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Was sagt die neue Studie über Zahl der Abtreibungen weltweit?
Aus Kultur-Aktualität vom 27.07.2020.
abspielen. Laufzeit 03:59 Minuten.
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Ungewollte Schwangerschaften Wo Abtreibung verboten ist, wird mehr abgetrieben

Eine Studie zeigt: Je restriktiver die Abtreibungspolitik eines Landes, desto mehr wird abgetrieben. Warum ist das so?

Das US-amerikanische Guttmacher Institute, Link öffnet in einem neuen Fenster hat untersucht, wie sich die Zahl der ungewollten Schwangerschaften und Abtreibungen weltweit in den vergangenen 30 Jahren entwickelt hat.

Die gute Nachricht: Der prozentuale Anteil an Frauen, die ungewollt schwanger werden, ist weltweit gesunken. Die heikle Nachricht: Immer mehr dieser ungewollten Schwangerschaften werden abgetrieben.

Wo Abtreibung verboten ist, wird mehr abgetrieben

Überraschenderweise steigt der Anteil an Abtreibungen ausgerechnet in den Ländern, in denen Abtreibung verboten oder gesetzlich stark eingeschränkt sind.

Kate Molesworth, Expertin für Reproduktionsmedizin beim Schweizerischen Tropen und Public Health Institut, sagt: Das Ergebnis der Studie sei ein Alarmsignal.

Es zeige, wie verzweifelt die Frauen sind: «Sie treiben ab, obwohl sie dafür bestraft werden können, obwohl sie viel Geld für dieses illegale Geschäft zahlen müssen, obwohl sie wissen, dass sie riskieren, sich bei der Abtreibung zu infizieren oder sogar zu sterben.»

In Ländern mit restriktiven Abtreibungsgesetzen werden Frauen häufiger ungewollt schwanger. Denn in diesen Ländern ist es schwierig, an Informationen über Verhütung und Familienplanung zu kommen – und noch schwieriger, diese Verhütungsmittel zu besorgen.

Dazu kommt: Frauen sind dort oft sexuell weniger selbstbestimmt und werden von ihren Partnern zum Geschlechtsverkehr gedrängt oder gezwungen.

Verheerende Folgen

Die Folgen solcher ungewollten Schwangerschaften sind oft verheerend. Gerade in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, erklärt Kate Molesworth: «Ein Kind mehr kann dafür sorgen, dass die Familie in Armut gefangen bleibt, dass bereits vorhandene Kinder nicht zur Schule gehen können, weil sie schon früh arbeiten müssen, und dass die Kinder unterernährt sind und krank.»

Dass die Zahl der Abtreibungen in Ländern mit restriktiver Gesetzgebung in den vergangenen 30 Jahren gestiegen ist, liegt laut Kate Molesworth unter anderem an bewaffneten Konflikten, ökonomischen Krisen und Naturkatastrophen.

Auch reiche Frauen treiben ab

Die Studie des US-amerikanischen Guttmacher Institute zeigt allerdings noch etwas anderes: Der Anteil der Schwangerschaftsabbrüche ist nicht nur in armen Ländern gestiegen, sondern auch in reichen, entwickelten Staaten mit einem guten Bildungssystem gab es mehr Abtreibungen – wenn sie verboten oder stark eingeschränkt sind.

In restriktiven Ländern spiele es keine Rolle, ob die Einwohner reich oder arm seien, erklärt Molesworth: «Wenn die Leute keinen Zugang zu Verhütungsmitteln haben, wenn Frauen abhängig sind und nicht in der Lage, über ihre eigene Sexualität zu bestimmen, dann kommt es weiterhin zu ungewollten Schwangerschaften und die Nachfrage nach hochriskanten Abtreibungen ist höher.»

Restriktive Politik bewirkt das Gegenteil

In Ländern mit liberaleren Abtreibungsgesetzen dagegen ist der Anteil an Abtreibungen gesunken. Für die Reproduktionswissenschaftlerin Kate Molesworth zeigt die Studie deshalb ganz deutlich: «Wenn wir Abtreibungen reduzieren wollen, hat eine restriktive Politik genau den gegenteiligen Effekt. Das zeigen die Daten eindeutig. Restriktionen stoppen Abtreibungen nicht, sondern sie bringen Frauen in gefährliche Situationen.»

Um Abtreibungen zu reduzieren, müsse die Politik Frauen in ihrer Sexualität und der Familienplanung unterstützen. Staaten sollten dafür sorgen, dass Verhütungsmittel leicht verfügbar sind und, wenn nötig, sichere und legale Abtreibungen ermöglichen, so Molesworth.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 27.7.2020, 17:20 Uhr;

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Liechti  (Walimann)
    Weil die Anti-Baby-Pille -zurecht- zunehmend in Verruf gerät und deshalb auch viel weniger eingesetzt wird, kommen mehr hormonfreie Verhütungsmittel zum Einsatz.
    Weil diese zum Teil etwas weniger wirksam sind, gelingt es manchmal besonders fitten Spermien, zu überleben und die Eizelle zu befruchten. Dank der Möglichkeit, Kinder, welche deswegen gezeugt wurden, abtreiben zu können, muss dennoch keine Frau ungewollten Nachwuchs in die Welt setzen.
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  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    Einfach logisch, in Ländern, in denen nicht nur professionelle Abtreibungen möglich sind, sondern vorab auch begleitete Verhütung od.die Pille danach, Aufklärung in Schulen, aber auch die Gleichstellung der Frauen, entstehen weniger unerwünschte Schwangerschaften. Ich denke, nicht nur Armut oder Patriarchate, auch Religionen haben Einfluss. Frauen in strenggläubigen Kulturen oder Familien sehen Kinder als Geschenke Gottes, die man anzunehmen hat, egal, ob man sie versorgen kann oder nicht.
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  • Kommentar von Walter Liechti  (Walimann)
    Verhütungsmittel sind dazu da, dass wir unser Sexualleben in vollen Zügen genießen dürfen, ohne uns dabei fortpflanzen zu müssen. Weil bis heute kein Verhütungsmittel 100% sicher wirkt, ist es wichtig, ein ungewollt gezeugtes Kind innerhalb der ersten 12 Schwangerschaftswochen legal abtreiben zu können. Beide, die chemische- wie auch die mechanische Abtreibungsmethode mittels Absaugung, sind für die Frauen sehr gut verträglich, während der Embryo schnell und schmerzlos getötet und entfernt wird.
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