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Wie viel Wachstum darf noch sein? Der Philosophische Stammtisch
Aus Sternstunde Philosophie vom 24.11.2019.
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Streitgespräch «Das Wirtschaftswachstum stösst an seine Grenzen»

«Postwachstumsökonomie» nennt sich das Wirtschaftsmodell, das für den deutschen Ökonomik-Professor Niko Paech die ökologischen Probleme unserer Zeit lösen soll.

Paech denkt radikal: In seiner Postwachstumsökonomie gibt es kein wirtschaftliches Wachstum, keine Flughäfen und eine 20-Stunden-Arbeitswoche.

Ist das Illusion oder Notwendigkeit? Darüber spricht Niko Paech mit dem Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Reiner Eichenberger.

SRF: Herr Paech, wieso brauchen wir ein Wirtschaftssystem ohne Wachstum?

Niko Paech: Einer der Gründe ist, dass es jeder theoretischen und faktischen Grundlage entbehrt, dass man Wertschöpfung systematisch von ökologischen Schäden entkoppeln kann.

Niko Paech

Niko Paech

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Niko Paech (60) ist einer der prominentesten Vertreter der Postwachstumsökonomie, einem Wirtschaftsmodell ohne wirtschaftliches Wachstum. Er lehrt und forscht an der Universität Siegen (D) im Bereich der Pluralen Ökonomik. Paech ist u.a. Autor des Buches «Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie».

Sind Sie einverstanden, Herr Eichenberger?

Reiner Eichenberger: Das menschliche Dasein führt in aller Regel zu Ressourcenverbrauch. Aber wenn wir miteinander interagieren, kann dieser Verbrauch gesenkt werden. Es braucht die richtigen Anreizsysteme.

Reiner Eichenberger

Reiner Eichenberger

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Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg (CH). Er gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen der Schweiz und ist insbesondere bekannt dafür, sich auch öffentlich zum politischen Geschehen zu äussern.

Paech: Natürlich lassen sich ökologisch schädliche Aktivitäten so hoch besteuern, dass als Reaktion darauf die Umwelt entlastet wird. Aber das funktioniert nur deshalb, weil die Güternachfrage und somit der materielle Wohlstand sinken würden.

Aber ist weniger Wohlstand nicht etwas Schlechtes?

Paech: Nein, denn sobald wir ein bestimmtes Niveau erreicht haben, führen mehr Einkommen und Konsum nicht zu mehr Lebenszufriedenheit.

Eichenberger: Natürlich hat Geld einen abnehmenden Grenznutzen, und natürlich gibt es Gewöhnungseffekte. Trotzdem hat das absolute Einkommen einen positiven Einfluss auf die Lebenszufriedenheit.

Paech: Wir können nur eine begrenzte Menge von Reizen – von Wohlstand, Konsum – aufnehmen. Unsere Lebensqualität lässt sich nicht unbegrenzt durch Konsum steigern.

Dazu führt ständiges Wachstum auch zu kontraproduktiven sozialen Effekten in Bezug auf Hunger, Armut oder Verteilungsgerechtigkeit.

Entscheidend ist, die typischen Marktversagen in der Politik in den Griff zu bekommen.
Autor: Reiner Eichenberger

Schadet uns Wachstum also mehr als er uns nützt?

Eichenberger: Natürlich führt Wachstum nicht immer zu weniger Hunger oder Armut. Wachstum erhöht aber das Potenzial, dass diese Dinge sich vermindern.

Entscheidend ist, die typischen Marktversagen in der Politik in den Griff zu bekommen, zum Beispiel mit direkter Demokratie oder klugen Wahlregeln. Mit Wohlstand nimmt die Nachfrage nach diesen Aspekten zu, wie etwa Taiwan oder Südkorea zeigen.

Bald ist von einem ‹Peak Everything› auszugehen.
Autor: Niko Paech

Paech: Stetes Wachstum bedingt, dass Länder sich auf Güter spezialisieren, die auf den Weltmärkten konkurrenzfähig sind. Das führt zwangsläufig zu Gewinnern und Verlieren.

Man darf auch nicht vergessen, dass die explosionsartige Nachfragesteigerung von Ländern wie China und Indien zu einer Verteuerung der bisher vermeintlich unbegrenzten Ressourcen führt, auf denen der materielle Wohlstand basiert.

Was bedeutet das?

Paech: Das Wirtschaftswachstum stösst an seine Grenzen. Das Phänomen des sogenannten «Peak Oil» wird sich bald so ausweiten, dass von einem «Peak Everything» auszugehen ist. Das lässt sich nur durch eine von äusserer Ressourcenzufuhr unabhängige Versorgungsform meistern. Und die ist mit Wachstum unvereinbar.

Was ist der «Peak Oil»?

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Der sogenannte «Peak Oil» – zu Deutsch auch «globales Ölfördermaximum» – bezeichnet ein Konzept, dem zufolge die weltweite Höchstrate von Rohöl erreicht werden wird, ohne dass dabei die Reserven bereits erschöpft sind.

Nach Erreichen dieses Maximums soll die Produktion rapide abfallen. Dies hätte etwa schwerwiegende Folgen für Transport und Landwirtschaft, die stark von der Rohölindustrie abhängig sind. Ob der «Peak Oil» bereits erreicht wurde, ist umstritten.

Herr Eichenberger, steuern wir auf einen «Peak Everything» zu?

Eichenberger: Der «Peak Oil» hat nicht stattgefunden und wird auch nicht bald stattfinden. Gute Ökonomie muss immer Angebot und Nachfrage gleichzeitig miteinbeziehen. Aus dieser Perspektive sieht die Welt anders aus: China, zum Beispiel, verbraucht nicht nur Ressourcen, sondern produziert sie auch zunehmend.

Natürlich gibt es durch Wachstum neue Probleme. Aber mit Stagnation sind die Probleme oft viel grösser.

Das Gespräch führte Gina Messerli.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Es ist nor logisch, dasss die natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die Weltwirtschaft dieses Planeten, irgendwann zu ende ist, bei dieser masslosen Ausbeutung, Vergiftung, Zerstörung seit Jahrzehnten durch habgierige, verantwortungs- und skrupellose Egoisten! NAch dem Motto: nach mir die Sintflut....
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  • Kommentar von thomas caluori  (schefzgi)
    Herr Eichenberger, als Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik muss ja den Konsum unterstützen. Interessenpolitik und Lobbyismus sei Dank.Aber leider nicht lösungsorieniert. ich würde Ihm empfehlen mit Präsident Trump Golf zu spielen. Am besten wöchentlich. So kann er noch Flugmeilen sammeln. Das nenne ich richtig ökonomisch.
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  • Kommentar von Kris Kronig  (Kris)
    Gegen Wirtschaftswachstum per se wäre ja nichts einzuwenden, solange es zum Wohle aller Beteiligten und unter Berücksichtigung der Ressourcen geschieht. Vernetzung und Austausch sind eine gute Sache. Aber Wachstum als Motor eines nimmersatten Kapitalismus, führt zu dieser Rücksichtslosigkeit jenseits aller Relationen zu den Partizipierenden und den Ressourcen. Das Gemeinwohl sollte das Wachstum regulieren, nicht der Gewinn, dann würde es sich auch sinnvoller entwickeln als heute.
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    1. Antwort von Denise Casagrande  (begulide)
      Kris Kronig: exzellent auf den Punkt gebracht.