«Es war ein riesiger Schreck.» Yvonne erinnert sich auch nach 40 Jahren lebhaft an den Moment, an dem sie zum ersten Mal von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl erfährt. Die damals knapp 28-Jährige, die nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, ist im April 1986 im sechsten Monat schwanger, sie hört die Meldung im Radio: ein Unfall, einer der Atomreaktoren beschädigt, die Rede von einem «ernsten» Vorfall.
Yvonne denkt an die Menschen vor Ort in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine und stellt sich vor, wie schlimm die Situation für sie sein muss. Doch dann fragt sie sich auch: Was bedeutet das? Für uns? Für die Schweiz?
Begriffe, die kaum jemand versteht
Nach dem Unfall in Tschernobyl zieht eine radioaktive Wolke über Teile Europas. Sie erreicht am 30. April auch die Schweiz.
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Bild 1 von 6. Nach der Reaktorkatastrophe erreichten in den Luftmassen transportierte, radioaktive Partikel ganz Europa. Experten messen auf einem Sportplatz in Lugano die Radioaktivitätswerte mit einem Geiger-Müller-Zähler. (Juni 1986). Bildquelle: KEYSTONE/Karl Mathis.
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Bild 2 von 6. Die Eidgenössische Kommission für AC-Schutz rät Schwangeren und Kleinkindern unter zwei Jahren vom Verzehr von Gemüse und Salat ab – oder empfiehlt, diese vor dem Genuss gründlich zu waschen. Dasselbe empfiehlt sich für Frischmilch. Bildquelle: KEYSTONE/Str.
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Bild 3 von 6. Mai 1986: Durch den Genuss von Frischmilch sei in den vergangenen Monaten zu viel radioaktives Jod in die Schilddrüsen von Schweizer Kindern gelangt. Am Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung kann mit diesem Gerät der Gehalt an radioaktiven Nukliden in der menschlichen Schilddrüse gemessen werden. Bildquelle: KEYSTONE/Str.
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Bild 4 von 6. Der Basler Kantonschemiker Martin Schüpbach bei der Überprüfung der Radioaktivität von Kopfsalat mit einem Oberflächenkontaminationsgerät. (Mai 1986). Bildquelle: KEYSTONE/Str.
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Bild 5 von 6. Folgeschäden: Der Bund haftet für die Einnahmeausfälle, die Schweizer Bauern nach der Reaktorkatastrophe erlitten haben. Wegen der aufgetretenen radioaktiven Verseuchung musste vielerorts die Gemüseernte vernichtet werden, wie hier im Betrieb der Bäuerin Marie Gasser aus Port BE. (1989). Bildquelle: KEYSTONE/Str.
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Bild 6 von 6. Direktbetroffene der Atomreaktor-Katastrophe sind am 7. August 1990 am Flughafen Zürich-Kloten eingetroffen. Dank der Gelder der Glückskette der Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR können die Jugendlichen drei Wochen in Pfadilagern verbringen und bei Gastfamilien Ferien machen. Bildquelle: KEYSTONE/Str.
Für die Bevölkerung ist die Gefahr schwer fassbar. Radioaktivität kann man weder sehen noch riechen. In den Medien liest und hört man von Mikroröntgen, Millisievert oder Becquerel – es sind schwer verständliche Begriffe, die viele zum ersten Mal überhaupt hören. Nuklearexperten erklären im Fernsehen, weshalb westliche Atomkraftwerke sicherer sind als die sowjetischen. Dennoch herrscht Verunsicherung in der Schweiz, am Familientisch fragen Kinder nach dem «Was» und dem «Warum».
Unsicherheit trotz Beschwichtigung
Im Nachbarland Deutschland werden Spielplätze gesperrt, wird Gemüse vernichtet. In Frankreich mit seinen vielen Atomkraftwerken hingegen scheint die radioaktive Wolke an der Grenze Halt gemacht zu haben. Und in der Schweiz? Behörden und Fachleute versuchen, die Bevölkerung zu beruhigen – «kein Grund zur Sorge», sagen sie und empfehlen, Blattgemüse zu waschen und kein Wasser aus Zisternen zu trinken. Kinder und Schwangere sollen eine Zeit lang auf Frischmilch verzichten.
Christian Lüscher – damals Journalist bei Schweizer Radio DRS und heute pensioniert – erinnert sich: «Die Empfehlungen beruhigten die einen, andere hingegen waren dadurch erst recht alarmiert».
Yvonne erinnert sich an einen Run auf UHT-Milch. Bei Chargen, die noch vor der Reaktorkatastrophe produziert und haltbar gemacht worden waren, konnte man sicher sein, dass sie nicht radioaktiv belastet sind. «Es war ein Stress», sagt sie, die damals ihr erstes Kind erwartet. Die Unsicherheit dauert nicht besonders lange. Ende Mai 1986 heben die Behörden die meisten Verhaltensempfehlungen wieder auf – nur im Luganersee wird später ein Fischverbot ausgesprochen.
Debatte über Atomkraft
Doch Tschernobyl markiert auch in der Schweiz eine Art Zäsur. In der Bevölkerung wächst die Skepsis gegenüber der Atomenergie: Im Juni 1986 demonstrieren in Gösgen über 20'000 Personen gegen die Atomkraft. Zwei Jahre später werden die ohnehin umstrittenen AKW-Bauprojekte in Kaiseraugst (AG) und Graben (BE) beerdigt.
Auf Tschernobyl 1986 folgt Fukushima 2011, das Erdbeben, der Tsunami und die Kernschmelze im japanischen Atomkraftwerk. Die Schweizer Stimmbevölkerung entscheidet sich daraufhin 2017 für den Ausstieg aus der Atomenergie.
Inzwischen dreht der Wind aber wieder. Heute diskutiert die Schweiz darüber, ob neue Atomkraftwerke nicht doch wieder gebaut werden dürfen. 40 Jahre nach Tschernobyl.