Therapiewahn an den Schweizer Schulen?

Über die Hälfte der Schulkinder im Kanton Zürich erhalten eine sonderpädagogische Massnahme oder eine Therapie. Was ist los mit einer Gesellschaft, die die Kinder bereits im Kindergartenalter «normalisieren» will?

Kind alleine im Treppenhaus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sonderpädagogische Förderung und Therapien bei Schülern nehmen zu. Aber nicht alle Kinder hätten sie nötig. Keystone

Gesamtschweizerische Zahlen, wie viele Kinder mit einer besonderen Förderung oder einer Therapie konfrontiert werden, existieren nicht. Pierre Felder, Leiter Volksschulen im Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt, schätzt den Anteil für seinen Kanton auf ungefähr einen Drittel. Im Kanton Zürich sind es deutlich über die Hälfte, die in den ersten drei Jahren ihrer Schullaufbahn eine solche Massnahme erfahren. Tendenz in allen Deutschschweizer Kantonen steigend.

Massnahmen werden kaum überwacht

Seit einigen Jahren reagieren Deutschschweizer Schulen auf «Auffällige» mit einem Ausbau des sonderpädagogischen Apparats. Man sei «schulisch-therapeutisch» tätig, beschwichtigt Pierre Felder, nicht «medizinisch-therapeutisch». Doch von Seiten von Kinderärzten wird die markant wachsende Zahl von Therapie- und Fördermassnahmen an Schweizer Schulen kritisiert. Oskar Jenny, Abteilungsleiter der Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, nannte die Zunahme der Therapien in einem Interview «eine Gratwanderung». Denn «wenn das Angebot da ist, wird es auch genutzt. Es besteht die Gefahr, dass mehr Therapien verschrieben werden, als die Kinder wirklich nötig haben».

Ein Kind spielt Eile mit Weile im heilpädagogischen Zentrum in Köniz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Immer mehr Kinder erhalten eine besondere Förderung oder Therapie. Keystone

Die Kinderärzte Romedius Alber und Thomas Baumann warnen in ihrem Buch «Schulschwierigkeiten: Störungsgerechte Abklärung in der pädiatrischen Praxis» (Verlag Hans Huber, Bern, 2011) gar vor einem «Therapiewahn». Sie stellen fest: «Mittlerweile überwachen kaum mehr unabhängige medizinische Fachstellen die Diagnosen und Massnahmen». Wuchert in den 26 Schweizer Schulsystemen ein sonderpädagogischer Apparat, der unkontrolliert und unhinterfragt die Kinder pathologisiert?

Medizinischer Rat wichtig

Eine gewisse Skepsis wegen der deutlichen Zunahme dieser Therapien haben auch die Kinderärztin Henriette Hug und die Entwicklungspädiaterin und Kinderneurologin Sonya Jourdan. Sie mahnten in der Sendung «Kontext» bei SRF 2 Kultur an, dass die Schule für Abklärungen der Kinder vermehrt Kinderärzte beiziehen solle, da diese deren Entwicklung mindestens bis ins Kindergartenalter aus nächster Nähe verfolgten und über medizinische Hintergrundinformationen verfügten.

Es dürfe nicht sein, dass Eltern nicht Bescheid wüssten, weshalb ihr Kind beispielsweise zur Heilpädagogin geschickt werde. Und es sei sinnlos, wenn die Kinderärztin erst von einer logopädischen Therapie vernehme, wenn diese bereits seit zwei Jahren durchgeführt werde. Ein besserer und intensiverer Austausch sei nötig, ein umsichtigeres Erwägen, welche Massnahmen überhaupt nötig seien, und eine ständige Überprüfung laufender Therapien.

Das Kind als «Lebenswerk» der Eltern

Doch weshalb steigt die Zahl der Kinder so stark an, die eine besondere Förderung oder Therapie erhalten? Und von wem geht der Wunsch nach diesen Massnahmen aus? Die Kinderärztin Henriette Hug sagt, ein Kind sei heute für die Eltern «ein Lebenswerk», es müsse «top sein in allen Bereichen, und das können nicht alle Kinder erreichen». Von der «Leistungsorientiertheit» der Gesellschaft spricht auch die Kinderneurologin Sonya Jourdan: «Man vergleicht sich in PISA-Studien, man vergleicht sich mit anderen Ländern. Dieser Druck geht hinunter auf die Lehrer und bis auf die Kinder.»

Ein weiterer wichtiger Faktor für die steigende Zahl der sonderpädagogisch betreuten oder therapierten Kinder sei die Heterogenität der Gesellschaft. Marion Heidelberger, Lehrerin für integrative Förderung im Kanton Zürich und Vizepräsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbands Schweiz (LCH), sagt, in den 60er- und 70er-Jahren seien die Kinder einer Klasse mehr oder weniger in den selben Familienverhältnissen und im selben Wertesystem aufgewachsen, «heute prallen Kulturen, Erziehungssysteme und Wertesysteme aufeinander».

Heterogenität der Gesellschaft

Pierre Felder, Leiter Volksschulen des Kantons Basel-Stadt, erinnert an eine Kompetenzverschiebung zwischen dem Bund und den Kantonen, die die Fallzahlen heute sichtbarer machen. Mit der NFA, der Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung, die seit 2008 in Kraft ist, gingen Aufgaben vom Bund auf die Kantone über, also beispielsweise von der Invalidenversicherung an die kantonalen Erziehungsdirektionen. Das Sonderpädagogik-Konkordat, das seit 2011 gilt, verlangt, dass die Schulen mehr Kinder integrieren, die früher in Sonderklassen separat unterrichtet wurden. Das führe dazu, dass heute in den ohnehin grösseren Regelklassen mehr auffällige Kinder zu finden seien. Darum sei jetzt mehr Unterstützung etwa von heilpädagogischer Seite nötig, sagt Felder.

Sonya Jourdan sieht das ähnlich: «Die Heterogenität der Gesellschaft und die vermehrte Integration von Kindern, die einen erhöhten Bedarf an Zuwendung und Förderung brauchen, stellen sehr hohe Anforderungen an die Lehrerschaft, aber auch an die gesamte Klasse und an die Eltern.» Denn wenn die Lehrperson sich um auffällige Kinder kümmere, fragten sich viele Eltern, was in dieser Zeit mit ihrem Kind passiere und ob auch dieses genügend Aufmerksamkeit erhalte.

Kind schneidet Papier mit einer Schere. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fehlende Fertigkeiten stellen neue Herausforderungen: Es gibt Erstklässler, die haben noch nie eine Schere benutzt. Keystone

Den Kindern Raum geben

«Heute kommen Kinder in die 1. Klasse, die haben noch nie eine Schere benutzt oder geleimt», sagt Marion Heidelberger, «das macht es zum Teil sehr schwierig.» Dass den Kindern heute wichtige Fertigkeiten fehlen, die früher beim Kindergarteneintritt selbstverständlich gewesen seien, etwa das Schnüren der Schuhe, stellt auch die Kinderärztin Henriette Hug fest. Und die Unterschiede zwischen den Kindern würden umso grösser, je älter sie seien. Diese Varianz der Entwicklung sei ein zentraler Punkt. «Es ist auch Aufgabe der Pädagogen, die Kinder plus-minus auf denselben Stand zu bringen, aber auch zu realisieren, dass nicht alle den gleichen Stand erreichen können.»

«Die Kinder waren immer schon sehr unterschiedlich», sagt die Kinderneurologin und Entwicklungspädiaterin Sonya Jourdan, «und wir müssen den Kindern diesen Raum weiterhin geben. Ein plakatives Beispiel: Nicht jedes Kind muss zum gleichen Zeitpunkt die gleiche Schönschrift beherrschen. Das ist wesentlich, um von allen Beteiligten Druck wegzunehmen.» Im Vordergrund steht aber für alle Experten erklärtermassen das Wohl des Kindes. Was das in der Praxis bedeutet, darüber lässt sich trefflich streiten.

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