Zum Inhalt springen
Inhalt

Weltbewegende Geschenke Wie Kirschbäume in Washington einst einen Skandal auslösten

Die japanischen Kirschbäume in Washington D.C. ziehen jedes Jahr über eine Million Touristen an: Das Cherry Blossom Festival ist über die US-Grenzen hinaus berühmt. Bei ihrer Pflanzung vor über 100 Jahren lösten die Bäume allerdings ein diplomatisches Debakel zwischen Japan und der USA aus.

Durch die blühenden Kirschbäume ist das Jefferson Memorial zu sehen.
Legende: Einen Blick durch die Kirschbäume auf das Jefferson Memorial in Washington D.C. Reuters

Nie hätte sich Eliza Scidmore (1856–1928) träumen lassen, dass ihre Liebe zu japanischen Kirschbäumen zu einem diplomatischen Eklat führen würde. Als Autorin war Mrs. Scidmore mehrere Male in Japan gewesen und eine glühende Verehrerin dieses Landes. Über 25 Jahre lang hatte sie versucht, die Beamten in Washington D.C. davon zu überzeugen, dass japanische Kirschbäume die richtige Zierde für die amerikanische Hauptstadt wären. Eliza Scidmore stiess jedoch immer nur auf taube Ohren.

Die Schönheit der Kirschblüte

1906 setzte der Pflanzenforscher des US-Landwirtschaftsministeriums, Dr. David Fairchild, ein paar japanische Kirschbäume auf seinem Anwesen, um herauszufinden, dass sich diese prächtig entwickelten. Mit diesem Trumpf in der Hand wandte sich Eliza Scidmore an die erste Adresse im Land: das Weisse Haus.

Ihren Brief beantwortete die damalige First Lady Helen Taft umgehend und persönlich. Auch sie hatte in Japan gelebt und schätzte die Schönheit der japanischen Kirschblüte. «Meine Liebe, ich habe die Sache in die Hand genommen», schrieb Helen Taft an Eliza Scidmore.

Insekten und Fadenwürmer

Nach Helen Tafts Antwortbrief hörte der japanische Chemiker Dr. Jokichi Takamine vom Wunsch der First Lady. Durch seine Vermittlung schickte die Stadt Tokio im Dezember 1909 etwa 2000 Kirschbäume Richtung Washington.

Hellrosa Kirschbäume vor dem U.S. Capitol Gebäude in Washington D.C.
Legende: Kirschbäume in voller Blüte vor dem U.S. Capitol in Washington D.C. Reuters

Ein Weihnachtsgeschenk für das amerikanische Volk als Zeichen der Freundschaft. Japanische Kirschblüten gelten als starkes Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens. Diese Vergänglichkeit zeigte sich unglücklicherweise überraschend schnell, denn das Leben der Bäume ging bereits seinem Ende entgegen.

Sie waren nämlich alle krank, verseucht von Insekten und Fadenwürmern. US-Präsident William Howard Taft tobte, er liess alle Kirschbäume umgehend verbrennen. Der Eklat war vollkommen, die Diplomatie gefordert. Zahlreiche Briefe gingen hin und her, um die schlimmste Verstimmung abzuwenden. Die japanische Seite konnte schliesslich ein noch grösseres Debakel verhindern, indem sie 1912 genau 3020 neue Setzlinge von 12 Sorten in die US-Hauptstadt schickte.

Über 100 Jahre Cherry Blossom

Helen Taft und die Gattin des japanischen Botschafters hoben die erste Schaufel Erde für die neuen Kirschbäume aus. Mit dabei: Eliza Scidmore, die mit ihrem Brief ins Weisse Haus alles ins Rollen gebracht hatte. Die japanisch-amerikanische Freundschaft blühte.

Zwei Frauen machen ein Foto unter den Kirschbäumen in Washington D.C.
Legende: Das Cherry Blossom Festival lockt viele Touristen nach Washington D.C. Reuters

Die beiden ersten japanischen Kirschbäume stehen heute noch, zusammen mit weiteren etwa 100 Exemplaren aus dieser Zeit. Im Laufe der Jahre mussten viele Kirschbäume ersetzt werden. Dazu wurden auch neue gepflanzt, um die heutige Gesamtzahl von 3700 zu erreichen.

Der Spatenstich vor mehr als 100 Jahren war auch die Geburtsstunde für das weltberühmte Cherry Blossom Festival im Frühling. Dann wandeln hunderttausende Touristen durch das Blütenmeer im grossen Stadtpark der Hauptstadt. Vielleicht denkt dabei auch jemand an die hartnäckige Mrs. Scidmore, die 1928 in Genf starb. Selbst im Tod ist sie mit ihrem Japan vereint: Auf Antrag der japanischen Regierung wurde sie in Yokohama zur ewigen Ruhe gebettet.

Serie: Weltbewegende Geschenke

Zum Auftakt des neuen Jahres gehen wir auf Weltreise: SRF-Korrespondentinnen und -korrespondenten stellen besondere Geschenke vor, die Land und Leute bewegten: ein Hund, der das politische Image aufbessern soll, eine Buddha-Statue, die mitten in Lappland steht oder eine Giraffe, die Furore macht.

Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

Es wurden noch keine Kommentare erfasst. Schreiben Sie den ersten Kommentar.