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Der Gendergap im Kulturbetrieb
Aus Rendez-vous vom 23.06.2021.
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Studie der Universität Basel Die Gleichstellung in der Kultur lässt auf sich warten

Wie steht es mit der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Schweizer Kulturbranche? Untersucht wurde das bis anhin nicht. Eine Studie zeigt nun: Bis Frauen den Männern im Schweizer Kulturbetrieb gleichgestellt sind, gibt es noch viel zu tun.

Um die drei wichtigsten Befunde vorweg zu nehmen: Frauen sind in Leitungspositionen untervertreten. Künstlerinnen und ihre Werke sind weniger sichtbar und erhalten weniger Preise. Und Frauen verdienen weniger als Männer.

Das geht aus einer neuen Studie der Universität Basel hervor, die erstmals untersucht hat, wie Frauen im Vergleich zu Männern in der Schweizer Kulturbranche vertreten sind. Konkret untersucht wurden Geschlechterverhältnisse in der Darstellenden Kunst, etwa im Theater und Tanz, in der Literatur, in der Musik bezogen auf klassische Musik, Jazz und Rock und Pop sowie in der Visuellen Kunst.

Unterschiede zwischen den Sparten

Über alle Sparten betrachtet, zeigt sich: Im Kulturbetrieb herrscht eine grosse Ungleichheit zwischen Männern und Frauen.

Die Kulturmanagerin bei der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Seraina Roher, ist davon nicht völlig überrascht: «Was ich allerdings nicht erwartet habe, sind die grossen Unterschiede zwischen den künstlerischen Disziplinen.»

Ausgeglichen ist das Geschlechterverhältnis nur in der Literatur. Ganz anders sieht es in der Sparte Musik aus. Von 100 Personen, die Konzerthäuser und Musikfestivals leiten, sind nur gerade 8 Frauen.

Vorstudie zum Schweizer Kulturbetrieb

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Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und das Swiss Center for Social Research haben die Vorstudie in Auftrag gegeben. Sie taten dies gestützt auf die aktuelle Kulturbotschaft des Bundesrats, die verlangt, die Chancengleichheit für Frauen und Männer zu verbessern.

Das Projektteam um Andrea Zimmermann des Zentrum Genderstudies der Universität Basel hat dafür 38 Kulturhäuser und zahlreiche Produktions- und  Berufsverbände untersucht.

Wo Männer vor allem den Ton angeben

Auch im Konzertsaal wird der Ton von Männern angegeben: Es gibt zwar viele junge Frauen, die das Dirigieren studieren. Aber als Dirigentinnen schaffen sie es nicht an die grossen Häuser und generell selten auf die Bühne.

Nur in 6 von 100 Aufführungen führt eine Frau den Taktstock. Auch stammen nur gerade 2 von 100 aufgeführten  Werken von Komponistinnen.

Andrea Zimmermann von der Universität Basel, Projektleiterin der Studie, nennt als einen Grund die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wie zum Beispiel lange Arbeitszeiten, Abendauftritte oder Auslandtourneen.

Es brauche hier strukturelle Lösungen, die nicht nur die Aufgabe von Frauen seien, sagt Zimmermann. Man sehe auch intransparente Verhandlungen von Honoraren und Gagen: «Intransparenz schafft immer Bedingungen für Diskriminierung – hier auch aufgrund des Geschlechts.»

Fehlt es an Vorbildern?

Das betrifft nicht nur die Szene der klassischen Musik. Besonders im Rock, Pop und Jazz sind die Frauen bei Auftritten untervertreten. Ihr Anteil auf der Bühne beträgt zwischen 9  und 12  Prozent.

Yvonne Meyer, die sich im Verein «Helvetiarockt» für eine bessere Vertretung von Frauen einsetzt, sagt, es fehle an Vorbildern. Aber das sei seit langem bekannt.

Die für «Helvetiarockt» viel spannendere Frage sei, ob die Musikbranche überhaupt etwas verändern wolle. Für diesen Veränderungsprozess brauche es ein aktives Engagement von allen.

Zwei Männer, dazwischen eine Frau.
Legende: Allein unter Männern: Lionel Bringuier, ehemaliger Chefdirigent, Ilona Schmiel, Intendantin der Tonhalle Zürich und Martin Vollenwyder, Präsident der Tonhalle Gesellschaft Zürich. Keystone / Gaetan Bally

Welche Massnahmen helfen?

Für Seraina Rohrer von Pro Helvetia ist klar: «Das Kulturschaffen sollte ein Abbild der Vielfalt der Gesellschaft mit ähnlichen Anteilen der unterschiedlichen Geschlechter sein.»

Aufgrund dieser Studie brauche es jetzt entsprechende Massnahmen. Man müsse eine Diskussion starten: «Es ist wichtig, dass wir uns überlegen, welche Massnahmen es braucht, die längerfristig zu mehr Chancengleichheit führen.»

Die Pro Helvetia – als wichtige Akteurin bei der Vergabe von Werkbeiträgen und Stipendien – hat auf das Defizit reagiert und erfasst seit Neustem bei den Gesuchen auch das Geschlecht, um die Verteilung der Gelder besser zu überprüfen.

 

Sendung: Radio SRF 4 News, Rendezvous, 23.6.2021, 12:30 Uhr;

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Stäheli  (Marsus)
    Nicht alle Menschen haben in alle Bereichen gleich viel Erfolg. Das muss nicht heissen dass sie benachteiligt sind.

    Wenn man an die Spitze will braucht es den ganzen Einsatz. Babypausen und 50% Pensen genügen nicht, damit ist nur durchschnittliche Leistung möglich. Die Besten sollen es an die Spitze schaffen, das ist gerecht!
  • Kommentar von Andreas Meier  (Epikur)
    Wieder mal so eine undifferenzierte und stark identitätspolit. gefärbte Studie. Von mir aus kann man das so festhalten, und ich zweifle auch in keinster Weise deren numerische Richtigkeit an. Die Antwort darauf allerdings, das WARUM, und wie damit umzugehen sei, ist eine liberale Bankrotterklärung. Die Tatsache, dass es weniger Frauen gibt ist offenbar zwangsläufig sozial "verursacht" und diskriminierend, nicht aber der individ. Leistung geschuldet. Das in einem gleichberechtigten Land, absurd.
    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Nachdem Sie bei jeder Studie die ihnen nicht passt die gleiche Argumentation auffahren, erklären Sie doch mal, wieso Sie zu denken scheinen, dass es mehr Männer mit besseren Leistungen geben sollte als Frauen. Sie nennen ja überhaupt gar keine Gründe oder Hinweise für diese kolportierte männliche Leistungsüberlegenheit. Nichts.
    2. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Das Problem ist, dass die Gleichberchtigung auf dem Papier steht. Studien haben gezeigt, z. B. Start ups von Männern eher finanziert werden als von Frauen, weil in den meisten Entscheidunggremien Männer sitzen. Frauen müssen da immer noch kein bischen besser sein.
      Das ist bei der Auswahl von Führungskräften im Kulturbereich sich nicht anders. Männer wählen Männer und das hat leider wenig mit Talent zu tun.
    3. Antwort von Martin Stäheli  (Marsus)
      Perfektion kommt von 150% Einsatz. Babypausen und 50% Pensen führen nicht zu Spitzenleistungen.
  • Kommentar von Pierre Bourquin  (noergeli)
    Eine weitere unsinnige ‚Studie‘ die niemand braucht.
    Es braucht keine ‚strukturellen‘ Lösungen.
    Fehlt es an Vorbildern? Ja.
    Shakespeare, Goethe, Schiller usw..
    Bach, Beethoven, Mozart usw..
    Bob Dylan, Beatles, Rolling Stones usw..
    können alle nichts dafür, dass sie als männliche Wesen geboren wurden.
    1. Antwort von Patrik Müller  (P.Müller)
      Es fehlt nicht an Vorbildern: Barbara Streisand, Tina Turner, E. Piaf usw.
      Ja, und zu Schillers Zeiten wurden Mädchen wohl nicht zur Schule Geschickt, daher auch kaum Schriftstellerinnen. Das war "strukturell". Aber heute? Echt, ich wüsste nicht, wo in der Kutur das "Frausein" ein unumgehbares Auschlusskriterium" wäre.
    2. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Dass diese Artisten männlich waren, erklärt mit keinem Wort, wieso es nicht ähnlich erfolgreiche weibliche Artisten gab.
      Ihre Argumentation ist praktisch, es fehlt an weiblichen Vorbilder, weil es historisch nur männliche Superstars gab. Und, dass nicht 'strukturelle' Eigenheiten dafür verantwortlich seien. Sondern weil diese Stars männlich geboren wurden? Es ist also alles nur Zufall? Wäre Goethe weiblich geboren, wäre sie genau so erfolgreich gewesen?
    3. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Wie wäre es mi Tina Turner, Annette von Dorste Hülshoff, Käte Kollwitz, Maria Calls, Anny Lennox...
      Es gibt auch wegweisende weibliche Künstlerinnen, ZB. Camille Claude. Viel Frauen statten im Schatten berühmten Männer, weil es in dieser Zeit nicht gesehen wurde, dass Frauen sich hervortun.