Wenn Mönche und Soldaten zusammenleben: ein Besuch im Kosovo

«Wem gehört das Land wirklich?» Auch 17 Jahre nach dem Krieg beschäftigt diese Frage die kosovarische Bevölkerung. Die Frage wird vor allem entlang ethnischer Differenzen diskutiert. Mitten drin und von Soldaten bewacht steht das serbisch-orthodoxe Kloster Deçan.

  • Das Kloster Deçan im Kosovo wird von KFOR-Soldaten bewacht.
  • Im Kosov ist die Spannung zwischen albanischen Muslimen und serbisch-orthodoxen Christen immer noch offensichtlich.
  • Die Mönche von Deçan wollen ungeachtet der Politik Gutes tun und Menschen helfen.

Panzer säumen die Strasse

Das Kloster liegt unweit des Dorfs Deçan – Wald, Bächlein, Kuhställe und Berge im Hintergrund fügen sich zu einer friedlichen Gesamtkomposition zusammen. Doch die Idylle täuscht.

Die Strasse, die zum Kloster führt, ist gesäumt von Panzern, Betonpfeilern, militärischer Präsenz. Die 25 Möncheim Kloster leben unter dem Schutz von KFOR-Soldaten.

Klostereingang mit Hütte für Soldaten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Klostereingang wird von KFOR-Soldaten gesichert. SRF/Deborah Sutter

Weltkulturerbe und Granaten

In die klösterlichen Gemäuer kommt nur, wer den Soldaten seinen Ausweis abgibt. «Für uns ist das nicht mehr ungewohnt, die Soldaten sind ja schon so lange da», erzählt der Mönch Petar bei einem Glas selbstgepresstem Apfelsaft.

Seit 2004 beschützen die Soldaten das Kloster. Einerseits, weil die Klosterkirche mit ihren über 1000 Original-Fresken als UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Andererseits, weil es immer wieder Attacken auf das Kloster gab. Militärische, mit Granaten. Das letzte Mal 2007. Da schlug eine Granate in die Mauer ein, die das Kloster umgibt.

Mit irdischen Belangen abgeschlossen

«Angst haben wir eigentlich nicht», sagt Petar. Wie das? «Wir wussten ja alle, auf welche Situation wir uns einlassen. Als Mönche haben wir mit dem Irdischen sowieso abgeschlossen und unsere Aufmerksamkeit gilt anderen, himmlischen Dingen.»

Freskein in einer Kirche. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine der rund 1000 Fresken im Kircheninnern: Sie sind gut erhalten. Das Kloster gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. SRF/Deborah Sutter

Aber doch, klar, es wäre einfacher, frei zu leben und nicht mit Begleitschutz ins Dorf gehen zu müssen, fügt Petar an.

Geschichte unterschiedlich gedeutet

Mönche, die von Soldaten bewacht werden müssen? Grund dafür sind die anhaltenden Spannungen im Kosovo zwischen der albanischen und der serbischen Bevölkerung.

Erstere macht die grosse Mehrheit aus, letztere eine Minderheit. Beide machen aus ihrer jeweiligen Geschichtsdeutung einen Anspruch auf das Land geltend – das ist der grosse Streit.

Luftkriege einen Bevölkerung nicht

Die serbische Regierung anerkennt die Unabhängigkeit des Kosovo nicht und zählt die Region immer noch als eine seiner Provinzen.

Klostergebäude unter strahlend blauem Himmel vor waldigem Hügel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kontrast zu den politischen Spannungen: Die Landschaft rund um das Kloster ist Idylle pur. SRF/Deborah Sutter

Eskaliert ist die Situation 1998, als serbische Truppen den Kosovo angriffen. Das rief die Nato auf den Plan, die 1999 den Krieg durch Luftangriffe beendete.

Die tiefe Spaltung der Bevölkerung konnten weder die Nato noch andere internationale Organisationen bisher beenden. Die Vision des multiethnischen und auch multireligiösen Staates ist noch nicht umgesetzt.

Religion ist Identität

In dieser verworrenen Situation, in diesem Ringen um Identität, wird Religion ein immer wichtigeres Kriterium: Kosovo-Albaner definieren sich als Musliminnen und Muslime, Kosovo-Serben als serbisch-orthodoxe Christinnen und Christen.

Genau darum werden religiöse Einrichtungen Ziel von Angriffen: Das Kloster in Deçan wird zum Beispiel als Symbol für die serbische Regierung gesehen.

Kirche Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Kirchengebäude wurde erst kürzlich gereinigt, darum sieht es so frisch und wie neu aus. SRF/Deborah Sutter

Mit Religion Politik betreiben

Wie positionieren sich die Mönche selber? Petar will von Politik und von politischen Verstrickungen nichts wissen: «Wir sind nur mit einem Ziel hierhergekommen: Um unser Leben Gott zu widmen.»

Das mag in seinem oder auch in anderen Fällen stimmen. Doch dass die serbische Regierung enge Beziehungen zu den serbisch-orthodoxen Kirchenoberhäuptern pflegt, sei kein Geheimnis, sagt Rick Spruyt, der EU-Sonderbeauftragte für Religion und Kultur.

Das mächtigste Werkzeug der Mönche

Die Religion an sich spiele in der ganzen Debatte nicht wirklich eine Rolle, aber: «Man versucht seit einigen Jahren, mit der Religion Politik zu betreiben», so Spruyt.

Umgekehrt, auf Seiten der Religionsgemeinschaften, seien die Oberhäupter sehr zurückhaltend – auch wenn es um Aufrufe zu mehr Toleranz oder Frieden gehe.

Schade, eigentlich. Der Mönch Petar sagt auf die Frage, was sie als Klostergemeinschaft denn für den Frieden im Land tun: «Wir kümmern uns zum Beispiel um Arme, auch um Roma, die von allen anderen links liegen gelassen werden. Doch unser mächtigstes Werkzeug ist das Gebet: Gott und die Heiligen sind viel stärker als alles, was wir tun können.»

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