Wieviele Karrieren machen wir, wenn wir über 100 werden?

Unsere Gesellschaft wird immer älter, das ist ein viel diskutiertes Problem. Doch geht es beim demografischen Wandel nicht nur um «Überalterung», sondern auch um neue Möglichkeiten und Karrierechancen. Ein Bericht über eine kulturelle Veränderung.

Nahaufnahme einer älteren Frau, die freudestrahlend zwei kleine Hanteln in den Händen hält. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kräftig im Alter: Der demografische Wandel eröffnet neue Perspektiven auf Lebenswandel und Berufswelt. Getty Images

Inwieweit sich unsere Gesellschaft verändern wird, das lässt sich nicht voraussagen, aber wir können Trends beobachten und Visionen entwickeln. Eine Arbeitsgruppe des Gottlieb Duttweiler Instituts hat mit der Studie «Die Gesellschaft des langen Lebens. Zur Zukunft von Altern, Wohnen, Pflegen» genau das getan.

So wie im 20. Jahrhundert die Jugend erfunden wurde, wird im 21. Jahrhundert das Alter neu definiert, steht da zum Beispiel. Und dabei ist keine Rede von «Generationenkrieg» und «Überalterung», sondern vor allem von «kultureller Veränderung» – und die könnte durchaus attraktiv sein.

Zeit genug für eine zweite Karriere

Ein Kapitel widmet sich der Arbeit: Unsere Kinder, so die Ausgangslage, werden in ihren langen Leben mehr als eine Karriere machen. Sie starten etwa mit einer Lehre in die Berufswelt, arbeiten ein paar Jahre und gründen eine Familie. Mit 50 Jahren beginnen sie nochmal neu, mit einer künstlerischen oder akademischen Ausbildung. Sie haben dann nochmal mindestens 30 Jahre vor sich, Zeit genug, um eine zweite Karriere rentabel aufzubauen. Niemand bleibt demnach sein ganzes Leben lang in demselben Job oder setzt auf eine Karriere.

Schluss mit der «Diktatur der Alten»

Für die Arbeitgeberseite heisst das: weg von festen Anstellungen, hin zur Projektarbeit. Firmen stellen nach Bedarf immer wieder neue Teams zusammen und auch die Leitungen wechseln. Manchmal ist der Projektleiter ein Mann im Alter von 60 Jahren, dann wieder eine Frau von 25. Kein Chef bleibt Chef bis er 65 ist, womit der «Diktatur der Alten» ein Riegel vorgeschoben ist.

In einer Gesellschaft des langen Lebens kann es sich der Staat nicht leisten, seine Erwerbstätigen mit 65 Jahren auf die «Altenbank» zu setzen, so eine weitere These der Studie über «Die Gesellschaft des langen Lebens». Dieser Grenzwert wird schon heute nur noch von einem Fünftel der erwerbstätigen Menschen eingehalten, denn 40 Prozent gehen in Frührente, die andern arbeiten über das Rentenalter hinaus. Vorausgesetzt, die Arbeit belastet nicht ihre Gesundheit und das Arbeitsklima ist gut.

Forderung nach «Lebensleistungsrente»

Selbstverständlich werden viele Menschen dieser Flexibilität und dieser «Permawork» nicht gewachsen sein. Deswegen wird es weiterhin ein Rentensystem geben müssen, allerdings basierend auf neuen Prinzipien.

Ein Beispiel ist die sogenannte «Lebensleistungsrente»: der Staat knüpft die Renten nicht an die Alterslimite von 65 Jahren, sondern zum Beispiel an 40 geleistete Erwerbsjahre. Wann genau unsere Kinder der Zukunft diese 40 Jahre leisten wollen, ob am Stück oder in kleineren Portionen, können sie selber bestimmen.