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Spirituelle Wege in Graubünden Von Powerfrauen und Fruchtbarkeitsgöttinnen

Heilige, Drachenzähmerinnen, tapfere Kämpferinnen: Im Lugnez werden seit Jahrhunderten Frauen verehrt.

Legende: Video Spirituelle Wege im Bündnerland 1/3: Lugnez abspielen. Laufzeit 29:58 Minuten.
Aus Sternstunde Religion vom 23.09.2018.

Kurz nach Ilanz am Eingang zum Lugnez fällt mir das sogenannte Frauentor auf. Der steinerne Torbogen steht etwas verloren am Strassenrand. Er war einst Teil einer Sperrmauer, die das Tal abriegelte und schützte.

Ich erfahre von einer Heldentat von Frauen im 14. Jahrhundert. Sie hätten damals das Tal an der Seite ihrer Männer gegen fremde Vögte verteidigt, indem sie Steine und Geröll auf den Feind herabdonnern liessen.

Wie Morgarten, aber mit Frauen

Die Erzählung erinnert mich an die Schlacht von Morgarten. Nur waren hier in der Val Lumnezia, wie die Einheimischen das Tal nennen, Frauen die Heldinnen.

Wahrheit oder Legende? Schwer zu sagen. Das Ereignis wirkt jedenfalls nach. Seither sitzen die Frauen in der bedeutendsten Kirche im Tal, im Ort Pleif, auf der rechten Seite – da, wo normalerweise die Männer sitzen. Und sie gehen als Erste zur Kommunion. Das sind Privilegien.

Frauen auf den Ehrenplätzen

Touristisch wird die Val Lumnezia als «Tal des Lichts» vermarktet. Für mich ist es das Tal der Frauen. In den KirchVal Lumnezia en und Kapellen sehe ich viele Abbildungen von Frauen.

In der Kirche Nossadunna im Dorf Degen zähle ich allein auf dem Hauptaltar sieben Statuen von heiligen Frauen, darunter die Heilige Margareta. Das ist ausserordentlich. Normalerweise thronen Männerstatuen auf den Altären.

Eine Frau und ein Mann vor dem Altarbild in einer Kapelle
Legende: Der Autor und die Bündner Sängerin Corin Curschellas auf den Spuren der Heiligen Margareta in der Kapelle Lumbrein. SRF / Mirella Candreia

Das ist auch der Bündner Sängerin Corin Curschellas aufgefallen. Sie zeigt mir eine besonders schöne Darstellung der Heiligen Margareta in der Kapelle in Lumbrein. Die Heilige wird mit einem Drachen dargestellt.

Im Gegensatz zum Heiligen Georg, der als Drachentöter in die Geschichte eingegangen ist, besänftigt Margareta den Drachen, ohne ihn umzubringen.

Corin Curschellas erklärt: «Sie hat das Wilde und Unbändige gezähmt». Der Drache sei ein Symbol für die unbändige Kraft der Natur. Die Heilige Margareta steht demnach für einen pfleglichen Umgang mit Natur und Schöpfung.

Göttin der Fruchtbarkeit

Was hat es mit der Heiligen Margareta auf sich? Corin Curschellas singt mir ein altes rätoromanisches Lied von der «Sontga Margriata» vor. Das Lied zeige, dass sich hinter der Heiligen eine vorchristliche Fruchtbarkeitsgöttin verberge.

Die heidnische Göttin Rätia wurde früher in den Gebieten des heutigen Graubündens und Tirols als Muttergottheit, als Spenderin des Lebens und Herrin über Zauberkräfte verehrt. Die christianisierte Version der Rätia ist die Heilige Margareta.

Val Lumnezia

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Die Val Lumnezia im Kanton Graubünden erstreckt sich von Ilanz südwärts bis zur Greina-Hochebene. Auf Deutsch heisst das Tal «Lugnez». Es ist das grösste Seitental der Surselva und wird touristisch als «Tal des Lichts» vermarktet.

Die alten religiösen und spirituellen Traditionen sind im Tal nach wie vor präsent. Sie verändern sich und werden in verschiedenen Formen weitergegeben. Das fällt mir vor allem weit hinten im Tal auf.

Kraftvolle Orte im Lugnez

Hier im Dörflein Vrin ist Pirmina Caminada aufgewachsen. Sie ist Kräuter- und Räucherfrau, Jägerin und die erste Wildhüterin Graubündens. Und sie interessiert sich für die Kraftorte im Tal.

Pirmina Caminada zeigt mir ihre ganz persönlichen Kraftorte im Lugnez. Da gibt es einen riesigen Findling in einem Erlenwald bei Surcasti – einen Teufelsstein, den Crap dalla Gneida.

Eine Frau und ein Mann sitzen diskutierend auf einem Stein im Wald
Legende: Kräuterfrau Pirmina Caminada und Norbert Bischofberger auf dem Teufelsstein, einem besonderen Kraftort im Lugnez . SRF / Mirella Candreia

Der Teufel habe mit dem Stein einst eine Kirche zerstören wollen, sein Ziel jedoch verfehlt. «Der Stein wurde wohl astronomisch und kultisch genutzt», meint die Natur- und Umweltfachfrau Pirmina Caminada.

Sie regt an, den Stein aufzusuchen, wenn Veränderungen im Leben anstehen: «Hier kann man ein Problem in Ruhe anschauen, eine Situation umwandeln, sich neu ausrichten.» Die Ruhe und die Kraft spüre ich an diesem geheimnisvollen Ort sehr wohl.

Literaturhinweise

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Pirmina Caminada, Andrea Fischbacher: «Orte der Magie. Wanderungen zu kraftvollen Plätzen in der Val Lumnezia». Wird & Weber Verlag, Thun 2015.

Christian Caminada: «Die verzauberten Täler. Kulte und Bräuche im alten Rätien». Desertina Verlag, 2006.

Ein weiterer Kraftort im Tal ist für Pirmina Caminada der Weiler Puzatsch. Er liegt am Übergang vom Lugnez zur Greina-Hochebene, einer Naturlandschaft von nationaler Bedeutung.

Fernsehserie «Spirituelle Wege im Bündnerland»

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In der Serie «Spirituelle Wege im Bündnerland» von «Sternstunde Religion» stellt Moderator Norbert Bischofberger alte Pilger- und Passwege im Bündnerland vor. Die Täler Val Lumnezia, Oberhalbstein und Valposchiavo sind bis heute geprägt durch die Urkraft der Berge, alte religiöse Traditionen und den Konflikt zwischen den Konfessionen.

Im Juni sind die Wiesen voller Alpenrosen. Hier wachsen auch seltene Kräuter. Die Ruhe hier oben ist für mich ausserordentlich – eine Einladung, innerlich still und gelassen zu werden.

Die Frauen, die ich im Lugnez treffe, lassen sich von alten religiösen Traditionen und Geschichten inspirieren und von den Bräuchen und dem Wissen der Bäuerinnen und Bauern im Tal. Daraus schaffen sie etwas Neues. Spirituelle Wege sind vielfältig – im Tal der Frauen.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Meier (mameschnue)
    Interessanter Artikel! Passend dazu vielleicht der Roman "Die Rebellin Gottes", der unter https://paulablog-1844.webnode.com/ näher vorgestellt wird.
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    1. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Ein schöne Site Herr Meier, als der Teufelin Advokatin, denke ich doch Frauen sollten sich jedem System, dass Gott als obersten Cheffen hat, entziehen, den Rücken kehren, eigene Wege gehen. Denn Jahrhunderte in patriarchalen Kulturen, Religionen und Herrschaften, zeigen: sie sind extrem zerstörerisch für Natur und Mitwesen. Bekommen weder Frauen, Kindern und schon gar nicht Männern. Die Mitwesen wurden derart reduziert, dass zur Zeit des Anthropos Überleben auf dem Spiel steht...
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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Denn Eines sollte Frauen, die sich um Ebenbürtigkeit in den monotheistischen VäterReligionen, bei uns im Speziellen der christlichen bemühen, klar sein: Dem tristen Triumvirat da oben für die wäre es noch trister bestellt, würde nicht Maria ab und an bei diesen vorbeischauen und Frische. Leben und Farbe hineinbringen. Diese Kerle da oben erinnern mich eh seit langem den 'Lebensmüden' im Bild von Hodler..und unten bei uns, was wären die Kirchen ohne alle Marienkirchen? Schön gibt diese SIE's.
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