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Mehr Vertrauen wagen – Für ein besseres Miteinander
Aus Sternstunde Religion vom 06.09.2020.
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Vertrauen in Coronazeiten Philosoph: «Wir können immer noch vielen Menschen vertrauen»

Wem kann man noch glauben, wenn Behörden und Wissenschaftler auch mal im Wochentakt ihre Erkenntnisse, Meinungen und Empfehlungen anpassen? In der Corona-Krise stellt sich verschärft die Vertrauensfrage.

Und trotzdem: Wir leben nicht in einer Zeit des wachsenden Misstrauens, sagt der Philosoph und Vertrauensforscher Martin Hartmann.

Martin Hartmann

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Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern. 2009 habilitierte er sich mit seiner Arbeit über «Eine Theorie des Vertrauens». In seinem neuen Buch «Vertrauen – Die unsichtbare Macht» (S. Fischer Verlag) wendet er sich auch an ein breiteres Publikum.

SRF: Wem sollen wir eigentlich noch vertrauen?

Martin Hartmann: Schnelle Meinungsänderungen sind kein Grund, jemandem nicht zu vertrauen. Im Gegenteil: Es kann redlich sein, Fehler oder Unkenntnis schnell einzuräumen. Covid-19 ist immer noch sehr unbekannt. Insofern sollte man denen vertrauen, die sich bemühen, das ehrlich mitzuteilen, was sie im Augenblick für wahr halten.

Solange Sie als Person glaubwürdig sind, kann man Vertrauen auch dann schenken, wenn man nicht gut einschätzen kann, ob das wahr ist oder nicht, was Sie sagen.

Anders verhält es sich etwa bei Donald Trump: Seine Meinungsänderungen beruhen nicht auf revidierten Überzeugungen, sondern entweder auf bewusster Verwirrung oder mangelndem Gedächtnis.

Sind denn Wissenschaftler – auch gerade jetzt in der Corona-Krise – vertrauenswürdiger als Politiker?

Zumindest gehen wir bei Wissenschaftlern eher davon aus, dass sie nur um der Sache willen handeln und keine ökonomischen oder parteigebundenen Interessen vertreten. Ihr Ziel ist Erkenntnis, nicht finanzieller Gewinn oder Wahlerfolg.

Die Wissenschaft sollte sich nicht anmassen, Politik zu betreiben. Die letzten Entscheidungen müssen von der Politik getroffen werden.

Das mag auch ein Grund gewesen sein, warum die Politik während des Lockdowns hohe Vertrauenswerte hatte. Sie liess sich offensichtlich von wissenschaftlicher Expertise beraten. Man hatte den Eindruck, das helfe, um den Blick von den üblichen politischen Positionsstreitereien abzulenken.

Andererseits sollte die Wissenschaft sich nicht anmassen, Politik zu betreiben. Die letzten Entscheidungen müssen von der Politik getroffen werden. Deswegen müssen komplizierte Sachverhalte möglichst so übersetzt werden, dass auch die Politik folgen kann.

Was passiert, wenn wir dieses Vertrauen nicht mehr haben? Fehlt dann der gesellschaftliche Kitt?

Auch wenn das viele denken: Es gibt nicht den einen gesellschaftlichen Kitt. Sicher: Wenn wir niemandem Glauben schenken, wird es schwer, Gesellschaft aufzubauen. Aber an dem Punkt sind wir in nicht.

Es gibt immer noch viele Menschen, denen wir vertrauen können. Aber es ist nicht immer leicht, sie zu identifizieren.

Gesellschaften mit niedrigem Vertrauen zum Mitmenschen sind einfach schlechte, anstrengende oder totalitäre Gesellschaften. Aber es sind Gesellschaften.

Leben wir gerade in einer Zeit wachsenden Misstrauens?

Nein, es gibt immer noch viele Menschen, denen wir vertrauen können. Aber es ist nicht immer leicht, sie zu identifizieren, da wir viel getan haben, um diese Identifikation zu erschweren.

Wir entscheiden nicht mehr selbst, sondern lassen Algorithmen entscheiden. Wir ziehen in gentrifizierte Wohngebiete oder in «Gated Communities», wo wir bestimmten Menschen nicht mehr begegnen. Jetzt leben wir sogar hinter Masken und können Mimik nicht mehr gut erkennen.

Es passiert viel, was es uns erschwert, Vertrauenswürdigkeit zu erkennen. Ausserdem haben wir auch viele Kommunikationsräume hinzugewonnen, mit denen wir noch zurechtkommen müssen. Das löst auch Unsicherheit aus. Wem vertraue ich online? Ist da überhaupt eine menschliche Person am anderen Ende?

Buchhinweis

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Martin Hartmann: «Vertrauen – Die unsichtbare Macht.» S. Fischer, 2020.

Man spricht auch von Urvertrauen oder Gottvertrauen: Kommt man damit besser durch Krisenzeiten wie der jetzigen Corona-Zeit?

Das kann helfen – sofern es nicht ein blindes Urvertrauen ist. Manchmal ist Vertrauen einfach unangebracht.

Aber die Annahme, es wird schon alles gut gehen, die uns zunächst sehr fahrlässig oder naiv erscheint, verändert ja auch das eigene Verhalten. Das kann wiederum helfen, das andere mitziehen oder Hoffnung schöpfen. Ur- oder Gottvertrauen gibt einem sicher eine Zuversicht, die in Krisenzeiten hilft.

Das Gespräch führte Christine Schulthess.

SRF 1, Sternstunde Religion, 06.09.2020, 10 Uhr;

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