Glück als Druck «Wir leben in einer Smiley-Gesellschaft»

Ein Gespräch mit einer Entwicklungspsychologin über den gesellschaftlichen Druck, glücklich zu sein.

Eine Frau hält einen Ballon vor das Gesicht. Es ist ein gelber Ballon mit einem Smilie-Gesicht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gute Miene: Der Druck, glücklich zu sein, wächst immer mehr. Daran schuld sind auch die sozialen Medien. Photocase / inkje

SRF Kultur: Wann waren Sie das letzte Mal so richtig glücklich?

Pasqualina Perrig-Chiello: Ich bin immer wieder mal glücklich, täglich ein paar Mal. So richtig glücklich und zufrieden und im Einklang mit mir war ich vermutlich aber letzten Sonntag, als ich die ganze Familie bei mir hatte.

Was Glück bedeutet, ist sehr individuell. Was ist die wissenschaftliche Definition von Glück?

Glück ist ein intensives, positives Gefühl, eine Harmonie, ein Im-Einklang-Sein mit sich und der Umwelt, wunschlose Zufriedenheit. Aber Glück ist kein Dauerzustand. Es sind kurze Momente, die wir immer wieder erleben dürfen – gewisse Menschen mehr, andere weniger. Und wir können Glück nicht auf Kommando herzaubern.

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Zur Person

Pasqualina Perrig-Chiello ist Entwicklungspsychologin und Honorarprofessorin an der Universität Bern.

Im Zusammenhang mit dem Sozialbericht 2016 wurde festgestellt, dass es einen sozialen Druck gibt zu sagen, man sei glücklich. Was heisst das?

Wir leben in einer Smiley-Gesellschaft. Das heisst, wir werten Dynamik, Jugendlichkeit und Glück sehr hoch. Man muss wirklich sehr gut drauf sein, wenn man akzeptiert sein will. Die Leute allerdings, denen es nicht gut geht, werden alles machen, um diesen Standards zu genügen.

Wir geben also vor, glücklich zu sein, sind es aber gar nicht?

Ich würde nicht sagen, dass die Schweizerinnen und Schweizer alle Theaterschauspieler sind und sich etwas vormachen. Wir wissen, dass die Schweiz aufgrund ihres partizipativen politischen Systems sehr gute Rahmenbedingungen schafft, um glücklich zu sein.

Auf der anderen Seite ist diese Bemerkung sicherlich auch berechtigt, dass in einer Gesellschaft diese Jugendlichkeit und diese Dynamik eine grosse Rolle spielen, sodass man diesem Druck nachgibt, wenn nötig auch medikamentös. Man versucht, diesen Zustand zu erreichen, weil ein sozialer Druck da ist.

Sie sagten, wir leben in einer Smiley-Gesellschaft. Wo zeigt sich das?

Schauen Sie sich mal die Werbung an. Da sind alles strahlende Leute, die Ihnen vorzeigen, wie Sie eigentlich sein sollten. Auch wenn Sie die Bewertungen in den soialen Medien sehen – die Likes und so weiter, nach denen man süchtig ist. Man will diesen Standards folgen und man will «in» sein. Es besteht ein extremer sozialer Druck, dass man da dazugehört.

Kann man dann von einem Glücksdruck sprechen?

Wir leben zunehmend in einer Gesellschaft, wo das Haben dominant ist – beispielsweise möglichst viele Likes, viel Geld und tolle Kleider zu haben. Was zu kurz kommt, ist das Sein: Wie bin ich wirklich, wie realisiere ich meine Werte, welche Werte überhaupt?

In der Schweiz, aber auch in Dänemark, wo es einen sogenannten Druck zum Glück gibt, beobachtet man trotz hohem Glücksempfinden eine grosse Zahl an Suiziden und Scheidungsraten. «Suicide paradox» nennt sich dies. In diesen Ländern ist das Glück so hoch, dass diejenigen, die dem nicht genügen können, durch die Latten fallen.

Sie haben die sozialen Medien angesprochen. Welche Rolle spielen die diese in Bezug auf das Glück?

Eine sehr grosse. Bedenken Sie die vielen jungen Leute, die sich mit den Standards messen, die dort gezeigt werden. Man muss super gut aussehen, dazu sehr schlank sein. Die sozialen Medien regulieren, was gut und was schlecht ist. Die Leute richten sich danach und haben den Eindruck, wenn sie dem folgen, würden sie glücklich. Das ist ein absoluter Trugschluss.

Soll man sich in den sozialen Medien offen zum Unglück bekennen?

Ich finde diese Zurschaustellung negativer Gefühle in den sozialen Medien eher unzweckmässig. Man macht sich verletzlich, extrem verletzlich. Da können Kommentare kommen, die wirklich destruktiv sind. Bei diesem exhibitionistischen Sich-Zur-Schau-Stellen kann man nicht im Ernst erwarten, dass jemand einen wirklich substantiell und ehrlich unterstützen kann.

Ist es gesellschaftlich weniger akzeptiert, wenn ich offen sage, mir geht es nicht gut?

Wir können schon sagen, dass in einer Gesellschaft, in der Performance und Leistung als Standards gelten und mir vorgegaukelt wird, dass sich alle glücklich und super gut fühlen, dass ich mich schon in die Enge gedrängt fühlen muss, wenn ich dem nicht entspreche. Das ist, was diese grosse Diskrepanz macht: Wenn ich den Eindruck habe, allen anderen geht’s gut, dann muss ich mich daneben fühlen und noch schlechter als sonst.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 03.02.2016, 09.00 Uhr.

Das Gespräch führte Julia Voegelin.

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