Vom Gelingen und Untergang der Zivilisationen

Der Kulturanthropologe Jared Diamond gibt sich nicht für einfache Lösungen her. In seiner Forschung verknüpft der US-Amerikaner Geschichte, Biologie und Anthropologie. Der streitbare Wissenschaftler wirft einen weiten Blick in die Vergangenheit und ist voller Sorge für die Zukunft.

Die Ruinenstadt Machu Piccu in den Anden, eingebettet in einer grünen Berglandschaft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ruinenstadt Machu Piccu: Jared Diamond sucht nach den Gründen für das Ende von Zivilisationen. Keystone

Wenn Jared Diamond spricht, tut er es meist mit leiser, bedächtiger Stimme, und er wählt seine Worte mit Sorgfalt. So auch vor Jahren in Zürich, als er sein Buch «Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen» vorstellte.

Jared Diamond trat nicht auf als ein Marktschreier für seine Gedanken, sondern als einer, der weiss, was wirklich zählt, wenn man glaubhaft bleiben will: ein gutes Stück Bescheidenheit und intellektuelle Redlichkeit.

Die grossen Erzählungen

Was Jared Diamond, der an der University of California in Los Angeles lehrt, auszeichnet, ist seine besondere Gabe zu erzählen.

Das Radio-Gespräch im Nachgang zu den amerikanischen Wahlen wurde so zum vergnüglichen Hin und Her. Luzide Einschätzungen der gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA wechselten ab mit persönlichen Erzählungen.

Jared Diamonds Anliegen sind die Zivilisationen. Was macht eine Gesellschaft zukunftsfähig -  und was nicht? Diese Frage dominiert in «Kollaps», seinem vielleicht bekanntesten Werk. Darin führt er den Leser durch eine ganze Reihe von Zivilisationen und fragt, wodurch ihr Zusammenbruch herbeigeführt wurde.

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Buchhinweis

Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Fischer Taschenbuch, 2011.

Raubbau an der Natur, zum Beispiel auf den Osterinseln, war ein Grund. Aber im Fall der Maya war es auch fehlende Bereitschaft zu Veränderungen und fehlende Innovationen - sowohl beim politischen System als auch bei den vorhandenen Technologien. Andere Kulturen, so zeigt Jared Diamond auf, haben sich an veränderte Bedingungen anpassen können. Dies dank kluger, weitsichtiger Politik.

Wider die Einfalt

In all seinen Texten macht Jared Diamond deutlich: Der grösste Feind der Zivilisation ist nicht die Überbevölkerung, auch nicht die exzessive Nutzung natürlicher Ressourcen. Der grösste Feind von Gesellschaften ist ihr Festhalten am einmal eingeschlagenen Kurs, die Einfalt, das eindimensionale Denken und Handeln.

Anders gesagt: Plurale, offene Gesellschaften mit einem weiten geistigen Horizont haben bessere Chancen. In ihnen können neue Ideen und Vorschläge auch wirklich zum Zuge kommen, anders als in streng unterteilten, engstirnigen Gesellschaften. Deshalb, sagt Jared Diamond, müssen wir auch von traditionellen Gesellschaften lernen.

Keine Frage der Überbevölkerung

Wer sich wie Diamond quer durch die Zivilisationen denkt - ökonomische und kulturelle, ökologische und wissenschaftliche Parameter untersucht - läuft auch Gefahr, vereinnahmt zu werden. Manche halten Jared Diamond für einen entfernten Anhänger von Oswald Spengler. Der deutsche Kulturphilosoph hatte um 1920 den «Untergang des Abendlandes» prognostiziert.

Jared Diamond, Kulturanthropologe, spricht an einer Tagung in San Francisco. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vielseitiger Denker: Zivilisationsforscher und Pulitzer-Preisträger Jared Diamond. Aude/Wikipedia

Andere nehmen Jared Diamonds Arbeiten als Beleg dafür, dass die Überbevölkerung das Übel aller Dinge sei. So etwa Ecopop, jene Organisation, die in der Schweiz die Zuwanderung aus ökologischen Gründen stoppen will. In ihrem Bulletin wird Jared Diamond immer wieder als Kronzeuge dafür zitiert, dass wir «viel zu viele sind, die ihren Lebensstandard nur dank Raubbau an der Umwelt aufrechterhalten können».

Doch es bleibt fraglich, ob Jared Diamond sich tatsächlich für eindimensionale, einfache Lösungen instrumentalisieren liesse. Mehr Menschen an einem Ort, das ergibt - so würde er vielleicht argumentieren - auch eine grössere Vielzahl an Ideen, die es zu nutzen gilt.

Um eben den guten, nicht den nächstliegenden Ideen zum Durchbruch zu verhelfen.

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