Wenn Flugzeuge zu Waffen werden

Kriminelle, Psychopathen, Terroristen und Freiheitskämpfer – sie alle wählten das Flugzeug als Waffe. Ihr Ziel: ein Angriff auf unsere Vorstellung von Freiheit. Die Historikerin Annette Vowinckel hat die Geschichte der Flugzeugentführungen als Buch veröffentlicht.

Die 1970 entführte DC-8 der Swissair steht in der Wüste Jordaniens. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die 1970 entführte Swissair-Maschine auf dem Flugfeld «Dawson's Field» in Jordanien. Keystone

Erst kamen die Flugzeuge, dann fielen die Türme. «Das Besondere am 11. September war, dass die Flugzeuge nur noch als fliegende Bomben eingesetzt wurden», erklärt die Autorin Annette Vowinckel. «Es ging nicht mehr darum, irgendetwas zu verhandeln, es wurden keine Forderungen gestellt und keine Geiseln ausgetauscht.» Der Anschlag in den USA markiert auch einen Wendepunkt in der Geschichte der Flugzeugentführungen. «Eine explosivere Mischung als Flugzeug und World Trade Center kann man in der symbolischen Werte-Welt der Vereinigten Staaten oder des Westens kaum produzieren», sagt Vowinckel.

Fliegen als Grundwert westlicher Gesellschaften

Flugzeugentführungen sind immer Ausnahmesituationen. Das Flugzeug steht für Mobilität und damit für einen Grundwert westlicher Gesellschaften. Annette Vowinckel weiss, dass es den Entführern auch um diesen symbolischen Mehrwert geht. Dabei fing alles ganz «pragmatisch» an. «Wir haben eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1931, in der berichtet wird, dass peruanische Rebellen ein Flugzeug der PanAm gekapert haben, um damit über dem Urwald in Peru Flugblätter abzuwerfen», sagt die Autorin. «Was da genau passiert ist, können wir heute aus dieser Zeitungsnotiz nicht mehr rekonstruieren. Sicher ist aber, dass das der erste dokumentierte Fall einer Flugzeugentführung ist, wo wir auch wissen, dass es durchaus einen politischen Hintergrund gegeben hat.»

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Buchhinweis

Annette Vowinckel: «Flugzeugentführungen: Eine Kulturgeschichte», Wallstein Verlag, 2011.

Das Flugzeug wurde unversehrt zurückgebracht. Der Zwischenfall bleibt eine merkwürdige Episode. Zwei Jahrzehnte später sind es politische Flüchtlinge, die Flugzeuge in ein anderes Land entführen: Osteuropäer, die im Westen Asyl beantragen wollen, Exilkubaner, die in die Heimat zurück wollen.

Inneramerikanische Flüge enden zeitweilig so oft in Kuba, dass der Slogan der Fluglinie United Airlines für viel Heiterkeit sorgt: «Fly national to Miami and get something extra.» Vor allem im Kontext des Nahost-Konflikts entwickelt sich die Flugzeugentführung mehr und mehr zur politischen Aktionsform. Die Terroristen kämpfen um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und geben Interviews und Pressekonferenzen.

Flugzeug und Geiseln werden zum Faustpfand

«Wir müssen ausserhalb unseres Gebietes kämpfen und wir müssen die Welt dazu bringen, unsere Lage zu verstehen», sagte beispielsweise die palästinensische Flugzeugentführerin Mona Abdel Nagid im August 1970. Das Flugzeug und die Geiseln werden zum Faustpfand. Es geht um die Botschaft.

Die japanische Boeing 727-89 auf dem Rollfeld, 1970. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im März 1970 wird die Entführung der japanischen Boeing 727-89 erstmals live im Fernsehen gezeigt – ein Quotenerfolg. wikimedia

Im März 1970 wird die Entführung einer japanischen Maschine erstmals live im Fernsehen gezeigt und die Übertragung wird zum Quotenerfolg, Tokios Strassen sind leergefegt. Die Flugzeugentführung wird endgültig zum Medienereignis.

«Es ist grundsätzlich so», sagt Vowinckel, «dass alles, was im Flugverkehr passiert und nicht zur Normalität gehört, direkt in die Schlagzeilen kommt, ob das jetzt ein Absturz ist oder das ein Flugzeug über die Rollbahn hinausschiesst oder ob es eine Entführung ist. Der gesamte Flugverkehr ist extrem öffentlichkeitswirksam, medienwirksam. Das ist der eine Faktor. Zweitens gibt es natürlich die besondere Faszination dessen, was der Roman-Autor Walter Kirn mal die «Airworld» genannt hat, also diese Welt, in die man eintaucht, in dem Moment, in dem man ein Flugzeughafengebäude betritt.»

Die Faszination der «Airworld»

Es ist eine Welt, in der alles anders ist: die Gebäude, das Essen, die Menschen. Eine Mischung aus Kerosin und Champagner liegt in der Luft. Angst vor dem Fliegen, dem Absturz, einer Entführung sind darin nicht vorgesehen. Die Airworld ist die Bühne der Schönen und Erfolgreichen. Die Welt wird zur Bonusmeile. Diese ganze Welt des Fliegens ist extrem symbolisch aufgeladen – steht für Freiheit und Unabhängigkeit. Und sie ist lange ungeschützt. Erst Anfang der 1970er Jahre werden an den Flughäfen, nach einer Welle von Flugzeugentführungen, erste Sicherheitskontrollen eingeführt – mit Erfolg. Die Zahl der Entführungen geht drastisch zurück.

Brenndene Flugzeuge in der Wüste Jordaniens Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1970 sprengte die «Volksfront zur Befreiung Palästinas» in der jordanischen Wüste mehrere Flugzeuge in die Luft. Keystone

Die, die es dennoch wagen, werden radikaler und sie produzieren Bilder, die zu Monumenten werden im kollektiven Gedächtnis. Im September 1970 sprengt die «Volksfront zur Befreiung Palästinas» in der jordanischen Wüste mehre Flugzeuge vor laufenden Kameras in die Luft – darunter auch eine DC-8 der Swissair, die von Zürich nach New York unterwegs war. Die Maschinen waren leer. Das Bild ist die Botschaft.

Die Staaten reagieren auf die neue Radikalität mit ersten Abkommen zur Bekämpfung des Flugterrorismus. Viele Regierungen ändern ihre Strategie – weg von Verhandlungen hin zu militärischer Intervention. «Ich bin stolz, sagen zu können, dass die einzige fehlgeschlagene Entführung der Versuch war, ein israelisches Flugzeug zu entführen», sagt Jitzchak Rabin im September 1970 als israelischer Botschafter in den USA. «Wie es scheint, haben wir die Leute, die wissen, wie man mit so etwas umgeht.»

Angriff auf unsere Vorstellung von Freiheit

Im Juli 1976 befreit ein Sonderkommando der israelischen Armee auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda 100 Geiseln aus den Fängen ihrer Entführer. Die «Operation Entebbe» nimmt im Gedächtnis der Israelis bis heute einen besonderen Platz ein – so wie für die Deutschen «Mogadischu» 1977. Das Bild der Lufthansa-Maschine «Landshut» auf dem Rollfeld in Somalia gehört zum Kanon des bundesdeutschen Bildgedächtnisses. Hier wird nicht nur über das Leben der Geiseln und die Forderungen der Terroristen verhandelt. Es geht um die Wehrhaftigkeit des deutschen Staates. Die geglückte Geiselbefreiung gibt der Bundesregierung Recht: Mit Terroristen verhandelt man nicht.

Die 1977 entführte Lufthansa Boing 737 «Landshut» empfängt in Dubai Verpflegung und Getränke. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die 1977 entführte Lufthansa Boing 737 «Landshut» empfängt in Dubai Verpflegung und Getränke. Keystone

«Die Wahrscheinlichkeit, dass man seine Forderung durchsetzen kann, zum Beispiel mit einer terroristischen Flugzeugentführung, sind relativ niedrig», so Annette Vowinckel. «Da haben die Ereignisse von Entebbe und Mogadischu tatsächlich die Wende gebracht. Die Kombination von verschärften Sicherheitsmassnahmen und diese doch spektakulären Geiselbefreiungen haben dazu geführt, dass es in grossen Massstab ausgedient hat.»

Fliegen gehört zu modernen Leben dazu. Und die Geschichte der Flugzeugentführungen ist ein Teil dieser Moderne. Eine Entführung ist nicht irgendein Angriff auf eine Crew und Passagiere. Sie ist ein Angriff auf unsere Vorstellung von Freiheit, unsere Werte unseren Lebensstil. Das ist die Verbindung vom peruanischen Urwald über Mogadischu bis zu Ground Zero.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei 3sat.de.