Es gibt diese Bilder, die sich einprägen. Der weinende Reverend Jesse Jackson inmitten von etwa 250'000 jubelnden Menschen im Grant Park in Chicago ist so eines. Da steht er, eine Ikone der US-Bürgerrechtsbewegung, und heult Rotz und Wasser, weil gerade Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt wurde.
Acht Jahre später – nach zwei Amtszeiten Obamas und dem ersten Wahlsieg Trumps – sitzen wir uns gegenüber. Was hat ihn so zu Tränen gerührt, will ich wissen.
Er beginnt zu erzählen, von den Opfern von Rassentrennung und Rassismus, von den Frauen und Männern, die für politische und soziale Gleichberechtigung der Afro-Amerikaner gekämpft haben. Und als ihm die Tränen in die Augen schossen, wünscht er sich, dass sie alle diesen Moment erleben könnten – zum ersten Mal wurde ein Afro-Amerikaner zum US-Präsidenten gewählt.
Gegen Diskriminierung
Es war ein Traum, den er selbst zweimal geträumt hatte. 1984 und 1988 bewarb er sich für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Zweimal scheiterte er, jedoch mit einem so respektablen Ergebnis, dass er fortan nicht mehr wegzudenken war von der politischen Landkarte der USA.
Geboren 1941 in South Carolina, in ein Milieu, das nichts als Armut kannte. Seine Mutter war 16, als er zur Welt kam. Der Vater kümmert sich nicht um ihn. Er wächst bei seiner Grossmutter auf, in einer Gemeinde, in der strikte Rassentrennung herrscht.
Er studiert, will Rassentrennung und Diskriminierung nicht hinnehmen, organisiert die ersten Proteste an seiner Uni und wird verhaftet. Er schliesst sich dem Kreis von Martin Luther King an, dem charismatischen Sprecher der Bürgerrechtsbewegung, der Jacksons spirituelles und intellektuelles Vorbild wird. Eine Vaterfigur.
Jesse Jackson wird ein enger Mitarbeiter von Martin Luther King. Als dieser 1968 erschossen wird, eilt Jackson ihm zu Hilfe. Am Tag danach, als Protest und Unruhen das Land erschüttern, tritt er in der «Today»-Show im TV auf. Er trägt den Pullover mit Blutflecken von Martin Luther King und verkündet: «Ich werde bei seiner Auferstehung dabei sein.»
Sein politisches Credo will er mit unbändigem Ego durchsetzen. Er weiss sich in Szene zu setzen, er sieht sich als Erbe Martin Luther Kings. Das gefällt nicht allen in der Bürgerrechtsbewegung.
Dennoch wird er zur Stimme des marginalisierten Amerikas, setzt sich im Ausland für Gerechtigkeit, gegen politische Willkür und Unterdrückung ein. In Afrika, Haiti und dem Nahen Osten.
Doch er steht zwischen den Generationen, zwischen den alten Kämpfern der Bürgerrechtsbewegung aus der Zeit Martin Luther Kings und den jüngeren Politikerinnen und Politikern, zu denen Anfang der 2000er-Jahre Barack Obama gehört.
Bei unserem Treffen acht Jahre später ist Obamas Ära Geschichte. Jesse Jackson analysiert scharf seine Amtszeit, die enormen Widerstände der Republikaner, die sich damals zu einer radikalen Blockade gegenüber Obamas politischen Projekten verschworen hatten. Er spricht von der nie überwundenen Spaltung, von der Ursünde der Sklaverei, die bis heute wirkliche Freiheit für die meisten Afro-Amerikaner verhindert.
Amerika kann jedoch das Beste hervorbringen, meint er, «aber in seinen schlimmsten Momenten wählt es Trump». Zum Abschied gab er sich jedoch hoffnungsvoll: «Wir haben immer noch das gewisse Etwas, das uns in die Lage versetzt, das amerikanische Versprechen zu verwirklichen.»