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Gesellschaft & Religion Trendsport «Do it yourself»: Design für eine bessere Welt?

Massenproduktion gehört zu Design wie die Schraube zum Hocker. Das hat Schattenseiten: Massenproduktion braucht viele Ressourcen und eine stete Nachfrage. Do-it-yourself-Designer versuchen deshalb, nachhaltigere und billigere Lösungen zu finden. Und rütteln damit am Fundament dessen, was Design ist.

Design hat schon immer Probleme gelöst. Bereits die Bauhaus-Entwürfe, die heute als Design-Klassiker gelten, suchten nach Lösungen für die Verbindung von Material und Funktion, zum Beispiel für eine Lampe. Wenn Designer sich heute für Do-It-Yourself-Praktiken interessieren, lösen auch sie Probleme – und zwar grosse: Es gilt, nachhaltige Alternativen zu entwickeln und Schluss zu machen mit Wegwerfmentalität und Ressourcenverschleuderung.

Toastern neues Leben schenken

So kümmert sich etwa der französische Designer Gaspard Tiné-Berès um Toaster. Der Röstapparat, der in fast jeder Küche steht, ist ein Wegwerfprodukt. Billig und schnell ersetzt. Zu Tausenden landen Toaster im Müll, obwohl ihre Heizdrähte noch funktionieren. Gaspard Tiné-Berès entwarf eine Korkhülle für den vermeintlichen Elektroschrott, über welche die funktionierenden Elemente alter Toaster neu zusammengeschraubt werden können. Es schrauben und fräsen die so genannten «Prosumenten».

Baupläne nach individuellen Wünschen

Auch der US-amerikanische Designer Jesse Howard hat im Do-it-yourself-Designverfahren einen Toaster entwickelt. Genauer gesagt: einen Bauplan für tausend mögliche Toaster. Standard-Schrauben und -Schalter treffen auf Halterungen, die am 3D-Drucker ausgedruckt werden können. Jesse Howards Baupläne sind offen. Sie sind veränderbar, anpassbar. Das Produkt passt sich den Wünschen der Prosumenten an. Die diversen Lösungen sind online zu konsultieren.

Die beiden Toaster machen deutlich: Solche Produkte werden in kleinen Stückzahlen selbst gefertigt. Das hat nichts mehr mit Massenproduktion und Ressourcenverschleuderung zu tun. «Hier geht es nicht um Prototypen für die Produktion Tausender Toaster, sondern um Utopie», sagt Vera Sacchetti. Die Designkritikerin hat sich für die erste Design-Biennale 2012 in Istanbul intensiv mit Do-it-yourself-Designstrategien auseinandergesetzt.

Demokratisches Design wagen

Doch nicht nur das Ende der Massenproduktion läutet Do-it-yourself-Design ein, die Praxis macht auch Hierarchien flacher. Nicht mehr nur Designer entscheiden über gute Lösungen, auch Prosumenten tun das. Damit wird Design demokratischer. Und zum Handlungsfeld eines Kollektivs, das sich oft nur online begegnet.

Paradebeispiel ist hier das Projekt «Openstructures». Es besteht aus einem modularen System von Bauteilen, mit dem alles gebaut werden kann (wie mit Lego auch). Im Unterschied zum geschützten Plastikspielzeug aber können diese Bauteile von allen Usern entwickelt werden (so wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia von allen Usern geschrieben werden kann). Ein einheitliches Raster sorgt dafür, dass die einzelnen Bauteile miteinander kompatibel bleiben und eine Online-Datenbank verschafft den nötigen Überblick über die vielen Dinge, die sich aus «Openstructures» bauen lassen: vom Velo über die Zügelkiste bis zum Beistelltisch. Aus Designern werden hier Design-Ermöglicher.

Eine Alternative zur Massenproduktion

Die drei Beispiele machen deutlich: Do-it-yourself-Design hat das Potential, ein bestehendes System gehörig durchzuschütteln. Durch die Demokratisierung entstammt ein Produkt vielen Urhebern: «Autorschaft» wird als Kategorie des Design also fragwürdig. Mit nachhaltigen, anpassbaren Produkten, die in kleinen Stückzahlen gefertigt werden, ist eine Alternative zur Massenproduktion gefunden worden. Jetzt braucht es nur noch viele Designfreundinnen und –freunde mit viel Zeit, die ihre Toaster, Hocker und Schreibtische selbst bauen und weiterentwickeln. Denn eines ist klar: Nichts ist zeitsparender als schlichter und verantwortungsloser Konsum.

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