Ab vom Schuss Wie kann man nur in der Agglo wohnen?

Auf ein Date mit dem ehemaligen Wohnort: Unsere Autorin kehrt zurück in die Agglo und entdeckt ein Dörfchen, das aus dem Kokon geschlüpft ist.

Ein Mädchen auf einer Rutschbahn in der Agglo. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für die einen ist sie langweilig, für die anderen eine Möglichkeit, Eigentum zu kaufen: Die Agglo. Keystone

Reinach ist eine der grössten Agglomerationsgemeinde des Kantons Baselland. Zersiedelt wie kaum eine andere, da in den 1970er-Jahren praktisch das gesamte Gemeindeland zur Bauzone erklärte worden war.

Haus neben Haus, flächendeckend. Der Ortskern zerstört, der Rebberg zur Luxuswohngegend stilisiert. Schlafstadt nannte man die rasant gewachsene Gemeinde mit ihren 19’000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Brunch an einem Sonntagmorgen im Jahr 1979 in Reinach, Kanton Baselland. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hier ist unsere Autorin aufgewachsen: Ein Sonntag im Jahr 1979 in Reinach. Keystone

Die Frauen sassen zuhause mit ihren Kindern, die Männer arbeiteten auswärts. Jeder in seinem Häuschen, ohne Kontakte nach links und nach rechts.

Als Teenager fand ich die «Schlafstadt» deprimierend. Nichts wie weg, war meine Devise. Ich konnte nie nachvollziehen, warum so viele Menschen in der Schweiz gerne in der Agglomeration leben, sich dort «zu Hause» fühlen.

Das Dörfchen schlüpft aus dem Kokon

Deshalb fuhr ich kürzlich – nach jahrelanger Abwesenheit – mit dem Velo durch meine alte Heimat. Sehr erstaunt, wie gleich und doch ganz anders sie sich präsentiert.

Das einst spektakuläre erste Einkaufszentrum der Region – das Mischeli – ist zum Quartierladen mutiert. Auf der grossen Wiese vor der neuen Kirche sind ein vielbesuchter Generationenspielplatz, ein kleiner Tiergarten und eine Alterssiedlung entstanden.

Die Neubauten aus den 1960er und 1970er-Jahren haben Patina angesetzt, die sterilen Gärten und faden Strassenrabatten haben sich in blühende Kunstwerke verwandelt. Ich registriere heiteren, beschaulichen Frieden. Anstelle von gähnender Langeweile?

Hat sich das Quartier oder mein Blick verändert?

Ich klopfe bei Müllers an, die einzigen mir noch bekannten Nachbarn in «meiner» Wohnstrasse. Ich möchte von ihnen wissen: warum hier? Und warum immer noch hier?

Sie öffnen mir Tür, Herz und ein Album mit alten Familienfotos. 1967, frisch verheiratet, bezogen sie das Elternhaus von Herrn Müller. Es stand auf einer grünen Wiese weit ausserhalb des Ortskerns.

Diese Wiese gehörte einst dem grössten Bauern im Dorf, zusammen mit viel anderem Land hat er es an seine sechs Kinder vererbt, die es wiederum ihren Kindern weitergegeben haben.

Das Bauland ist weg, die Leute blieben weg

Die Familienfotos suggerieren Landleben pur. Doch die zahlreichen Kräne im Hintergrund dokumentieren eine andere Geschichte: Reinach im Baufieber. Die Einwohnerzahl hat sich in den 1960er-Jahren von 5’000 auf 13’000 fast verdreifacht.

Ein erster Richtplan diktiert Modernität: weg mit den Bauernhäusern, her mit den Hochhäusern im Zentrum. Man hofft auf 30’000 Einwohnerinnen und Einwohner. Deswegen wurde das ganze Gemeindeland zu Bauland umgezont, es fand rasanten Absatz.

Denn per Tram war das Dorf «in der Natur» mit der Stadt verbunden, pendeln also kein Problem. Heute gibt es – auch wenn die erwarteten 30’000 nicht eingetroffen sind – praktisch kein Bauland mehr. Wer bauen will, muss verdichten.

Statt Natur gibt’s jetzt wechselnde Nachbarn

Müllers haben diese Entwicklung der letzten 50 Jahre exemplarisch nachvollzogen: Der Feldweg vor ihrer Tür wurde zur Strasse, gesäumt mit einer Reihe identischer Doppelhäuschen. Im eigenen Garten bauten Müllers ein Haus für ihre Tochter.

Statt Natur rings ums Haus jetzt Nachbarn in wechselnder Besetzung: Wie ist das? Wunderbar, finden beide. Es war eine langsame Entwicklung, man gehe mit. Inzwischen könnten sie Bücher schreiben über das, was sich vor ihren Augen abgespielt hat.

Sie, die schon immer da waren, wollten sie jemals wegziehen? Auf keinen Fall. Wegen der Familie in der Nähe. Wegen der Natur. Wegen der Nachbarn und wegen der Freiheit, die sie hier geniessen. Draussen vor der Tür steht der Camper, den sie rege benutzen. Für sie ist leben in Reinach das pure Glück.

Brunch an einem Sonntagmorgen im Jahr 1979 in Reinach, Kanton Baselland. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das sonntägliche Miteinander: Brunch im Jahr 1979 in Reinach, Kanton Baselland. Keystone

Ein Haus um jeden Preis

Und wie ist es, wenn man nicht schon immer da war? Gegenüber wohnen Stuckis, zugezogen vor 20 Jahren, weil sie unbedingt ein eigenes Haus wollten, was in der Stadt für sie zu teuer war.

Nebenan ist Kinderlärm zu hören – eine Kindertagesstätte zwei Häuser weiter. Dringend nötig, meint Frau Stucki, die wie die meisten Frauen im Quartier Teilzeit arbeitet.

Wärme statt Langeweile

Ich bleibe zwei Stunden sitzen und die Familie mit 18-jähriger Tochter erzählt mir, wie es sich lebt in der Agglo. Wie sie den kleinen Pool in ein Biotop verwandelt, den Dachstock ausgebaut, eine Solaranlage installiert haben. Wie sie jeden Geburtstag der Familienmitglieder feiern – zusammen mit der gesamten Nachbarschaft, die sie in den höchsten Tönen loben.

Langweilige, deprimierende Agglo? Stuckis reden von Autonomie, Wärme und Gemeinschaft und ich glaube ihnen jedes Wort. Nicht die Häuser haben sich in den letzten 40 Jahren verändert. Sondern die Gesellschaft.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 23.6.2017, 09:00 Uhr

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