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Der Wald und wir Waldbaden – ein Selbstversuch

Wer in Japan unter Stress oder Depression leidet, dem verschreibt der Hausarzt gerne auf Rezept ein Bad im Wald. SRF-Moderatorin Beatrice Kern hat es im Berner Toppwald ausprobiert.

Legende: Video Waldbaden im Toppwald bei Konolfingen abspielen. Laufzeit 00:54 Minuten.
Aus Kultur vom 05.10.2018.

Es ist strahlendes Septemberwetter in Konolfingen. SRF 2 Kultur-Moderatorin Beatrice Kern folgt Waldtherapeutin Sonja Grossenbacher durchs Gestrüpp. Sie drängen vorsichtig Dornenzweige zurück, weichen Brennnesseln aus, lassen hohes Gras über die Handflächen gleiten.

Wind, das Summen der Insekten, das Gezwitscher der Vögel – je tiefer sie ins Unterholz kommen, desto mehr verstummt das Gespräch. Beatrice Kern bekommt von Sonja Grossenbacher eine praktische Einführung ins Waldbaden.

Sonja Grossenbacher

Sonja Grossenbacher

Waldtherapeutin

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Sonja Grossenbacher arbeitet als Wald-Achtsamkeitstrainerin, als Sport-Mentaltrainerin und als psychologische Beraterin im Wald und in ihrer Praxis in Konolfingen (BE). Sie absolviert gerade eine Weiterbildung zur Wald-Achtsamkeitstrainerin, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Beim Waldbaden geht es nicht darum, in Badehose munter übers Moos zu hüpfen oder in einem kühlenden Waldweiher zu dümpeln.

Waldbaden bedeutet, besonders achtsam im Wald spazieren zu gehen. Man soll dabei die vorgespurten Wege verlassen und sich auch einmal durchs Unterholz wagen.

Die Achtsamkeitsübung kommt wie Roboter-Haustiere oder minimalistische Sockenroll-Technik aus Japan und wird dort seit den 80er-Jahren als Therapie von den Krankenkassen bezahlt.

Shinrin-Yoku sagen die Japaner dazu, was als «Bad in der Atmosphäre des Waldes» übersetzt werden kann.

Beatrice Kern und Sonja Grossenbacher
Legende: Mentaltrainerin Sonja Grossenbacher (r.) ist von den Heilkräften des Waldes überzeugt. SRF/Claudia Herzog

Immer wieder zeigt Sonja Grossenbacher nach rechts und links, macht auf spezielle Blattformen oder auf die Struktur von Rinde aufmerksam. Fordert Beatrice Kern auf, kurz innezuhalten.

Alle Sinne auf Empfang

«Beim Waldbaden darf man ruhig einen Baum umarmen. Man muss es aber nicht», betont die Waldachtsamkeits-Trainerin.

Mich hat überrascht, wie schnell ich zur Ruhe kam. Wie schnell der Alltag und seine Probleme verflogen waren und ich mich auf mich konzentrieren konnte.
Autor: Beatrice Kern

Sonja Grossenbacher begleitet seit diesem Sommer geführtes Waldbaden. Ihr ist es wichtig, dass die vielfältigen Achtsamkeitsprozesse eine anerkannte Therapieform sind und nicht in der Esoterik-Schublade landen.

«Diese Schublade schreckt viele Menschen ab, denen Waldbaden gerade helfen würde», sagt sie.

Sonja Grossenbacher ist seit der Kindheit im Wald unterwegs. Sie glaubt uneingeschränkt an die Heilkraft des Waldes und den Nutzen als Präventivmedizin für Jung und Alt.

Beatrice Kern pustet die Blume.
Legende: Eine Waldbaden-Achtsamkeitsübung: wie früher als Kind Blumen anpusten. SRF/Claudia Herzog

Beim Shinrin-Yoku soll der ganze Organismus in die mit heilsamen Wirkstoffen angereicherte Luft eintauchen, die Bäume, Sträucher und Pilze verströmen.

Über Lunge und Haut soll der Körper die bioaktiven Substanzen aufnehmen können. Der Wald soll so die Abwehrkräfte stärken, den Puls beruhigen, den Blutdruck senken, Diabetes bekämpfen, Stresshormone abbauen.

Dafür sind nicht einmal Bewegung oder eine ausgefeilte Atemtechnik von Nöten: Der Wald soll auch wirken, wenn man einfach nur sitzt.

Fliegenpilz im Wald
Legende: Bakterien, Pilzsporen und Viren wirbeln durch die Waldluft und sollen unsere Abwehrkräfte stärken. SRF/Claudia Herzog

Der japanische Umwelt-Immunologe Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio gilt als Urvater der Waldtherapie. Laut seinen Studien ist der Wald eine Art Jungbrunnen, der den Menschen Energie und Vitalität schenkt.

Die Heilkraft des Waldes

Es sind vor allem sogenannte Terpene, hinter denen Qing Li heilende Kräfte vermutet. Das sind spezielle Pflanzenstoffe. Sie werden von Blättern und Nadeln freigesetzt und bewirken dabei den typisch harzigen, würzigen Waldgeruch.

Die Bäume setzen die Stoffe gegen Fressfeinde ein, sie wirken wie ein natürliches Antibiotikum. Ob der Mensch von diesen Stoffen ebenfalls profitieren kann, indem er sie einatmet? Davon ist Immunologe Qing Li überzeugt.

Sonja Grossenbacher und Beatrice Kern
Legende: Wichtig beim Waldbaden sei, sagt Sonja Grossenbacher, mit bewusster Aufmerksamkeit durch den Wald zu schweifen. SRF/Claudia Herzog

Hanns Hatt, Geruchs- und Geschmacksforscher an der Universität Bochum, hat seine Zweifel an den Studien von Qing Li. In Studien sei es schwer, psychologische und pharmakologische Effekte auseinanderzuhalten, sagt er.

Wissenschaftler Hatt hält die Konzentration der Duft- und Botenstoffe der Bäume für schlicht zu gering, um einen physiologischen oder gar pharmakologischen Effekt zu erzeugen. «Ich müsste tagelang im Wald spazieren, damit die Menge ausreicht», sagte er in einem Interview zu Zeit Online.

Karte mit dem Toppwald in Konolfingen
Legende: Beatrice Kern war mit Sonja Grossenbacher im Toppwald im Emmental unterwegs. SRF/Claudia Herzog

Die neue Lust an der Natur

Waldbaden trifft auf jeden Fall den Nerv unserer Zeit: In Deutschland werden erste Therapeuten wie Sonja Grossenbacher ausgebildet, «Heilwälder» an der Ostsee eröffnet oder Bücher wie Peter Wohllebens Bestseller «Das geheime Leben der Bäume» geschrieben. Der Wald verwandelt sich für Stadtmenschen gerade von einem Ort voller Zecken zu einem heilenden Flecken Erde.

Neu ist diese Erkenntnis nicht. «Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese Kraft ist grün», schrieb bereits die mittelalterliche Äbtissin Hildegard von Bingen.

Wenn ich einen Unterschied zwischen dem Waldbaden und einem Waldspaziergang festmachen müsste, ist es wohl die unterschiedliche Intensität.
Autor: Beatrice Kern

Doch ging man bisher in den Wald, um Pilze zu sammeln,zu joggen, mit dem Hund spazieren zu gehen oder um am Sonntag von A nach B zu wandern. Der Wald – nicht viel mehr als eine angenehme Kulisse für unsere Hobbys.

Beim Waldbaden wird nun der Wald zum Hauptakteur, der Waldbadende Teil von ihm.

Wald in Konolfingen.
Legende: Beim Waldbaden ist der Wald nicht die Kulisse, sondern der Hauptdarsteller. SRF/Claudia Herzog

Hören, riechen, tasten, fühlen, sehen. Mit allen Sinnen die Natur erleben. Dabei nimmt jeder Mensch etwas anderes mit. Im besten Fall ein Gefühl von Lebendigkeit.

Ich habe das Waldbaden als eine erfrischende Abkehr vom Alltag empfunden. Hat gut getan.
Autor: Beatrice Kern

24 Kommentare

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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Ich kann dieses Nonsensewort "Achtsamkeit" nicht mehr hören. Jeder selbstverständliche Gedanke, jede völlig normale Rücksichtnahme, jedes unabdingbare Mitdenken wird heute in "Achtsamkeitstrainings" bis zur Unkenntlichkeit wiedergekäut, aufdass es auch der letzte Therapiebedürftige lerne, den man nota bene früher in einer Anstalt behandelt oder einfach nur einen Trampel genannt hätte. Ausgebuffter Quatsch ist das.
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  • Kommentar von Sebastian Demlgruber (SeDem)
    Besonders „achtsam“ soll es sein, die offiziellen Wege im Wald zu verlassen, querfeldein durchs Unterholz zu trampeln??? Oder ist dieser neueste Unsinn nicht vielmehr ein Beleg für den sich vertiefenden menschlichen Narzissmus, den Wald immer umfassender und egoistischer als Freizeitressource zu nutzen - egal, ob damit Wildtiere aus den letzten Refugien aufgescheucht, ob geschützte Pflanzen zertreten werden? SRF trägt mit selten naiver, unkritischer Berichterstattung dazu kräftig bei.
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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Im hinteren Tösstal gibt es drei Berge die du nur durch den Wald erreichst. Geh da hoch und du hast die beste Therapie, wobei mir nicht im Traum einfallen würde es Therpie zu nennen. Das Schnebelhorn der höchste Punkt des Kanton Zürich mit 1292 Meter von Steg aus. Oder aber das Hörnli vom Sternenberg aus oder den Bachtel von Wald aus. Durch das hoch- und runtersteigen bekommst du alles was du brauchst. Am Anfang pass nur auf das du nicht runter fällst, bis dudie Natur wieder kennst.
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    1. Antwort von Astrid Meier (Swissmiss)
      Vor allem empfielt es sich, auf den Wegen zu bleiben, um die Wildtiere nicht zu stören. Auch vom Weg aus habe ich dort schon Hirsche und Gemsen gesehen. Wer es nicht so steil mag, dem sei die Strecke Steg-Wald oder Steg-Tösscheide und zurück empfohlen.
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