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Die Geschichte in der Grammatik
Aus Kultur-Aktualität vom 19.08.2021.
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Sprachgeschichte Die Grammatik steckt in unseren Genen

Wie ist Sprache entstanden? Und wie hat sie sich entwickelt? Sprachwissenschaftler blicken immer weiter zurück in die Vergangenheit der Menschheit – dank neuer Methoden.

Sprachforschenden der Universität Zürich ist es gelungen, nicht verwandte Sprachen weiter als 10'000 Jahre zurückzuverfolgen. Überraschende Entdeckung: Die Grammatik, also die Struktur der Sprache, und das genetische Erbe hängen eng zusammen.

Man habe Ähnlichkeiten zwischen Sprachen gefunden, die heute nicht nebeneinander gesprochen werden und die in den letzten paar 100 Jahren auch keinen Kontakt hatten, sagt Balthasar Bickel, Professor am Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Zürich.

Heute verschieden, einst vereint

Untersucht haben die Sprachwissenschaftlerinnen das Phänomen anhand von Sprachen aus Nordostasien: Japanisch, Koreanisch, vor allem aber auch anhand von selten gewordenen Sprachen wie Ainu, Tungusisch oder Jukagirisch.

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Trotz ihrer heutigen Unterschiedlichkeit seien einige der untersuchten Sprachen in ihrer Grammatik ähnlich. Und dies korreliere mit der genetischen Verwandtschaft ihrer Sprecherinnen und Sprecher, sagt Bickel. Das heisst: Diese Populationen müssen vor langer Zeit engen Kontakt gehabt haben.

Heute sprechen sie nicht mehr verwandte Sprachen und leben weit voneinander entfernt. Aber die Grammatik ihrer Sprachen ähnelt sich nach wie vor.

Zum Beispiel der Satzbau

Aber wann haben Sprachen eine ähnliche Grammatik? Balthasar Bickel verweist als Beispiel auf eine spätere grammatikalische Annäherung aus dem europäischen Sprachraum, die seit dem Mittelalter belegt ist.

«Wir stellen alle das Verb in die Mitte», erklärt Bickel. Das mache man in verwandten Sprachen, zum Beispiel in denjenigen indoeuropäischen Sprachen nicht, die in Indien gesprochen werden. «Dort stellt man das Verb ans Ende.»

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«Ein methodischer Durchbruch»

Untersucht wurde also die grundsätzlich Struktur der Sprachen. Neu ist, dass die Linguisten diese Struktur mit den Erbinformationen ihrer Sprecherinnen und Sprecher verknüpfen.

Bickel spricht von einem methodischen Durchbruch: «Was wir gemacht haben, war bisher gar nicht möglich, weil man die entscheidenden Methoden nicht hatten.» Damit werde es möglich, die sprachliche Entwicklung der Menschen viel weiter zurückzuverfolgen als bisher, sagt Bickel. Und dies sogar ohne schriftlichen Quellen.

Die Forschenden wollen die Untersuchung nun ausdehnen und planen, die Studie weltweit durchzuführen – überall dort, wo entsprechende Daten vorliegen.

Wettlauf gegen die Zeit

Wie viel die Forscherinnen und Forscher über diese weit zurückliegende Sprachgeschichte herausfinden können, lässt sich kaum voraussagen. Doch die neuen Methoden der digitalen Linguistik bringen die Sprachwissenschaft derzeit stark voran.

Ein Problem dabei ist allerdings, dass die Zahl der Sprachen laufend abnimmt. Derzeit werden auf der Welt noch über 7'000 Sprachen gesprochen. Viele stehen aber kurz vor dem Verschwinden, da die Zahl der Sprechenden stark abnimmt.

Bickel und seine Forschungskolleginnen und Kollegen müssen sich also sputen, wenn sie die Sprachgeschichte der Menschheit so weit wie möglich rekonstruieren wollen.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 19.8.2021, 17:40 Uhr;

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Dominik Nussbaum  (dnussbaum)
    Die Bezeichnung «indoeuropäische Sprachen, die in Indien gesprochen werden» halte ich hier für etwas verwirrend: Es klingt so, als ob mit «indoeuropäische Sprachen» allgemein die in Indien gesprochenen Sprachen gemeint sind – obwohl die romanischen, germanischen und slawischen Sprachen genauso zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehören. Es wäre vielleicht verständlicher, hier entweder «bei denjenigen indoeuropäischen Sprachen» oder konkret «bei den indoarischen Sprachen» zu schreiben.
    1. Antwort von SRF Kultur (SRF)
      @Dominik Nussbaum: Danke für den Hinweis, ist korrigiert!
  • Kommentar von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
    Danke für den interessanten Artikel. Eine kleine Korrektur aber: Es handelt sich nicht um eine überraschende Entdeckung. In der generative Grammatik, einem Teilbereich der Linguistik, geht man seit Mitte des letzten Jahrhunderts davon aus (vgl. insbesondere Noah Chomsky). Man konnte die Theorien bisher allerdings nicht empirisch nachweisen. Dennoch: Es ist so überraschend wie das Foto eines schwarzen Loches: Man wusste/vermutete schon davor, dass es sowas geben müsse.
  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Und im Jahr 2021 kommen irgendwelche Gender Soziologen und wollen der Bevölkerung die Sprache umerziehen. Mit Gendersternchen und seltsamen neuen Wortkreationen und Formulierungen. Ignoranz gegenüber der Sprache, Geschichte und Kultur.
    1. Antwort von Dominique Dörflinger  (SentioErgoSum)
      Nichts neues und hat auch nichts mit Ignoranz zu tun. Sprache ist einem konstanten Wandel unterworfen. Sprache ist auf eine gewisse Weise ein Spiegel für das Bewusstsein und Kultur. Ändert sich das Eine, passt sich das Andere zwangsläufig an. Wir sprechen auch kein Alt-/ Mittelhochdeutsch mehr.
    2. Antwort von Adrian Wyssen  (Gemse68)
      @SentioErgoSum: Doch, ist etwas neues und hat sehr viel mit Ignoranz zu tun. Es wird nämlich ignoriert, dass sich Sprache quasi natürlich weiterentwickelt und nicht von Bürokraten aufgezwungen wird.
    3. Antwort von René Muhmenthaler  (ReMu)
      Ignoranz gegenüber Sprache äussert sich auch darin, Gender Soziologen statt Gendersoziologen zu schreiben.