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Einer Utopie auf der Spur – Matthias Lohres Atlantropa-Roman
Aus Kontext vom 26.11.2021.
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Utopie Atlantropa Wie ein gigantischer Staudamm die Welt retten sollte

Das Mittelmeer austrocknen, um Europa und Afrika zu verbinden? Was heute unglaublich klingt, schien als Utopie bis in die 1950er-Jahre möglich.

Der Name Atlantropa stand für «Festland am Atlantik». Architekt Herman Sörgel wollte einen neuen Superkontinent schaffen: «Europa und Afrika sollen mit ihren Landgebieten zusammenwachsen und damit Atlantropa zu einem Erdteil der Zukunft machen.»

Sörgel entwickelte seine Utopie vor dem Hintergrund der Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Und er war mit seinen Weltrettungsplänen nicht allein. In Münchens Schwabinger Boheme, seinem Biotop, wurden Sozial- und Lebensreformen im Wochentakt entworfen.

Legende: Porträtfotografie von Herman Sörgel (1885-1952) Deutsches Museum, München, Archiv, CD71052

Selbst Albert Einstein interessierte sich für die Pläne Herman Sörgels. Und der Schweizer Bauingenieur Bruno Siegwart gehörte zu den wichtigsten Mitstreitern des Münchner Architekten. Er begleitete in den 1920er-Jahren auch die ersten Sondierungen an der Meerenge von Gibraltar.

Dort plante Sörgel den Hauptdamm seines Projekts Atlantropa: 35 Kilometer lang, 2,5 Kilometer breit und über 300 Meter hoch. Ziel: neues Siedlungsland, Energie im Überfluss, Friede unter den Völkern.

Legende: Atlantropa-Projekt von Herman Sörgel (1885-1952) / Schaubild zur Energiegewinnung und zum Schienenverkehr, 1932 Deutsches Museum, München, Archiv, CD78659

Eine Million Arbeiter und 1000 Turbinen

Die grösste technische Utopie des 20. Jahrhunderts wäre prinzipiell realisierbar gewesen. Aber es gibt viele Fragezeichen. Wie eine Million Arbeiter im Vierschichtbetrieb von ihren Camps zur Baustelle bringen? Wie an gigantische Mengen Baumaterial kommen? Wie die Baustoffe transportieren? Ohne eine Flotte wäre es nicht möglich gewesen. Und der Bedarf an Material hätte die weltweiten Märkte ins Schlingern gebracht.

Dann das Krafthaus: Der Itaipu-Damm zwischen Paraguay und Brasilien, eines der grössten Kraftwerke der Welt, betreibt seine 18 Turbinen in einem Gebäude von 1,5 Kilometern Länge. Für den Gibraltar-Damm veranschlagte Herman Sörgel 1000 Turbinen.

Legende: Atlantropa erzeugt Werte» / Karte mit Afrika und Europa als Pole eines Spannungsfeldes. Schematische Wasserturbinen für Kraftwerke, Getreidefelder für Neuland / Aquarell-Plakat von Eichheim-Binder Deutsches Museum, München, Archiv, BN22039

Venedig auf dem Trockenen

Die brennenden Probleme der 1920er- und 1930er-Jahre sollten mit Atlantropa gelöst werden: die Landknappheit, die politischen und sozialen Spannungen bis hin zur neuerlichen Kriegsgefahr, die Arbeitslosigkeit und die Armut. Obendrauf sollte der Gibraltar-Staudamm jährlich 50'000 Megawatt Strom produzieren.

Legende: Hängebrücke zwischen Sizilien und Tunis nach der Absenkung des Mittelmeers / Technische Zeichnung aus dem Archiv von Römer, München Deutsches Museum, München, Archiv, CD78653

Bei diesem einen Damm wäre es nicht geblieben. Und weil durch die Absenkung des Mittelmeers sämtliche Hafenstädte von Akko bis Venedig weit ins Hinterland geraten wären, entwarfen namhafte Architekten wie Mies van der Rohe futuristische Neustädte.

Legende: «Cityblöcke» / Kolorierte Kohlezeichnung von Peter Behrens (1868-1940) und Alexander Popp (1891-1947), ca. 1932 Deutsches Museum, München, Archiv, BN22025

Durch Technik vereint

Atlantropa war eine grössenwahnsinnige Idee, aber nicht gewinnorientiert, sondern pazifistisch. Herman Sörgel glaubte, dass man die Menschheit mit Technik einen könne und träumte vom europäischen Frieden. Den Nationalsozialisten mit ihren eigenen geopolitischen Plänen war seine Utopie ein Dorn im Auge.

1936 liessen die Nazis einen Propagandafilm drehen: «Ein Meer versinkt.» Ausgerechnet sie gaben in der aufwändigen Bavaria-Produktion die Weltretter und fuhren dabei auch schweres ökologisches Geschütz gegen Atlantropa auf: «Aber was sagt die Erde dazu?!»

Propagandafilm: «Ein Meer Versinkt»

Kühne Zielsetzung

Heute sind solche Bedenken mehr als Propaganda: In ökologischer, kultureller und politischer Hinsicht hatte das Projekt seine blinden Flecken. Es liess anfänglich zum Beispiel ausser Acht, dass für ein Zusammenwachsen Europas und Afrikas Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner hätten umgesiedelt werden müssen. 

1952 wurde Herman Sörgel mit dem Fahrrad von einem Auto angefahren. Er starb, ohne je einen verbindlichen Zuschlag für Atlantropa erhalten zu haben. Seine Utopie kam einige hundert Jahre zu früh. Sie hatte ihre Mängel, aber in ihrer dezidiert philanthropischen Zielsetzung bleibt sie kühn.

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Matthias Lohre, Historiker, Journalist und Sachbuchautor («Das Erbe der Kriegsenkel»), wählte für sein Romandebüt einen Stoff, der wie kaum ein anderer die erste Hälfte des deutschen 20. Jahrhunderts spiegelt. Allerdings ist dieser Stoff nicht sonderlich gut dokumentiert: Nach Herman Sörgels Tod verblasste Atlantropa im anbrechenden Atomzeitalter.

Lohre wollte die vielen Lücken zwischen den historischen Fakten mit Leben füllen und auch Bekanntes neu erfahrbar machen. Deshalb legte er den Fokus ganz auf Herman Sörgel und dessen Frau Irene, eine jüdische Antiquitätenhändlerin, die mit ihrer charmant-resoluten Art zur Managerin von Atlantropa wurde.

Was für uns Historie ist, erleben die beiden unmittelbar – mit allen Einschränkungen, Irrungen und Hoffnungen. Die Ehe der Sörgels hielt dem Projekt Atlantropa nicht stand. So ist der Roman «Der kühnste Plan seit Menschengedenken» auch die Geschichte einer grossen Liebe, die tragisch endete.

Matthias Lohre: «Der kühnste Plan seit Menschengedenken», Wagenbach Verlag

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 26.11.2021, 06:05 Uhr

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