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Fact-Checking Vom Aufstieg der Faktenprüfer

Eine neue Art des Journalismus breitet sich aus: das «Fact-Checking». Medienwissenschaftler Lucas Graves weiss, weshalb.

Eine Illustration eines Mannes, der durch ein Fernrohr schaut.
Legende: Die Anzahl der Fact-Checking-Webseiten wurde in den letzten Jahren immer grösser. Sébastien Thibault/Agoodson

SRF: In Ihrem Bericht «The Rise of Fact-Checking Sites in Europe» stellen Sie fest: Mehr als 50 der weltweit 113 als Faktenprüfer tätigen Organisationen sind in den letzten zwei Jahren entstanden. Sind solche Strukturen heute besonders notwendig?

Lucas Graves: Natürlich haben Politiker oft übertrieben und die Wahrheit gedehnt. Wann wie oft gelogen wurde, lässt sich kaum vergleichen. Fact-Checking ist eine Methode, mit der sich der Journalismus an die Möglichkeiten der Neuen Medien und des Internets angepasst hat, ein neuer Weg, auf politische Aussagen zu reagieren.

Gehört es nicht ohnehin zum journalistischen Berufsethos, Informationen vor der Veröffentlichung zu überprüfen?

Doch, natürlich. Das traditionelle, interne Fakten-Überprüfen der Medien und das neue, politische Fact-Checking unterscheiden sich. Im traditionellen Journalismus verifiziert man vor der Veröffentlichung alle Angaben in einer Story. Politisches Fact-Checking dagegen korrigiert Aussagen, die bereits öffentlich im Umlauf sind. Journalisten zweifeln direkt Aussagen von Politikern und anderen öffentlichen Personen an. Die Reporter widersprechen ihnen direkt und hinterfragen Übertreibungen und Falschaussagen.

Man wünschte sich, Journalisten hätten das schon immer getan. Aber manchmal sind politische Fragen sehr vertrackt, und es war bequemer, einfach die Positionen einer Diskussion wiederzugeben. Erst in den letzten Jahrzehnten akzeptierten Journalisten systematisch den Gedanken, dass es Teil ihres Jobs ist, politische Aussagen direkt in Frage zu stellen.

Gefährlicher als die Falschaussagen selbst ist aber die Geringschätzung der Wahrheit.

Weshalb dieses Umdenken?

Die Idee dieser Organisationen, die unabhängig vollzeit Fact-Checking betreiben, tauchte in den USA in den frühen 2000er-Jahren auf. Zum Teil, weil Journalisten erkannten, dass sie 2003 während des Irakkriegs nur halbherzig berichtet hatten. Im Präsidentschafts-Wahlkampf von 2004 gab es dann wirklich haarsträubende Politiker-Aussagen. Journalisten, die fanden, sie seien zu wenig kritisch gewesen, änderten ihre Strategie.

So entstand dieser aufsässigere Journalismus. News-Organisationen begannen mit den einzigartigen Recherche-Möglichkeiten des Internets zu experimentieren. Fact-Checker lassen sich mit Bloggern vergleichen. Sie sind in einem gewissen Sinn die Antwort des professionellen Journalismus auf das Bloggen.

Hat sich im Zuge der Trump-Wahl der Wahrheitsbegriff gewandelt?

Die Art der politischen Lügen scheint sich in den letzten Jahren verändert zu haben. Besonders mit Donald Trump und vielen republikanischen Kandidaten der letzten Primärwahlen. Da wurde die Wahrheit wirklich geringgeschätzt. Nicht nur, dass Donald Trump viele falsche Aussagen macht, er versteckt auch nicht, dass er Dinge wiederholt, von denen er vermutlich keine grosse Ahnung hat. Er gibt etwas von sich und sagt am nächsten Tag, er habe das gar nicht so gemeint. Oder er sagt: «Oh, ich habe das irgendwo im Internet gelesen.»

Gefährlicher als die Falschaussagen selbst ist aber die Geringschätzung der Wahrheit. Sie ist gefährlich für den Gedanken, dass es wichtig ist, die Fakten zu kennen, bevor wir über etwas sprechen oder entscheiden.

Die Strategie, die Presse zu dämonisieren, ist eine grosse Gefahr für die demokratische Diskussion.

Welches sind die Folgen von Donald Trumps Angriffen auf die Medien?

Das ist eine der beunruhigendsten Entwicklungen der US-Politik der letzten Jahre. Wir sind zum Glück noch nicht am Punkt, wo Nachrichtenportalen die Schliessung droht. Jedoch wirken die Attacken auf die Presse wirklich zersetzend und schaden der Idee, dass unabhängiger Journalismus notwendig ist und dass wir gemeinsame Informationsquellen wertschätzen sollten.

Wenn nebeneinander zu verschiedene Medienrealitäten existieren, wird es schwierig, überhaupt einen zusammenhängenden öffentlichen Diskurs zu pflegen. Die Strategie, die Presse zu dämonisieren, ist eine grosse Gefahr für die demokratische Diskussion.

Das Gespräch führte Raphael Zehnder.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 13.03.2017, 09:02 Uhr

Zur Person

Zur Person

Lucas Graves ist Medien- und Politikwissenschaftler und Assistenzprofessor an der School of Journalism and Mass Communication der Universität von Wisconsin in Madison (USA). Er ist Autor u.a. von «Deciding What’s True: The Rise of Political Fact-Checking in American Journalism» (2016, Columbia University Press).

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Auch SRF hat zB. keine Anreize die eigenen Fakes zu beseitigen. Warum erwartet man dass Facebook, ohne eine eigentliche Medienplatform fuer Journalisten zu sein, deren Unfung zu stoppen. Die Medienschaffenden sind doch heute allesamt embadded-ones. Sie muessen dem MainStream strikte und genau folgen oder sie verlieren ihre Erwerbsgrundlage.
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  • Kommentar von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
    Journalisten und Politiker arbeiten mit 'Geschichten'. Irgenwelche losen ereignisse werden zu einem Bild zusammegeschustert. Ideologen, sind diejenigen welche all diese Geschichten Glauben und in dieser erfunden Fiktion leben. Das Normale Volk ist im Mittel nicht so leichtgläubig. Es glaubt was zur Alltagserfahrung passt. Rationelle und Wissenschaftler glauben keinerlei Geschichten. Sondern den Statistiken und Messwerte. Realität (Messwert) und Ideologie klaffen heute meilenweit auseinander.
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  • Kommentar von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
    Es ist absurd wie sie da Tatsachen verdrehen. Trump wurde wegen den Fact-Checks gewählt. Von Bengasi bis Irak Krieg. (Trump war immer Kriegsgegner, schlecht für die Volkswirtschaft.) Oder vergleichen Sie mal den IvarGiaever (Physiknobelpreiaträger) und AlGore (Politiker) zum Thema 'Klimawandel'. ... (Lügenmärchen das es bis heute schafft Schlagzeilen zu machen weil es in die Ideologische Agenda schafft...)
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    1. Antwort von Stefan Faes (Stefan Faes)
      Ivar Giaever ist Nobelpreisträger (Physik) und hält den Klimawandel für absoluten Blödsinn,was er auch begründet.Soweit Fakt.Anlässlich der Tagung der Nobelpreisträger in Lindau 2015 unterschrieben 36 Nobelpreisträger eine Deklaration zum Klimaschutz.35 weitere unterzeichneten später.Macht 71 Nobelpreisträger,darunter diverse Physiker. Also 71-1.Auch ein Fakt.In diesem Fall ist selber denken und prüfen angesagt.Zumindest,was die Argumentation anbelangt.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Giaever ist inzwischen 88, hat seinen Nobelpreis für experimentelle Fordchung über spezielle Stromleitungseffekte bekommen in den 70-ern. Zudem sagt er selber Klima interessiere ihn nicht. Sie könnten sich also auch auf Arafats Meinung abstützen; hätte die gleiche Aussagekraft. Gleicher Jahrgang und Nobelpreisträger in einem Gebiet das nichts mit Klima zu tun hat.
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