Der Vodka ist schuld: Die Russen sterben immer früher

In Russland ist der Tod ein früher Gast. Hauptgrund ist der exzessive Alkoholkonsum, der mit dem Zerfall der Sowjetunion dramatische Ausmasse angenommen hat. 20 Jahre nach dem Umbruch ist die Lebenserwartung russischer Männer mit durchschnittlich 62 Jahren tiefer als zum Ende der Sowjet-Ära.

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Bildlegende: Die Lebenserwartung russischer Männer beträgt durchschnittlich 62 Jahre – Schuld ist der exzessive Alkoholkonsum. Getty Images

Es sind schreckliche Bilder. Geistig vollkommen abgebaute Alkoholiker kriechen auf allen Vieren über den Boden, vom Trinken entstellte und verwahrloste Menschen staunen in die Kamera. Die TV-Spots und die strikte staatliche Überwachung der Alkoholindustrie in der Ära Gorbatschov zeigten Wirkung. Die Zahl der Alkohol-Toten ging in den 90er-Jahren deutlich nach unten.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Heute trinken die Russen wieder viel mehr und sterben viel früher als damals. Gerade mal 62 Jahre beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung der russischen Männer. Sie leben damit deutlich weniger lang als ihre Geschlechtsgenossen im Westen, die heute knapp 80 Jahre alt werden.

Selbstgebrautes und Treibstoffe

Verschiedene Studien zeigen, dass die hohe Sterblichkeit der Russen direkt mit dem hohen Alkoholkonsum zusammenhängt. In Russland wird zwar traditionell viel getrunken, doch während Krisen trinken die Menschen regelhaft noch mehr. Nicht nur Vodka, Bier und Selbstgebrautes, sondern auch industriellen Alkohol wie er in Aftershave, Eau de Cologne und Treibstoffen wie Ethanol enthalten ist. Letzteres führe ganz klar zu einem frühen Tod, sagt Shkolnikov, der den Zusammenhang von Ehtanolkonsum und erhöhter Sterblichkeit nachweisen konnte (The Lancet, Vol. 369. 16 June 2007).

Jährlich sterben gemäss offiziellen russischen Berechnungen bis zu 500’000 Menschen an den Folgen exzessiven Trinkens. Betroffen sind v.a. Männer im erwerbsfähigen Alter. Eine kürzlich in der medizinischen Fachzeitschrift «The Lancet» erschienene Studie (Vol. 381, 30. März 2013) bingt 60 Prozent aller Todesfälle in dieser Bevölkerungsgruppe mit Alkoholismus in Verbindung.

Auch bei Frauen ist Alkohol ein Problem

Anti-Alkohol-Plakat aus dem Jahr 1954. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Nein!» – Anti-Alkohol-Plakat aus dem Jahr 1954. zvg

Männer leiden besonders stark unter der permanenten wirtschaftlichen und sozialen Unsicherheit im Land, sagt der russische Demograf Vladimir Shkolnikov. Die meisten Männer sähen sich noch immer in der traditionellen Rolle des Ernährers, die sie jedoch wegen der wirtschaftlichen Dauerkrise oft gar nicht wahrnehmen könnten: «Männer leiden vermutlich deshalb stärker unter der Destabilisierung in der postsowjetischen Ära.» Die Auswertungen der neuesten Lancet-Studie zeigen aber, dass der Alkoholismus auch unter Frauen ein grosses Problem ist. Autor Martin McKee von der London School of Hygiene and Tropical Medicine geht davon aus, dass bei den erwerbstätigen Frauen jeder dritte Todesfall in Zusammenhang steht mit übermässigem Alkoholkonsum.

Alkohol zerstört den Körper und führt zu geistigem Abbau. Oft tötet er auch unmittelbar. Vier Prozent aller Todesfälle in Russland sind heute Folge einer akuten Alkoholvergiftung. Doch der Alkohol schädigt nicht nur die Trinker. Auch Kriminalität, Gewalt und Unfälle nehmen in Russland jeweils parallel zum Alkoholkonsum zu.

Auch Familienplanung wird in Mitleidenschaft gezogen

Die frühe Sterblichkeit wirkt sich auch auf die Geburtenrate in Russland aus. Diese liegt tief und sinkt weiter. Zwar gibt es in Russland weniger kinderlose Frauen als in Europa. Doch viele Frauen haben nur ein Kind. Einer der Gründe: Russische Frauen müssten damit rechnen, die Kinder ohne Mann aufzuziehen, erklärt die russischen Journalistin Anna Kuritsyna. Die soziale Hilfe für allein erziehende Mütter sei sehr bescheiden. Unter diesen Umständen würden sich viele Russinnen genau überlegen, ob und wie viele Kinder sie haben wollten.

Nur wenig Prävention und Restriktion

Obwohl all diese Zusammenhänge längst bekannt sind, tut sich die russische Politik schwer mit Prävention und Restriktion. Der Umgang der russischen Regierungen mit dem fatalen Alkoholproblem im Land ist seit Jahren ein ständiges Vor und Zurück. Vladimir Shkolnikov, russischer Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Demografie in Rostock erklärt: «Hinter dieser Zögerlichkeit stecken grosse wirtschaftliche Interessen.» Denn der Staat verdient an der Alkoholsteuer und so manch korrupter Politiker an Bestechungsgeldern aus der Alkoholindustrie. Erfolgreiche Aufklärungskampagnen und gesetzliche Restriktionen wie jene in der Ära Gorbatschov werden daher jeweils schnell wieder abgewürgt.

Bleibt zu hoffen, dass es dem jüngsten, wenn auch harmlosen Bewältigungsversuch, dem «Bier-Gesetz», nicht auch so ergeht: Seit dem 1. Januar dürfen Jugendliche in der Öffentlichkeit kein Bier mehr trinken. Ursprünglich hätte das Gesetz auch für Erwachsene gelten sollen. Doch Präsident Putin ging das zu weit.