«Verschwörungstheorien sind Teil unserer Kultur»

Verschwörungstheorien gibt es schon viel länger als das Internet, doch im Netz finden sie einen prächtigen Nährboden. Der Medienwissenschaftler John David Seidler hat Verschwörungstheorien untersucht. Er plädiert für bessere Medienkritik und etwas Gelassenheit.

Verschwommenes Bild der Türme des World Trace Centers. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grosse Ereignisse, die ihre Zeit prägen, sind oft der Ausgangspunkt für Verschwörungstheorien. Reuters

Verschwörungstheorien haben Konjunktur in unserer Informationsgesellschaft: Ein Aktuelles Beispiel sind Pegida-Anhänger, die den Medien «Lügenpresse» entgegenrufen. Hinter jeder Berichterstattung vermuten sie eine Verschwörung der Elite gegen das Volk.

Der deutsche Medienwissenschaftler John David Seidler hat das Phänomen der Verschwörungstheorien untersucht und ein Buch dazu veröffentlicht. Die abstruseste Theorie, die dem deutschen Medienwissenschaftler begegnet ist, geht so: Wir alle werden von einer geheimen Regierung von Reptilienmenschen beherrscht.

«Keine Randerscheinung»

Viel verblüffender als diese Theorie ist für Seidler jedoch ein anderes Ergebnis seiner Forschung: «Ich finde es faszinierender zu sehen, dass Verschwörungstheorien nicht eine Randerscheinung, sondern Teil unserer Mainstream-Kultur sind. Zum Beispiel beim 11. September. Die Erzählungen sind einfach so gut gemacht, dass die Allermeisten, wenn sie diese hören, erstmal irritiert sind.»

Auf die Anschläge auf das World Trade Center kommt Seidler immer wieder zurück. Zu kaum einem anderen Ereignis der jüngeren Zeit sind Verschwörungstheorien populärer. Das habe mit dem Aufstieg des Internets zu tun, der damals unaufhaltsam begann.

Es geht um Misstrauen

Verschwörungstheorien seien heute im Internetzeitalter präsenter und sichtbarer als früher. Doch sie sind bei weitem kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, wie Seidler in seinem Buch schreibt. Die Ursprünge reichen zurück in die Zeit der Französischen Revolution und des Aufkommens der ersten grossen Zeitungen.

Damals wie heute ist der Ausgangspunkt einer Verschwörungstheorie ein grosses zeitprägendes Ereignis und die breite Berichterstattung in den Massenmedien. Im Kern geht es immer um ein Misstrauen gegenüber dieser Berichterstattung.

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis

John David Seidler: «Die Verschwörung der Massenmedien: Eine Kulturgeschichte vom Buchhändler-Komplott bis zur Lügenpresse». Transcript Verlag, 2016.

Die Wahrheit ans Licht bringen

«Das innere Wesen einer Verschwörungstheorie ist tatsächlich, dass es immer darum geht, einen sichtbaren Plot einem unsichtbaren Plot gegenüber zu stellen. Die Verschwörungstheorie greift auf die Berichterstattung der Massenmedien zu und versucht anhand dieses Plots, einen unsichtbaren Plot sichtbar zu machen», erklärt Seidler.

Es gibt viele Beispiele: Die amerikanische Regierung hat die Terroranschläge vom 11. September selbst inszeniert. Oder: Die CIA hat John F. Kennedy ermordet und die Mondlandung wurde in einem Hollywood-Studio inszeniert.

Man mag solche Verschwörungstheorien belächeln. Doch nicht alle sind harmlos. «Lügenpresse» ist ein Slogan der Pegida, skandiert letztes Jahr auf Demonstrationen in Leipzig und Dresden. Dahinter steht die Behauptung, dass das, was wir in den Medien lesen, hören und sehen, Teil einer Verschwörung sei. Die «Lügenpresse» zeige nicht die Wahrheit.

Ein Patentrezept gibt es nicht

Die Verbreitung dieser Verschwörungstheorie bereitet Seidler durchaus Sorgen. Er plädiert für mehr aufgeklärte und fundierte Medienkritik, und trotzdem auch für etwas Gelassenheit: «Ich denke, die Publikation von Verschwörungstheorien gehört zu den Zumutungen der Demokratie. Gefährlich ist es, weil es eine Dynamik in sozialen Protestbewegungen entwickeln kann. Prinzipiell glaube ich, dass wir das aushalten.»

Ein Patentrezept für den richtigen Umgang mit Verschwörungstheorien hat John David Seidler bei seinen Untersuchungen nicht gefunden. Sollen alle kruden Behauptungen minutiös entlarvt und widerlegt werden? Er sei da selber hin und her gerissen: «Es ist eine absolute Sisyphusarbeit gerade unter den Bedingungen des Internets, immer und überall Widerlegungen zu bringen. Aber es ist wichtig, dass es Widerlegungen gibt, dass Verschwörungstheorien als solche aufgedeckt werden.» Bei manchen Verschwörungstheorien sei jedoch Ignorieren ein probates Mittel.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur akutell, 27.4.2016, 17 Uhr.