Sprache der Grossväter: Erdogan fordert Osmanisch-Unterricht

90 Jahre nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches sind Sultane in der Türkei plötzlich wieder salonfähig. Dass Präsident Erdogan nun Osmanisch als Schulfach fordert, mag verrückt klingen, ist aber am Ende politisches Kalkül. Denn hinter dem Osmanen-Trend steckt mehr als nur ein bisschen Nostalgie.

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Bildlegende: Der türkische Präsident Erdogan fordert Osmanisch als Schulfach: Bloss Nostalgie oder politisches Kalkül? Reuters

«Unsere Köpfe sind schon voll genug, da brauchen wir sie nicht auch noch mit Osmanisch zu verstopfen», sagt ein 16-jähriger Schüler. So wie er reagierten viele Türken auf den Vorschlag von Recep Tayyip Erdogan, Osmanisch zum Pflichtfach an Gymnasien zu machen. Die Sprache eines Weltreichs, das vor mehr als 90 Jahren in seine Einzelteile zerfiel.

«Gott sei Dank, wir werden in Zukunft antworten können, falls uns ein Osmanischer Soldat auf der Strasse nach dem Weg fragen sollte» frotzelten türkische Twitter-User dann auch prompt. Andere überlegten, wie man wohl auf Osmanisch ein Bier bestellen könnte. Gar nicht natürlich.

Eine Sprache wie ein Ozean

Doch nicht alle Türken sind gegen das neue Schulfach. Zum Glück, findet Dursun Gürlek, Osmanischlehrer aus Istanbul. «Wenn Osmanisch ein Ozean ist», so schwärmt er, «dann ist das heutige Türkisch daneben gerade mal ein Glas Wasser». 20 Mal grösser sei der Wortschatz der osmanischen Sprache gewesen.

Osmanisch für Anfänger

3:49 min, aus Kultur kompakt vom 23.12.2014

Einflüsse aus dem Arabischen, aus Farsi und Türkisch, machten das Osmanische zu einer der reichsten Sprachen überhaupt. Ihr Verlust schmerzt vor allem Konservative wie Präsident Erdogan. «Unsere Halsschlagader ist durchtrennt», klagte er vergangene Woche vor Vertretern der türkischen Religionsbehörde in Ankara. Junge Türken müssten endlich wieder in der Lage sein, die Inschriften zu lesen, die auf den Grabsteinen ihrer Grossväter stehen.

Allerdings konnte das zu osmanischer Zeit auch nur eine Minderheit der Bevölkerung, stellten türkische Journalisten in den vergangenen Tagen ganz richtig fest. Denn gerade mal 7 Prozent der Männer konnten damals überhaupt lesen und schreiben. Von den Frauen ganz zu schweigen.

Rache an Atatürk?

Was also bezweckt Erdogan wirklich, wenn er nun Osmanischunterricht an türkischen Schulen fordert? Er nehme Rache an Mustafa Kemal Atatürk, schimpfen in diesen Tagen seine politischen Gegner. Schliesslich war es der Gründer der modernen Türkei, der die Osmanen vor 90 Jahren in die hinterste Ecke der Museen verbannte, mehr oder weniger über Nacht das lateinische Alphabet einführte und den islamischen Kalender abschaffte.

Atatürk wollte eine Türkei, die sich möglichst nah am Westen orientieren und entwickeln sollte. Alles Osmanische galt unter ihm als rückwärtsgewandt. In der von der islamisch-konservativen AKP regierten Türkei jedoch weht ein anderer Wind. Ob kitschige Fernsehserien oder Kochbücher, Möbelkollektionen, Schmuckimitate oder Hochzeitskleider im Stile einer Haremsdame: Stück für Stück haben sich die Osmanen aus dem Museum zurück in den Alltag der Türken gekämpft.

Das Erbe eines Weltreichs

Es sind vor allem Erdogan und seine Mitstreiter, die diesen Osmanenkult mit ihren Reden kräftig befeuern. Mit Erfolg. «Viele Türken denken sich heute: Unsere osmanischen Grossväter konnten mehrere Sprachen, sie formten die Weltpolitik und lebten in atemberaubenden Palästen. Das ist etwas, worauf man stolz sein kann», erklärt die Soziologin Nilüfer Narli von der Istanbuler Bahcesehir-Universität. «Und wenn sie dann zum Beispiel nicht in die EU aufgenommen werden, dann denken die Leute sich: Sollen die uns doch ablehnen – dafür sind wir die Enkel eines glorreichen Weltreiches!»