Mattmark war zu Beginn der 1960er-Jahre ein Vorzeigeobjekt der modernen Ingenieurskunst: Im hintersten Saastal sollte für den Bau eines Stausees der höchste Erddamm Europas aufgeschüttet werden.
Hunderte von Arbeitern waren auf dieser Grossbaustelle und bei den Aufräumarbeiten nach der Katastrophe beschäftigt. Eine reine Männerdomäne, möchte man meinen, wenn man die Bilder betrachtet, die es von der Baustelle und den Aufräumarbeiten nach dem Gletscherabbruch gibt.
Bergführer, Lawinenspezialisten und Bauarbeiter stocherten im Eis und suchten nach Verschütteten. Ingenieure beteuerten noch auf der Unglücksstelle, dass der Abbruch nicht vorhersehbar gewesen sei. Politiker und Pfarrer sprachen vor vorgehaltenem Mikrofon von einem schicksalhaften Ereignis.
Auf all diesen Aufnahmen sind kaum Frauen zu sehen, stellt die Historikerin Elisabeth Joris fest: «Wenn Frauen überhaupt ins Bild rücken, stehen sie bei den Särgen als weinende und betende Opfer.» Sie weist in einem Kapitel ihres neuen Buchs zu Mattmark dagegen nach, dass die Grossbaustelle des Zürcher Unternehmens Elektrowatt ohne die Arbeit von Frauen gar nicht hätte betrieben werden können.
Auch Frauen unter den Mattmark-Opfern
Unter den ersten Leichen, die unter den Eismassen gefunden wurden, war auch jene der aus Bern stammenden Köchin Margaretha Woodtli. Sie hatte in der Kantine, die direkt unter der Gletscherzunge aufgestellt worden war, für die Bauarbeiter jahrelang die täglichen Mahlzeiten zubereitet.
Unterstützt wurde Woodtli von der Serviceangestellten Ginetta Bozzi. Die junge Frau war auf der Suche nach Arbeit aus den italienischen Abruzzen ins Saastal gekommen. Auch sie kam bei der Tragödie ums Leben – wie viele ihrer Landsleute: von den 88 Toten stammten 56 aus Italien.
Welche Rollen Frauen rund um die Baustelle Mattmark spielten, hat Elisabeth Joris auch in Gesprächen mit Zeitzeuginnen in der Schweiz und Italien erfahren. Im Saastal war das Staudammprojekt umstritten. Doch Frauen hatten damals politisch nichts zu sagen.
Besonders vulnerable Frauen, die etwa als Witwen ihre Familien allein durchbringen mussten, seien unter Druck gesetzt worden, Weideland an die Bauherrschaft zu verkaufen, erzählt Verena Zengaffinen-Anthamatten aus Saas-Almagell: «Wenn sie das Land nicht freiwillig gaben, wurde ihnen mit Enteignung gedroht.»
Umfassende Care-Arbeit
Mit einem Landverkauf riskierten Familien, die bisher von der Alpwirtschaft gelebt hatten, ihre Existenz. Zugleich wurde aber klar: Mit dem Staudamm gibt es Aufträge für das lokale Gewerbe und damit viele Arbeitsplätze. Frauen nutzten die neuen Erwerbsmöglichkeiten bald: Sie führten Restaurants und Pensionen und boten einen professionellen Wäsche- und Bügelservice an.
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Bild 1 von 6. Der Blick talaufwärts zeigt die dramatischen Spuren des Gletscherabbruchs am Allalingletscher. Vom Abbruchpunkt hoch oben am Gletscher zieht sich eine breite Schneise aus Eis, Geröll und Schutt hangabwärts. Die Lawine hat dabei ein Barackenlager vollständig verschüttet. Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L14-0616-0053-0001.
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Bild 2 von 6. 15. Juni 1965, 76 Tage vor der Katastrophe: Blick nach Süden auf den fortgeschrittenen Mattmark-Staudamm, vorn die Abbaustrassen an der Nordmoräne des Allalingletschers. Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC27-0284-002.
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Bild 3 von 6. Bergungskräfte räumen zerstörte Unterkunftsbaracken nach dem Gletscherabbruch – Trümmer und Eis prägen das Bild unterhalb des Allalingletschers. Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L14-0616-0002-0002.
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Bild 4 von 6. Rettungskräfte suchen nach dem Abbruch des Allalingletschers in den Trümmern der Baracken nach Opfern – Im Vordergrund: Reste eines Reisecars für den Mannschaftstransport. Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L14-0616-0015-0001.
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Bild 5 von 6. Soldaten sichern die Unglücksstätte nach dem Gletscherabbruch – sie unterstützen die Bergungsarbeiten und halten Wache vor den zerstörten Baracken. Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L14-0616-0047-0004.
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Bild 6 von 6. Bergungskräfte räumen Trümmer nach dem Gletscherabbruch – hebt da gerade ein Armeehelikopter Alouette III V-205 zum Erkundungsflug über die Unglücksstätte ab? Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L14-0616-0023-0003.
Zudem erhielten manche Frauen in Mattmark eine Anstellung bei der Firma Elektrowatt. Sie reinigten etwa die Baracken und betrieben Kantinen. Zwei Frauen betrieben im Auftrag der Schweizerischen Unfall- und Versicherungsanstalt (SUVA) eine Sanitätsstelle. So versorgte Maria Testa als Krankenschwester zusammen mit ihrer Kollegin die Arbeiter bei Sonnenbrand, Fieber und Grippe und brachte Verletzte mit dem Auto nach Visp ins Spital.
Die beiden Frauen wohnten im Barackendorf in Zermeiggern, rund 400 Meter unterhalb des Staudamms. Sie mussten sich Tag und Nacht auf Abruf bereithalten, denn gearbeitet wurde auf der Baustelle im Dreischichtbetrieb, rund um die Uhr. Maria Testa stand in Mattmark jahrelang an Krankenbetten – kaum eine kannte die Arbeiter so gut wie sie.
Nach dem Unglück musste Maria Testa die Leichen identifizieren: «Für jene, die man nicht mehr erkennen konnte, aber deren Oberkörper noch erhalten war, brachte man mir einen fahrbaren Röntgenapparat, um die Brust zu röntgen.» Ein Bild des Brustbeins konnte hilfreich sein, um einen Ausländer zu identifizieren. Es wurde nämlich mit jenem Röntgenbild abgeglichen, das von der Grenzsanität bei der Einreise gemacht worden war.
Elisabeth Joris beleuchtet anhand von Gesprächen mit Zeitzeuginnen exemplarisch die Erwerbsarbeit von Frauen rund um eine Grossbaustelle in den 1960er-Jahren in der Schweiz. Damit rückt sie erstmals die für Mattmark geleistete umfassende Care-Arbeit ins Licht.
Care-Arbeit hatten auch jene Frauen zu leisten, die 1965 zu Hause in Italien vergeblich auf die Rückkehr ihrer Söhne oder Ehemänner warteten. Zu ihnen gehörte die inzwischen verstorbene Magda Da Rold. Sie erzählte 2015 in einer SRF-Dokumentation von ihrem Mann: «Ich wollte nicht, dass er geht. Wir diskutierten darüber. Aber er liess sich von seinen Freunden überzeugen und sagte: ‹Ich opfere mich für ein Jahr und bleibe dann immer hier.› Und so ging er.»
Magda Da Rold war frisch verheiratet und im dritten Monat schwanger, als ihr Mann in Mattmark unter den Eismassen begraben wurde. Elisabeth Joris hat in Belluno mit Da Rolds Tochter, Teresa Fabbiane, das Gespräch gesucht.
Die Tochter sagt, dass das Unglück die Beziehung zu ihrer Mutter stark geprägt habe, und das bereits bei der Geburt: «Meine Mutter wollte nicht mehr essen, nicht mehr leben, sie wollte nicht einmal mich.» Später habe sie sich umso mehr an sie geklammert.
Der Blick hinter die spektakulären Bilder des Mattmark-Unglücks und die Gespräche mit Zeitzeuginnen sind auch für die Historikerin Elisabeth Joris ein Lehrstück für die Gegenwart: «Es bedeutet, dass wir bei der Realisierung von Bauprojekten nicht nur die technische Umsetzung berücksichtigen, sondern auch das soziale Umfeld einbeziehen und die Perspektive erweitern müssen: Care-Arbeit ist eine grundlegende und massgebliche Leistung, um ein solches Grossprojekt überhaupt umsetzen zu können.»