eine davon ist die religiöse Erfahrung.

Hartmut Rosa gehört gegenwärtig zu den bedeutendsten Soziologen der deutschsprachigen Welt. Seine Analysen der Spätmoderne und der stetigen Beschleunigung in der gegenwärtigen Zeit treffen auf grosses Interesse.

Das macht ihn selbst zu einem Gejagten. Ironie des Schicksals? «Natürlich bin ich häufig gehetzt und in Zeitnot», erklärt er und entschuldigt damit kokett sein zeitweise übereiltes Sprechtempo.

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Wenn der Alltag zum Sprint wird
aus Perspektiven vom 13.03.2011.
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Worum geht es Rosa konkret? Als Soziologe legt er dar, dass unsere Gesellschaft von einem «Steigerungszwang» durchzogen ist. Dieser zeige sich in der Wirtschaft, aber auch in den stetig wachsenden To-do-Listen und im Optimierungswahn – etwa, wenn wir morgens vor dem Spiegel neue Falten als ein zu lösendes Problem ansehen. Die Welt werde damit zum Objekt, an dem man sich abarbeiten müsse.

Menschen möchten berührt und bewegt werden

Das alles sei nicht per se schlecht, aber es bedürfe eines neuen Gleichgewichts. Denn eigentlich habe der Mensch, so Rosa, eine tiefgehende Sehnsucht nach einem anderen Welterleben, nämlich nach Resonanzbeziehungen. Man möchte berührt und bewegt werden. Der ständige Zeit- und Aufgabendruck verhindere jedoch diesen lebendigen Austausch mit der Welt.

Buchhinweis

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Hartmut Rosa: «Unverfügbarkeit». Residenzverlag, 2019.

Rosa nennt das auch «sich anrufen lassen» und meint dies nicht telefonisch: Um in Rosas Sinne «angerufen» zu werden, müsse man sich ganz auf etwas einlassen können. Erst in dieser Haltung des «Hörens» und «Antwortens» könne eine persönliche Verwandlung stattfinden.

Das Ergebnis dieser Veränderung lässt sich aber nicht kontrollieren und ist deshalb unverfügbar. Genau davon handelt Rosas neuestes Buch «Unverfügbarkeit».

Religion ist eine Form der Beziehung

Beachtung finden Rosas Gesellschaftsdiagnosen auch unter Theologen. Etwa wenn es um die Frage geht, ob zu einem solch gelingenden Leben auch religiöse Erfahrungen dazugehören.

Für den Soziologen ist Religion eine Form der Beziehung – und zwar eine besonders Resonanzfördernde. So zieht es auch ihn selbst immer wieder in die Kirche, nicht zuletzt, weil er leidenschaftlicher Orgelspieler ist.

Hartmut Rosa in Anzug vor einem roten Vorhang bei einer Rede
Legende: Die Beschleunigung der Gegenwart verhindere, dass Menschen überhaupt noch ernsthaft in Kontakt treten könnten, sagt Soziologe Hartmut Rosa. imago images / Eibner

«Religion hat die Funktion und den Sinn, dass sie uns die Seite eines antwortenden Universums erfahren lässt», so Rosa. Ihre Praktiken, Gebete, das Abendmahl, aber auch Lieder zielen darauf ab, «das Getragensein erfahrbar, erspürbar und denkbar zu machen».

Bibel als gutes Beispiel für Resonanz

So versuche die Religion, genau diesem Bedürfnis des Menschen einen Ausdruck zu verleihen und praktische Formen zu geben. «Das ist, glaube ich, eine grosse Kraft der Religion und deshalb ist sie wohl weithin so wirksam», gibt er zu bedenken.

Die Bibel selbst sei ein gutes Beispiel für Resonanz. Sie sei einerseits ein gewaltiges Dokument des Schreiens, Flehens und Hoffens auf Antwort. Andererseits gebe sie ein Gegenversprechen: «Da ist einer, der hört Dich, der sieht Dich, der meint Dich. Man steht damit in einem Antwortverhältnis.» So etwa im Gebet. Rosa nennt das auch eine vertikale Resonanzachse.

Die Leistung von Religion besteht für Rosa also nicht primär darin, einen kognitiven Sinn, sondern vor allem auch eine Erfahrungssphäre zu eröffnen. Denn: Ob religiös oder nicht, als Mensch brauche man einen Sinn dafür, wie man mit dem Leben, der Welt oder dem eigenen Existenzgrund verbunden ist.

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Gute Zeit – schlechte Zeit
Aus Sternstunde Philosophie vom 04.10.2015.
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4 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Gasser  (allesrotscher)
    @SRF wie können Sie es nur solche falsche Kommentare wiedergeben? Meinungsfreiheit und pure Lüge sind nicht das gleiche. Das es von einem Rechtsanwalt kommt ist ebenso bedenklich.
  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Religion lässt uns in der Tat ein antwortendes Universum erfahren, wie könnte es anders sein. Die Suche nach Mentoren, Gurus und Erleuchteten läuft genau so ab. Es gibt in Wirklichkeit nur 1 Bewusstsein das alles spiegelt, es spiegelt auch deinen Glauben, da wo du gerade stehst. Die Suche nach einem Lehrer/Lehre ist keine geografische, sie ist eine intuitive, je besser die Intuition desto besser der Lehrer/Lehrerin. Es ist also eine Frage der Navigation und Glaubens - der Intuition.
  • Kommentar von Fabian Malovini  (MLaw, Rechtsanwalt)
    Die Bibel ist vor allem auch ein gutes Beispiel für all die Gräueltaten (Völkermord, Sklaverei, Vergewaltigung etc.), welche Menschen begehen. Wenn man bedenkt, dass Gott solche Taten gemäss Bibeltext gutheisst oder sogar verlangt, hoffe ich doch sehr, dass es diesen Gott nicht gibt. Diesbezüglich bin ich allerdings beruhigt, gibt es doch keine ernsthaften Hinweise auf die Existenz Gottes ausserhalb der menschlichen Fantasie.
    1. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      Wo in der Bibel heisst Gott Völkermord, Sklaverei oder Vergewaltigung gut Herr Malovini? Denn ich finde keine solche Passage!