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Jugendliche spielen Polizeibeamte während einer Protestaktion am 11. Oktober 1980 auf der Bahnhofstrasse in Zürich.
Legende: Jugendliche spielen Polizeibeamte während einer Protestaktion am 11. Oktober 1980 auf der Bahnhofstrasse in Zürich. KEYSTONE / Olivia Heussler
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40 Jahre Opernhauskrawalle «Die Not war gross!»

«Wir wollen alles, und zwar subito!» Damit erschüttert «d’ Bewegig» vor 40 Jahren die Schweiz. Eine Zeitenwende.

Markus Kenners Augen funkeln, wenn er vom «heissen» Sommer 1980 erzählt. Noch heute träumt der Archivar von den aufreibenden Ereignissen, die damals Zürich erfassen – und sukzessive das ganze Land.

Kein Platz zur Entfaltung

Als junger Mann gehört er zu den Aktivisten, die ein alternatives Kulturzentrum in der stillgelegten Roten Fabrik fordern. Dazu hat das Stimmvolk zwar längst Ja gesagt, aber nichts passiert – genauso wenig wie beim Autonomen Jugendzentrum (AJZ), das bereits von der 68er-Generation gefordert wurde.

Silvan Lerch

Silvan Lerch

Kulturredaktor SRF

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Seit 2005 arbeitet der promovierte Germanist für das Schweizer Fernsehen, heute ist er beim «Kulturplatz» tätig.

Er gab 2017 zusammen mit Peter K. Bichsel das Buch «Wie die Zürcher Jugendbewegung Zeichen setzte. Flugblätter 1979–82», Link öffnet in einem neuen Fenster im Limmat Verlag heraus.

Aktuell läuft sein Dokumentarfilm «Freiraum – Die Kunst der Unruhe» in der Sternstunde Kunst sowie Online.

Die Jugendlichen fühlen sich bestätigt: Der Stadtrat interessiert sich nicht für ihre Bedürfnisse. In einer Gesellschaft, die sie als bieder und beengend wahrnehmen, finden sie keinen Platz zur Entfaltung. «Die Not war gross!», hebt Markus Kenner hervor.

«Get Up, Stand Up» vor dem Opernhaus

Als dann die Zürcher Regierung auch noch einen Kredit für den Umbau des Opernhauses empfiehlt, reicht es den Vernachlässigten. 60 Millionen Franken für die Hoch- und keinen Rappen für die Jugendkultur? Dagegen demonstrieren sie am 30. Mai – friedlich, bis die Polizei in Vollmontur aus dem Opernhaus stürmt.

Die Situation eskaliert. Zumal zahlreiche Besucherinnen und Besucher nach einem Bob-Marley-Konzert aus dem Hallenstadion in die Innenstadt strömen, vielleicht auch inspiriert durch die Zugabe: «Get Up, Stand Up».

Video
Der Spitzel und die Chaoten: Beteiligte von damals erzählen
Aus DOK vom 14.05.2020.
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Die Stadt wird zum Dampfkochtopf

Am nächsten Abend wiederholen sich die Ereignisse. Zürich verwandelt sich in einen «Dampfkochtopf, bei dem das Ventil weg war», so Markus Kenner.

Die saturierte Gesellschaft ist schockiert: Man hat doch alles, gerne auch im Überfluss. Was kann da noch fehlen? Und dann rebelliert die bis anhin angepasst scheinende Jugend auf der Strasse, verlangt Freiräume und strebt nach Selbstverwirklichung ausserhalb von Konsum, Kommerz und Karriere.

Freie Sicht aufs Mittelmeer!

Auch wenn eine autoritäts- und konsumkritische Haltung seit «68» bekannt ist, stellen die «80er» ein neues Phänomen dar: Sie agieren weniger politisch und theorielastig, sondern kreativ, spontan, wild.

«Wir betonten das spielerische, lustvolle und ironische Element», erklärt Elinor Burgauer. Bei den Bewegten erster Stunde zeigt sich dies in der Gestaltung von Flugblättern, bei anderen im Malen von Transparenten.

Die damalige Studentin und heutige Psychologin erinnert sich noch gut an originelle Formulierungen wie «In Wirklichkeit ist die Realität ganz anders» oder «Nieder mit den Alpen! Freie Sicht aufs Mittelmeer!». Ein Spruch, der sich gar ins kollektive Gedächtnis einbrennen wird.

«Wir drängten darauf, uns auszuleben, auch gestalterisch», ergänzt Olivia Heussler. Sie ist 23, als die Bewegung ausbricht. Fortan wird sie diese dokumentieren – als Fotografin. Und verbindet dadurch Leidenschaft mit Beruf.

Die Nacht zum Tag gemacht: Jugendliche 1980 im Zürcher Autonomen Jugendzentrum AJZ
Legende: Die Nacht zum Tag gemacht: Jugendliche 1980 im Zürcher Autonomen Jugendzentrum AJZ. Keystone / Olivia Heussler

Kulturelle Explosion

Inspiriert wird die kulturaffine Bewegung etwa durch Punk und Dadaismus. Und beeinflusst ihrerseits verschiedenste Genres: Musik und Grafik ebenso wie Theater und Film.

Für Christoph Schaub ereignet sich in jener Zeit eine «kulturelle Explosion». Der renommierte Regisseur sieht als 22-Jähriger «Züri brännt»: ein Werk aus der Bewegung über und für die Bewegung. Es erlangt mit seiner so originellen wie radikalen Bild- und Textsprache Kultstatus – und nationale Aufmerksamkeit, als es 1981 an den Solothurner Filmtagen gezeigt wird.

Kulturleichen erwachen zum Leben

Schaub beginnt ebenfalls mit Interventionsvideos. Sie ermöglichen ihm, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Endlich können sie alle ihrer eigenen Stimme Ausdruck verleihen – nicht zuletzt in der Roten Fabrik, die doch noch ein Kulturzentrum werden darf. «Auf Druck der Strasse», wie Markus Kenner unterstreicht.

Hat sie das «stiere» Zürich zuvor (beinahe) «frieren» lassen, erwachen die selbsternannten Kulturleichen nun zum Leben.

Gewalt und Gegengewalt

Entsprechend vehement verläuft der Konflikt ums AJZ. Zwar erhalten es die Jugendlichen im Juni 1980. Doch die Behörden dulden keine Autonomie. Eröffnung und Schliessung, Wiederbesetzung und Räumung wechseln sich ab.

Eine Spirale setzt ein: Die Polizei versucht die Proteste zu ersticken. Setzt auf Tränengas, Gummischrot, Prügel und Verhaftungen. Diese Repression schüchtert ein, steigert aber auch Verzweiflung und Wut – und führt teils zu Militanz: Sachbeschädigungen und Plünderungen. Das gegenseitige Unverständnis ist wortwörtlich gewaltig.

Grossaufgebot der Polizei 1980, Rauch am Boden, Einsatz mit Tränengas gegen eine Aktion der Quartiergruppe Luft und Lärm
Legende: Polizeieinsatz mit Tränengas gegen eine Aktion der Quartiergruppe Luft und Lärm. KEYSTONE / Olivia Heussler

Ab- und Aufbruch

Im März 1982 wird das ehemalige Fabrikgebäude abgerissen. «D’Bewegig» endet – und doch nicht. Denn sie stösst nachhaltige Veränderungen an.

Die Unruhen führen zu einem Umdenken. Zürich wird toleranter – und mit ihm ein ganzes Land. Dank Bewegungen, die sich etwa in Basel, Bern oder Lausanne bilden.

Auf die Spitze getrieben

Heute, 40 Jahre später, möchte kaum jemand die errungenen inneren und äusseren Freiräume missen. Viele schätzen das pulsierende Leben und Leben-Lassen, auch wenn der Hedonismus unserer Gegenwart mit seiner 24-Stunden-Spassgesellschaft mitunter auf die Spitze treibt, was damals erst erkämpft werden musste und hiess: «Wir wollen alles und zwar subito.»

Sendung: SRF 1, Sternstunde Kunst, 24.5.2020, 11.55 Uhr und Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 29.5.2020, 9.02 Uhr

9 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Kessler  (KLERUS)
    Da ich jetzt gerade die Gelegenheit erhalte, möchte ich mich beider +\- 68 Generation bedanken. Die meisten Freiheiten die ich leben darf, habt ihr für uns erstritten. Danke!
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  • Kommentar von Ringo Noki  (Rinok)
    Der Aufruf von Prophet Anarcho damals war so kraftvoll.
    Ich erinnere mich leider nur noch an diese Passage:
    Halleluja Ihr Mühseligen und Verladenen, Gehet hin und werfet den ersten Stein, denn sie wissen genau, was sie tun.
    Heute streicht in Burgdorf ein Fitness-Center für Innenschwitzer, das sich Flower-Power nennt, seine Aussenwände in Anthrazit, und keine Seele kommt auf die kreative Idee oder hat den Mut, denen zu zeigen, wie kreativ, farbenfroh und spruchreif Flower-Power aussähe
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  • Kommentar von Ernesto Asher Meng  (Ashi Ernesto)
    Wohnte damals in Wien. Wir beobachteten diese Krawalle mit Besorgnis. Dass die Jugend keine Lokale hatte, war Fakt. Dass die Drogenszene daraus entstand oder einfach transparent wurde, war traurig. Viele Banker und Unternehmer griffen zu harten Drogen. Wenn man damals Drogen legalisiert hätte, wäre nie so ein Handel Weltweit und sehr erfolgreich was Marge angeht, entstanden. Drogen müssen legalisiert werden, dann verschwinden einige Probleme. Ärzte haben dies bestätigt und untersucht.
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    1. Antwort von Richard Meier  (meierschweiz)
      „Das ist Fakt“ ist wohl das neue Totschlag-Argument, quasi das atheistische Pendant zum religiösen „weil Gott es will“. Meine Sicht ist: Ich war damals Jugendlicher und lebte in der Stadt Zürich. Es gab Jugendräume in den Quartieren, Freizeitzentren und Angebote von Schulen, Kirchen und Vereinen. Sowie natürlich kommerzielle Angebote. Und für intellektuelle Weltverbesserer das Drahtschmidli. Mir fehlte überhaupt nichts - ausser die Krawallbereitschaft.
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    2. Antwort von Urs Graf  (U.G)
      Auf den Punkt gebracht Herr Meier. Ich selbst habe die Zeit miterlebt. Wir fühlten uns als Opfer, waren aber selbst Täter. Autonomie, keine Obrigkeit/Gesetze und Rebellion waren damals das Hauptziel und nicht ein Jugendzentrum. Die gab es nämlich wie sie auch schreiben. Obwohl ich damals auch dabei war muss ich heute ehrlich gestehen das die nicht drogenkonsumierenden Jungen dort keinen Platz fanden. Grosses Elend und viele drogenzerstörte Tote und Existenzen waren die Folge
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    3. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      @Meng
      Schon lustig das mit der Legalisierung. Es ist eine Tatsache, dass eine Legalisierung der Drogen das Problem so wenig löst, wie die Legalität des Alkohols das Problem des Alkoholikers löst! Die illegalen Drogen wurden ja nicht 1980 verboten, im Gegenteil, sie waren damals schon lange ein Problem, dessen Ursprung weit vor die Flower Power Zeiten reichte. Kokain war mal legal, man nutzte es als Gegenmittel zur Opiumabhängigkeit - was heute bestenfalls belustigt - zumindest aber erstaunt.
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