Zum Inhalt springen

Header

Schwarz-Weiss-Fotografie: Zwei weisse Männer posieren mit einer Gruppe einheimischer Männer im Busch.
Legende: Fritz und Paul Sarasin während ihrer Expedition nach Celebes. Tropenmuseum NL
Inhalt

Gesellschaft & Religion Wie zwei Basler Zoologen Kolonialschätze in die Schweiz brachten

Offiziell besass die Schweiz nie Kolonien. Und doch betrieb sie Kolonialpolitik: Die Eliten des Bürgertums waren eng mit den Kolonien verstrickt. Davon profitierte die scheinbar neutrale Schweiz zünftig, wie der Historiker Bernard Schär am Beispiel der reichen Basler Paul und Fritz Sarasin zeigt.

Die Vettern Fritz und Paul Sarasin waren Sprösslinge aus reichstem Basler Hause: Der eine 1856 geboren, der andere 1859. Beide studierten Naturwissenschaft und lernten sich erst während des Studiums an der Uni Würzburg kennen. Der Beginn einer bemerkenswerten Freundschaft, die sie 40 Jahre aufs Engste zusammenschweisste.

Auf den Spuren der Vettern Sarasin

Man sieht Paul und Fritz Sarasin als Zofingerstudenten.
Legende: Paul (rechts) und Fritz Sarasin als Zofingerstudenten, 1879 (Foto: J. Höflinger). MKB

Tag und Nacht verbrachten sie unter einem Dach: Briefe und Gedichte zeugen von einer tiefen gegenseitigen Liebe – im Geiste und vielleicht auch darüber hinaus. Letzteres war im 19. Jahrhundert und erst recht in den grossbürgerlichen Kreisen des Basler Patriziats eine Unmöglichkeit. Deshalb ist bis heute unklar, ob die beiden tatsächlich homosexuell waren oder nicht.

Wie auch immer: Sie machten sich früh auf den Weg in die Tropen, nach Ceylon und Celebes (heute: Sulawesi), und betrieben fernab der heimatlichen Enge intensiv ihre naturwissenschaftlichen Forschungen. Dazu gehörten auch Rassenforschungen, die vor allem der Frage nachgingen, wie und warum der weisse Mensch allen andern überlegen sei: zweckdienliche Überlegungen, um die kolonialen Eroberungen damals zu rechtfertigen.

Historiker Bernhard Schär hat sich in seiner Dissertation «Tropenliebe» auf die Spuren der beiden Basler Zoologen gemacht. Ihn interessierte, wie sie zur Expedition kamen, wie sie genau vorgingen und welche Folgen die Expedition für die lokale Bevölkerung, die dortige Kolonialmacht Niederlande und auch für die Schweiz – und vor allem deren Wissenschaftskultur – hatte.

Ohne staatliche Unterstützung

Dank ihres unermesslichen Reichtums konnten die Sarasins ohne staatliche Unterstützung aus dem Vollen schöpfen: Auf zahlreichen Expeditionen sammelten sie so viel wie möglich, schickten das wertvolle Material in die Schweiz und legten damit den Grundstein für die bedeutende ethnologische und naturwissenschaftliche Sammlung der entsprechenden Museen und machten sich mit ihren Forschungen einen Namen weit über die Schweizer Grenzen hinaus.

Man sieht ein Porträt von Paul Sarasin.
Legende: Paul Sarasin. MKB

In den entlegenen Kolonialgebieten waren die holländischen und britischen Beamten den beiden Schweizern gegenüber höchst kooperativ: Zum einen bedeuteten die beiden keine politische Konkurrenz, zum andern konnten sie deren Expeditionen nutzen, um wichtige Informationen für ihre eigene militärische Eroberung zu gewinnen. Aus europäischer Sicht also eine klassische Win-win-Situation wie sie ganz typisch ist für eine Schweizer Kolonialpolitik, die offiziell staatlich nie stattfand, die es aber trotzdem gab.

Kolonialpolitik trotz Neutralität

Neue Studien zeigen: Die Schweiz war in den kolonialen Gebieten bis zum Ersten Weltkrieg nur schwach vertreten. Vielmehr waren es Gelehrte, Kaufleute, Missionare, die vor Ort waren und die koloniale Herrschaft implementierten: Gesandte oder Vertreter bürgerlicher Eliten, die unabhängig von staatlichen Grenzen agieren konnten, national und international bestens vernetzt wie auch die Sarasins. Deren beide Väter waren steinreiche Textilfabrikanten, der eine zudem Basler Bürgermeister und Tagsatzungsabgeordneter, der andere Basler Regierungsrat, Ratsmitglied und treibende Kraft in der Basler Mission. Angesichts solcher Verstrickungen – so das Fazit des Historikers Bernhard Schär – muss die Schweiz in Sachen Kolonialgeschichte und Neutralitätspolitik im 19. Jahrhundert nochmals gründlich über die Bücher.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Nicolas Bullet , Zürich
    Dass die Schweiz davon profitiert hatten steht ausser Fragen. Soviel Reflexion und Ehrlichkeit bzw. Aufrichtigkeit sollte schon sein. Die vielen Redereifirmen (ob Erdöl oder andere Rohstoffe) in Genf oder sonstwo wie Zug, sprechen eine klare Sprache. Die Schweiz hatte profitiert und tut dies noch heute mit der Wirtschaft, nicht nur Banken. Dass Ethik dabei oft vergessen geht, sehen wir gut im globalen Wettstreit, nicht nur jüngst in Finanz- bzw. Bankenkise 2008. Global Verbindliche Standards?
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Kopf Benützer , Thurgau
    [...] Jetzt zu behaupten, die Schweiz hätte Kolonialpolitik betrieben, ist, als wenn jemand behaupten würde: Nur weil Napoleon einige Schweizer (ob freiwillig oder nicht sei dahingestellt) in seine Armee rekrutiert hatte, habe die Schweiz in den Napoleonischen Kriegen ganz Europa erobert!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Kopf Benützer , Thurgau
    Nur weil zwei Privatpersonen in Afrika herumreisten, betrieb die Schweiz definitiv keine Kolonialpolitik! Ausserdem machten die beiden offenbar nur, was heutige Biologen auch noch tun: In fremde Länder gehen und dort Flora- & Faunaproben nehmen, sie nach hause schicken und Theorien über Lebewesen aufstellen. [...]
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten