Rassentrennung in den USA «Wir sind weit gekommen. Aber der Weg ist noch weit.»

Damals feierte es Obama, nun kämpft es ohne ihn weiter: das schwarze Amerika. Wie steht es um den Rassismus in den USA?

Vier Afroamerikaner demonstrieren mit einem weissen Plakat, auf dem steht: «Black Lives Matter». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aus einem Hashtag wird eine Bewegung: Afroamerikaner wehren sich gegen den Rassismus. Getty Images

«Es ist wunderbar», schwärmt David, ein schwarzer Unidozent. «Es gibt dir einen anderen Einblick, ein tieferes Gespür für unsere Geschichte.» David ist aus Kalifornien nach Washington gereist, um das neue Nationalmuseum für Afroamerikanische Geschichte zu sehen.

Die feierliche Eröffnung im September 2016 war eine der letzten Amtshandlungen von Präsident Barack Obama. Schwarze US-Amerikaner kommen stolz aus diesem Museum. «Wir sind weit gekommen», resümiert David. «Aber der Weg ist noch weit. Und manchmal scheint es, als ginge es zwei Schritte vor und einen zurück.»

Luthers Traum bleibt unerfüllt

Viel hat sich bewegt seit den dunklen Tagen der Sklaverei. Seit den 1950er-Jahren kämpfte die Bürgerrechtsbewegung gegen die Diskriminierung der Schwarzen in Schulen und im Stadtteil, im Wahllokal und im Büro, im Bus und am Bankschalter.

Der Baptistenprediger Martin Luther King, einer ihrer Anführer, erhielt 1964 den Friedensnobelpreis. Und wurde 1968 erschossen. Sein Traum ist bis heute nicht wirklich wahr geworden.

Noch immer aber ist in den USA die Kluft zwischen Menschen weisser und dunkler Hautfarbe riesig. Für einen weissen US-Amerikaner liegt die Wahrscheinlichkeit, im Laufe seines Lebens verhaftet zu werden, bei 1 zu 17. Bei einem Latino steigt sie auf 1 zu 6, bei einem Schwarzen sogar auf 1 zu 3. In Chicago beträgt die Armutsrate bei Weissen 9,3 Prozent, bei Schwarzen jedoch 29,4%. Der Lohnunterschied ist seit 1979 sogar gewachsen – auf 26,7 Prozent.

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Die Wirkkraft Obamas

Die Wirkkraft Obamas

Rassismus als Motiv

«Es gibt diesen puren Rassismus», sagt Felipe Luciano, «dazu kommt der Klassenkampf.» Luciano, 1947 in East Harlem geboren, war als junger Mann Anführer einer Gang – und schrieb nebenbei Gedichte.

Heute ist er Künstler, Radiomacher und Aktivist: «Viele Amerikaner sehen den Fortschritt als Konterrevolution, sie sagen: ‹Wir wollen unsere weissen Privilegien und unsere Macht behalten. Und bringen euch lieber um als Euch das Recht einzuräumen, nach oben zu kommen.›»

Gewalt ist bis heute ein Thema. Bei den sogenannten «Hassverbrechen» spielt Rassismus als Motiv bei weitem die Hauptrolle, weit vor Religion, sexueller Orientierung und Geschlecht.

Die Geburt der #BlackLivesMatter-Bewegung

US-Polizisten haben 2016 nach Zählung des «Guardian» mindestens 268 Schwarze erschossen – zumeist junge Männer. Die Bewegung «Black Lives Matter», 2013 aus einem gleichnamigen Hashtag entstanden, protestiert dagegen landesweit.

Die Rassentrennung bleibt überall sichtbar: Am Arbeitsplatz, in der Schule und den vielen Wohnvierteln, die bis heute nach Hautfarbe getrennt sind. In Detroit etwa, dessen knapp eine Million schwarze Einwohner überwiegend in schwarzen Vierteln leben. Bis 1968 konnten US-Stadtverwaltungen und Makler Afroamerikaner ganz legal zwingen, unter sich zu bleiben.

Obamas Ururgrossvater war Sklave

Der Fortschritt kriecht langsamer als eine Schnecke. Um den Wandel zu spüren, muss man tief in den Süden reisen, wo 1619 alles begann. Mit der ersten «Lieferung» von 20 Menschen schwarzer Hautfarbe.

Die holländischen Händler tauschten die «Ware» gegen Proviant. 1850 wurde Michelle Obamas Ururgrossvater Jim Robinson auf der «Friendfield Plantation» in South Carolina geboren. Er schuftete auf den Reisfeldern.

Auf einer anderen Plantage, nicht weit entfernt, führt Joe McGill Touristen durch die alten Sklavenquartiere. «Sogar zwölf ehemalige US-Präsidenten waren Sklavenhalter», erzählt er. «Die Geschichte wird bis heute geschönt».

«Old Slave Mart» ist heute ein Museum

Auf den Strassen des benachbarten Charleston wurde bis 1856 reger Menschenhandel getrieben. «Beim Verkauf kam es oft zu unschönen Szenen», sagt Joe. «Käufer fummelten an den Frauen herum, Männer schrien, Kinder weinten.»

Weil Bürger daran Anstoss ahmen, richtete die Stadt etwa 40 Handelsplätze in Gebäuden ein, ausser Sichtweite. Eines dieses Sklavenkaufhäuser, der «Old Slave Mart» ist heute ein Museum.

Nur eine Meile entfernt, in der Mother Emanuel African Methodist Episcopal Church, erschoss ein junger Weisser im Juni 2015 neun Schwarze während einer Bibelstunde . Er wurde im Januar 2017 zum Tode verurteilt.

Im Museum der eigenen Geschichte

Im afroamerikanischen Museum in Washington läuft Eric mit seinem Sohn David durch die Räume. «Die Frage ist: Wie weit erlaubt es Amerika heute wirklich allen, den amerikanischen Traum zu leben?», fragt der 23-Jährige. «Zu oft wird nur von den Unterdrückten erwartet, dass sie sich weiterentwickeln. Und nicht von den Mächtigen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Passage, 24.3.2017, 20:00 Uhr

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